Die Rapskatastrophe

11. August 2010 | von:

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Ein Grund, warum dieses Blog besteht, war der Wunsch, den teilweise stark verzerrten und nicht wirklich wissenschaftlich fundierten Meldungen aus verschiedenen Quellen eine differenziertere, komplettere Sichtweise entgegenzusetzen.

In den letzten Tagen hat sich hierzu ein perfektes Beispiel herauskristallisiert, das ich deswegen heute gerne aufnehmen möchte. Es handelt sich dabei um folgende Meldung beim “Informationsdienst Gentechnik”: “USA: Rapsmutanten in der Wildnis”

Dort steht: “Wissenschaftler der Universität von Arkansas haben Genkonstrukte (Transgene) des Gentechnik-Raps bei Wildpflanzen nachgewiesen.”

Warum das nur teilweise richtig, aber auf jeden Fall irreführend ist (und vielleicht auch grundsätzlich falsch), will ich jetzt mal im einzelnen versuchen darzulegen.

Die komplette Meldung beim (Des)Informationsdienst:

“Wissenschaftler der Universität von Arkansas haben Genkonstrukte (Transgene) des Gentechnik-Raps bei Wildpflanzen nachgewiesen. Die Daten wurden heute auf einer Konferenz der Ecological Society of America in Pittsburgh, Pennsylvania, vorgestellt. Die untersuchten Pflanzen aus North Dakota wurden nicht aktiv ausgesät und waren weit entfernt von den mit Gentechnik-Raps bestellten Flächen. 80% der untersuchten Wildpflanzen enthielten Transgene mit Herbizidresistenz gegen die Wirkstoffe Glyphosat oder Glyphosinat. Besonders alarmierend ist jedoch der Fund der Pflanzen mit gestapelten Transgenen, also mit beiden Genkonstrukten und somit resistent gegen Glyphosat als auch Glyphosinat. Pflanzen mit den Mehrfachresistenzen sind bisher nicht kommerziell eingesetzt worden und können einen Hinweis dafür liefern, dass sie sich in freier Natur gebildet haben. Wirklich überraschend sind die Ergebnisse zwar nicht, weil Raps eine hohe Auskreuzungsrate besitzt und die Samen bekanntlich weit fliegen. Dennoch dokumentiert dies deutlich den Mangel an einem ausreichenden Monitoring in den USA. Einmal mehr zeigt sich, dass Gentechnik-Pflanzen nicht kontrollierbar sind. Es bleibt abzuwarten wie die Umwelt auf die neuen Gentechnik-Mutanten reagiert.”

Fangen wir mal mit dem Titel der Meldung an. Dort wird von “Rapsmutanten” und von “Wildnis” gesprochen. Trifft das zu?

Nun, als Mutanten mag man alles mögliche bezeichnen. Auch gentechnisch veränderte Pflanzen, wenn man denn mag. Und wenn man gentechnisch veränderte Pflanzen als solche bezeichnet, erscheint es auch logisch, die natürlich erzeugten Nachkommen dieser Pflanzen als Mutanten zu bezeichnen. Und auch solche Nachkommen, die die gentechnisch veränderten Pflanzen mit nicht gentechnisch veränderten Pflanzen gemeinsam per Kreuzung hervorgebracht haben.

Mich persönlich stört der Begriff der Mutanten, weil er einfach nicht präzise ist, und zudem negative Assoziationen weckt. Zumindest bei denjenigen, die nicht wissen, dass Mutagenesezüchtung (wo also wirkliche Mutanten durch Chemikalien oder Strahlung erzeugt werden) alltägliches Geschäft von Pflanzenzüchtern weltweit ist. Die Chinesen züchten so ihren Reis, Weizen und andere Pflanzen wurden so auch seit Jahrzehnten züchterisch bearbeitet. Kann man in diesem Buch online nachlesen: “Mutation breeding: theory and practical applications”

Wer also einen Großteil der aktuell angebauten Pflanzen als sicher und aktzeptabel einstuft, kann im Grunde nichts gegen Mutanten haben. Wie gesagt, dass sind “echte” Mutanten, bei denen man entweder Chemie oder Strahlung genutzt hat, um das Erscheinungsbild der Pflanze (Ertrag, Krankheitsresistenz, Backeigenschaften usw.) zu verändern. Ohne, dass dabei untersucht würde, wo denn die Mutation im Genom jetzt genau liegt, warum dies zu einer Veränderung des Phänotyps der Pflanze geführt hat, und ohne zu untersuchen, welche weiteren Konsequenzen das unter Umständen gehabt haben mag.

Bei gentechnisch veränderten Pflanzen ist das alles anders. Dort wird genau beschrieben, was man hineingesteckt hat, man muss genau untersuchen, wo es reingekommen ist, und man muss einige Untersuchungen dazu anstellen, welche (weiteren) Konsequenzen das hatte. Somit sind die GV Pflanzen deutlich besser charakterisiert, als die “Mutanten”. Auch deswegen haben sie diese Bezeichnung nicht verdient.

Zurück zur Meldung, oder eher zur Überschrift. Das zweite Wort, das aufstößt, ist “Wildnis”. Darunter stelle ich mir naturbelassene Flächen vor, die abseits menschlicher Einflussnahme liegen. Einen Nationalpark zum Beispiel, den Menschen nur über eingeschränkte Wege betreten dürfen (wenn überhaupt). Das wäre für mich Wildnis. Oder die sehr weit entlegenen Regionen in Osteuropa oder Asien, wo die nächste menschliche Zivilisation hunderte Kilometer entfernt ist. Auch das wäre Wildnis.

Wo wurden aber jetzt die Rapspflanzen gefunden?

Dem Abstract der Tagung nach, auf der die Ergebnisse vorgestellt wurde, und der Meldung der Universität nach, am Straßenrand! In Rissen in Fahrbahnoberflächen. An Tankstellen. Auf Parkplätzen.

Zu deutsch: in gestörten, anthropogenen Habitaten, teilweise Ackerrandstreifen, teilweise eher suburban. Und es waren auch keine “Wildpflanzen”, im Sinne von Beikräutern oder Wildverwandten Arten der Kulturpflanze Raps, nein, es waren Rapspflanzen selbst, Canola eben.

Raps hat sehr kleine Samen die beim Transport überall hinfallen und dort überdauern und auskeimen können. Raps hat auch ein großes Durchwuchspotential. Kommt irgendwo eine Rapspflanze dazu, Samen zu bilden, so wird man in den folgenden 10 bis 15 Jahren (oder länger) dort immer wieder Rapspflanzen beobachten können. Die Samen überdauern lange im Boden und keimen dann teilweise aus. Das ist normal und ein bekanntes Phänomen bei Raps.

Jeder, der mal an einer Autobahnbaustelle vorbeigefahren ist, welche mit Erdarbeiten verbunden war, wird das festgestellt haben: ein großer Haufen Erde, zusammengekratzt vom Randstreifen und vielleicht auch vom angrenzenden Feld – schwuppdiwupp stehen da hunderte, wenn nicht tausende Rapspflanzen. Weil die Samen eben noch im Boden keimfähig waren und nur auf einen geeigneten Moment warteten, um das Licht der Welt zu erblicken.

Rapsdurchwuchs ist etwas, was durchaus kontrolliert werden muss. Auch im konventionellen Rapsanbau. Nichts aussergewöhnliches. Und dass Raps, der beim Transport verloren geht, überall dort, wo er hingefallen ist, auch potentiell wachsen kann, ist auch nichts neues. Wenn Rapssamen aus Niedersachsen nach Bayern gekarrt werden, dann wächst er nachher entlang der ganzen Wegstrecke. Selbst dann, wenn wie in der (Des)Informationsdienst Meldung “die [...] Pflanzen [...] nicht aktiv ausgesät [wurden] und [...] weit entfernt von den mit Gentechnik-Raps bestellten Flächen [waren].”

Wie aus der Meldung der Universität hervorgeht:  “We traveled over 3,000 miles to complete the sampling,” Schafer said. Some of the sites had densely packed plants, with 1,000 specimens in a 50-meter space. They spray these roadsides with herbicides, and canola is the only thing still growing.” Offensichtlich wurden oder werden einige der untersuchten Flächen mit Herbiziden gegen Unkrautbewuchs behandelt. Von Wildnis würde ich erneut nicht sprechen. Dass dann hier nur die resistenten Rapspflanzen überleben, ist auch klar.

Laut Abstract wurden in über 80% der untersuchten Pflanzen jene Genprodukte nachgewiesen, die Resistenzen gegenüber Glyphosat (RoundUp) und Glufosinat (Liberty) vermitteln. Das dürfte wohl dem Marktanteil der GV Canola Sorten entsprechen – zumindest in Kanada liegt der Anteil der GV Sorten bei über 80% (aktuelle Zahlen für North Dakota finde ich auf Anhieb nicht). Somit ist dieser Anteil nicht verwunderlich – denn von einem Transporter, der GV Raps transportiert, kann auch nur GV Raps herunterfallen. Und weil zudem andere Rapspflanzen in einigen der untersuchten Stellen durch den Einsatz von Breitbandherbiziden totgespritzt wurden, ist natürlich der Anteil der GV Sorten dort höher.

Von 347 positiv getesteten GV Pflanzen gab es zwei, die beide Resistenzen beinhalteten. Das sind 0,58% aller positiven Pflanzen. Wenn zwei solcher GV Pflanzen nebeneinander zum Blühen kommen, tauschen sie natürlich auch Pollen aus, womit es dann natürlich zu einer Auskreuzung kommen kann. Also reicht ein Ereignis, damit eine Glyphosat-resistente Pflanze auch gegenüber Glufosinat resistent wird, und umgekehrt.

Untersucht, ob die vorliegenden Pflanzen einfach nur vom Trecker gefallen sind, oder es sich um konventionellen Rapspflanzen handelt, die per Auskreuzung die Eigenschaft(en) vermittelt bekommen haben, haben die Wissenschaftler nicht. Allerdings ist das erstere einfach die plausibelere Lösung und ließe sich durch weitere Tests einfach nachprüfen.

Damit das ganze ein Problem wird, müssten die Pflanzen diese Eigenschaft(en) schon an andere Unkräuter weitergeben, oder aber selber zu Unkräutern werden. Dies ist allerdings noch nicht geschehen, zumal es noch viele andere Mittel gibt, mit denen man Unkräuter bekämpfen kann (vom Mähen von Randstreifen, wie bei uns betrieben, mal ganz abgesehen).

Ein anderes Problem möchte ich hier ansprechen, nämlich, dass es Herbizid-toleranten Raps auch konventionell gezüchtet gibt, ohne jegliche Form der Regulierung oder Überwachung.

Das ganze nennt sich Clearfield, und kommt von der BASF. Und ja, es gibt auch Clearfield Raps in Nordamerika (Kanada). Der rieselt auch vom Hänger, wächst überall, und verbreitet sich (und seine Gene) munter in der Umwelt. Auch hier handelt es sich um eine Herbizid-toleranz. Nur weil das ganze keine GV Sorte ist, sondern eine konventionell gezüchtete, schreit da kein Hahn nach (zumindest nicht der (Des)Informationsdienst, nicht der NABU, nicht der BUND, nicht das BfN, der BÖLW oder andere).

Das muss ich einfach komisch finden…

P.S.: wegen der immer noch in der Diskussion befindlichen Koexistenzproblematik wird GV-Raps auf absehbare Zeit bei uns in Europa wohl niemals zugelassen werden. Wenn wir selbst bei Mais nie endende Diskussionen haben, obschon bei Mais  Koexistenz leicht zu realisieren ist, wird das bei Raps wohl nie gelingen. Versteht sich von selbst, das Koexistenz nicht 0%-Toleranz heissen kann!

Kommentare

  1. Stefan Rauschen sagt: 11. August 2010

    Hier gibts Zahlen zum GV Anbau in der Untersuchungsregion und andere Infos zur Arbeit: http://www.npr.org/templates/story/story.php?storyId=129010499

    Danke an “fafner”!

  2. Peter Langelüddeke sagt: 15. August 2010

    Lustig finde ich bei der von Herrn Rauschen zitierten Meldng des (Des)Informationsdienstes Gentechnik die Schreibweise des zweiten Wirkstoffes: Glyphosinat an Stelle von Glufosinat. Der Wirkstoff – oder genauer das Handelsprodukt “Basta” – wurde 1984 zum ersten mal zugelassen. Da sollte sich doch die richtige Schreibweise des Wirkstoffs langsam herunmgesprochen haben. Aber da hat man einmal das Hass-Produkt Glyphosat am Wickel, dann schreibt man automatisch den zweiten WIrkstoffnamen zwanghaft so ähnlich.

  3. Holger Roeben sagt: 22. August 2010

    Seit der Mensch Landwirtschaft betreibt, wird munter Selektiert.
    Und hierbei ist es egal um welchen Agrarbereich es sich handelt, sei es in Baumschulen oder Blumen- und Zierpflanzenbau usw.
    Wie auch schon im Text erwaehnt (Weizen, Reis…) duerfte sich ohnehin schon ueber die haelfte der Weltbevoelkerung von irgendwie manipulierten Lebensmitteln ernaehren.
    Solche Meldungen wie oben beschrieben werden Schamlos ausgenutzt, die verblendete Zivilisierte Bevoelkerung weiter zu veraengstigen und zu verunsichern.
    Das ist pure Geschaeftspolitik !
    Ebenso agieren der Nabu, GP… .
    Gefoerdert wird das ganze dann auch noch von der total ueberforderten Regierung. Hier ist es angebracht sich diverse Veroeffentlichungen gewisser Verbaende ueber Umsaetze etc. anzuschauen.
    Dieser Bereich ist heute ein starker Wirtschaftsfaktor !

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