Ein europäisches Gesetzgebungs-Paradoxon

18. August 2011 | von:

Tomate

Stefan Rauschen hat es in seinem blog-Beitrag zu den „unerwünschten Inhaltsstoffen“ thematisiert. Ich will es weiter ausbauen.

Das Thema: Warum werden gentechnisch veränderte Pflanzen einem monströsen Zulassungsverfahren und einer extensiven Risikoabschätzung unterworfen, während durch „klassische“ Verfahren wie Mutagenese erzeugte Pflanzen außer einer Sortenzulassung keinen Regularien unterliegen? Dasselbe gilt für moderne Verfahren der molekularen Pflanzenzüchtung wie z.B. tilling (“Tilling: Die „gute“ Alternative zur Gentechnik?” ). Auch beim tilling gibt es die Mutagenese-Anwendung, die Suche nach der gewünschten Mutation erfolgt durch Anwendung molekulargenetischer Methoden jedoch zielgerichteter. Wenig zielgerichtet sind jedoch die Mutationen, egal ob unter Anwendung chemischer Substanzen wie Ethylmethansulfonat (EMS) oder unter Anwendung von Gamma-Strahlung. Die Mehrzahl der heute verwendeten Durum-Weizensorten und alle Braugerstensorten gehen auf eine solche Behandlung zurück (siehe „Stand und Perspektiven der Grünen Gentechnik in Bayern“ S. 7).

Trotzdem darf sich damit gebrautes Bier mit solchen Etiketten schmücken wie “Reinheitsgebot” oder auch “Bio”.  Bei den anschließend in Verkehr gebrachten Sorten wird nicht untersucht, welche Mutationen noch vorhanden sind und welche Inhaltsstoffe dadurch verändert wurden. Man vertraut blind. Zumindest in Europa. Hier werden stattdessen Glaubenskriege um den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen geführt, die mitunter keine anderen Merkmale aufweisen als die mit Hilfe unregulierter Techniken erschaffenen. Die Diskussion wurde am Beispiel der Kartoffel im Transgen-Forum schon geführt: „tilling, smart breeding & gentechnik“.

Aber das ist nicht überall so. In Kanada umfasst die Zulassungspraxis alle Pflanzen mit neuen Eigenschaften (PNT: Plants with Novel Traits). Hier sind einige Beispiele:
Der sogenannte Clearfield-Weizen wurde durch chemische Mutation erzeugt: Decision Document Wheat AP205CL
Ebenso der Clearfield-Senf: Decision Document Indian Mustard Event S006
oder die ExpressSun – Sonneblume: Decision Document SU7

Zulassungsvoraussetzung sind u.a. durch den Antragsteller vorzunehmende Untersuchungen zu den Inhaltsstoffen. Im Fall des Senf wird dann von folgendem Ergebnis berichtet: „Apart from eicosenoic (gadoleic) acid, there were no statistically significant differences between B. juncea event S006 and Arid for palmitic, palmitoleic, stearic, oleic, linoleic, linolenic, arachidic, lignoceric and nervonic acids. Eicosenoic acid for both B. juncea event S006 and its control were within literature values.”

Und die Untersuchung der Sulfonylharnstoff-toleranten Sonnenblume ExpressSun ergab u.a. folgendes Ergebnis: “Except for Vitamin B2, there were no statistically significant differences between ExpressSun™ sunflower SU7 and control meal for all minerals analyzed. The statistical difference between ExpressSun™ sunflower SU7 and the control for Vitamin B2 was determined to not be biologically relevant.” Also eine statistisch signifikante Abweichung im Gehalt von Vitamin B2, die zudem nicht durch Literaturangaben gedeckt ist, aber als biologisch nicht relevant eingeschätzt wird.

Das wäre doch ein Thema für testbiotech ! Es ist ja schließlich keine andere Aussage wie im Fall der gentechnisch veränderten Sojabohne 356043, bei der auch signifikante Änderungen im Gehalt von Fettsäuren auftraten. Es ist aber kein Thema für Testbiotech, weil einzig die angewandte Methode darüber entscheidet, ob etwas skandalisiert wird

Clearfield-Weizen und -Senf sind gegenüber der Herbizidklasse der Imidazolinone tolerante Sorten. Nur dass auch hier keine Skandalisierungen wie im Fall von Glyphosat-toleranten Kulturen zu befürchten sind, denn es ist ja keine Gentechnik. Eigentlich müssten die Gentechnikkritiker über eine gegen Imazamox tolerante Pflanze hocherfreut sein, sind doch die toxikologischen Parameter noch harmloser als im Fall von Glyphosat. (EU Pesticides database /
(European Commission: “Review report for the active substance glyphosate”)

Ich will hier auf keinen Fall eine Ausweitung der bei Anwendung von Gentechnik erforderlichen monströsen Zulassungsverfahren auch auf andere Methoden fordern. Die Beispiele sollen zeigen, dass im Fall der Gentechnik mehr Augenmaß gelten sollte und die Frage nach der Notwendigkeit eines Zulassungsverfahrens nicht an der Methode, sondern am Ergebnis festgemacht werden muss. Aber da fühlt man sich als Biologe wie ein Rufer in der Wüste, gilt doch das unumstößliche Bauchgefühl-Dogma Gentechnik sei etwas qualitativ besonderes, weil Artgrenzen überschritten werden. Als wenn es keine Überschreitung der Artgrenzen beim Austausch von Erbinformation in der Natur gäbe! Und dann gibt es da noch diverse EU-Richtlinien und nationale Gentechnikgesetze, die inzwischen ihre Eigendynamik entwickelt haben und noch schwerer zu korrigieren sind als Dogmen (“Karlsruhe bleibt gentechnisch unverändert”, SZ 24.11.2010).

Bei solchen Maßstäben sind die Versuche eines Craig Venter zur synthetischen Erschaffung von Bakterien reines Teufelszeug (“Craig Venter creates synthetic life form”, The Guardian 20.05.2010)  oder auch die erwogene Einsatz der synthetischen Biologie bei der Bekämpfung hartnäckiger Pathogene (“Engineering microbes to sense and eradicate Pseudomonas aeruginosa, a human pathogen” in nature). Wenn noch nicht einmal vergleichbar einfache Fragen zur Sicherheit von gentechnisch veränderten Pflanzen in überschaubaren Zeiträumen gesellschaftlich gelöst werden können, wie steht es dann mit der Umsetzung der Ideen zur synthetischen Biologie?

Aber man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben. Auch das zentrale Dogma der Molekulargenetik von 1958 musste aufgrund der Realität korrigiert werden.

Kommentare

  1. torben hoffmeister sagt: 18. August 2011

    Hier noch eine aktuelle Ergänzung:
    http://www.agrarheute.com/gen-soja
    „Bereits vergangene Woche erhielt das Unternehmen ein positives EFSA-Gutachten bezüglich des GV-Sojabohnenkonstrukts 356043. Gentechnikgegner nahmen die Veröffentlichung der Gutachten zum Anlass, ihre Kritik am Bewertungsverfahren der EFSA zu bekräftigen. Harald Ebner, der Sprecher für Agrogentechnik der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, erklärte in einer Pressemitteilung: “Seit Monaten häufen sich Berichte und Studien über schwere Gesundheits- und Umweltschäden, die durch den Anbau von Gensoja sowie dem damit verbundenen massiven Einsatz von Pestiziden und deren Rückständen in Futter- und Lebensmitteln hervorgerufen werden”. Es sei daher realitätsfremd, die herbizidtolerante Sojasorte 356043 als genauso sicher wie konventionelles Soja zu bezeichnen. Der Politiker warf der EFSA vor, damit eine “Reihe fragwürdiger Entscheidungen zugunsten der Gentech-Lobby” fortzuführen.“
    Die Grünen haben also einen Sprecher für Agrogentechnik, obwohl es die in Deutschland schon fast nicht mehr gibt. Aber da sind ja noch die furchtbaren Sojaimporte um die man sich kümmern muss. Die „gehäuften Berichte und Studien von Gesundheits- und Umweltschäden“ sind den virtuellen Netzwerken der NGO`s entsprungen. Da fragt man sich schon, wer hier realitätsfremd ist. Aber einen Herrn Ebner werden weder die Ausführungen zur haltlosen Kritik von testbiotech an den Stellungnahmen der EFSA noch die BfR-Stellungnahme zu den Berichten von Gesundheitsschäden beeindrucken (http://www.bfr.bund.de/cm/343/neue_daten_zu_gesundheitlichen_aspekten_von_glyphosat.pdf) Ihn ficht sicher auch nicht die Feststellung der amerikanischen Zulassungsbehörde „finding of no significant impact“ an (http://www.aphis.usda.gov/brs/fedregister/BRS_20080724a.pdf) So stellt man sich Realitätsnähe vor ! Er hat es sich wie viele andere behaglich eingerichtet im ideologischen Stereotyp. Und der wird leider von vielen angenommen, da die Informationsbeschaffung aus science-blogs oder der Englisch-sprachigen (!) Stellungnahme des BfR doch etwas mühevoll ist.

  2. gedankenabfall sagt: 19. August 2011

    Warum werden Mutationszüchtungen nicht ebenfalls so strikt kontrolliert?

    Das ist die erstaunte Frage, wenn ich die Mutationszüchtungen als ein Argument gegen die strikten Zulassungsverfahren anführe. Kennen tut das kaum einer.

    Hat Alnatura nicht solche Sorten aus dem (Bio-)Sortiment ausgeschlossen, die durch „künstliche“ Mutagenese erzeugt wurden?

  3. torben hoffmeister sagt: 19. August 2011

    Hallo,
    die Frage sollte man anders herum stellen: Ist es notwendig die Mutationszüchtung so strengen Regeln zu unterwerfen, wie es bei der Anwendung zumindest der grünen Gentechnik der Fall ist und ist es bei letzterer in diesem Umfang überhaupt berechtigt ? (Eine Animation des Zulassungsprocederes ist hier zu bestaunen: http://www.gmo-compass.org/eng/home/)
    Ich kenne keine Fälle von Problemen mit Nahrungsmitteln, die explizit auf den Einsatz von Mutatationszüchtung zurückgehen und übrigens auch keine beim Einsatz von Gentechnik – zumindest in der peer reviewed – Literatur und mal abgesehen von den hier diskutierten Scheingefahren veränderter Inhaltsstoffe oder von den Skandalmeldungen ohne Substanz. Ich bin fest davon überzeugt, dass man veränderte Inhaltsstoffe auch bei klassischen Züchtungsprodukten finden wird, wenn man denn so genau untersucht. Bei Triticale, der Kreuzung aus Roggen und Weizen ist das garantiert der Fall – nur keiner problematisiert das. Warum auch ? Inhaltsstoffe schwanken natürlicherweise, sind Bestandteil der Nahrung und gehen in den Stoffwechsel ein. Mangelerscheinungen in der ersten Welt sind selten und gehen auf spezifische Verzehrgewohnheiten oder Stoffwechselerkrankungen zurück. Die problematischen Inhaltsstoffe wie z.B. das Solanin bei der Kartoffel sind bekannt und werden im Rahmen der Sortenzulassung geprüft. Warum also nicht die Zulassung von Produkten moderner Züchtungsmethoden einbetten in die bestehenden Zulassungsverfahren und wie bei neuen Methoden erforderlich zusätzliche Untersuchungen einbauen ? Im Fall der durch Gentechnik erzeugten Impfstoffe und Arzneimittel hat man das schließlich auch getan und das bereits 1993 ! Obwohl das ein sensibler Bereich ist, geht man offensichtlich hier nicht von spezifischen Gefahren einer Erzeugungsmethode aus. Gesetzgebungen und Zulassungsverfahren ausgerichtet einzig an einer Methode wie im Fall der Gentechnik sind nicht zielführend. Und das sollte eigentlich mein Beitrag aufzeigen. Als Nebeneffekt führt es zu dem in der Bevölkerung weit verbreiteten Umkehr-Fehlschluss: Dort wo eine strikte Extragesetzgebung existiert, müssten auch besondere Gefahren lauern. Aber die konnte bisher noch keiner nachweisen.
    Alnatura als Organisation mag ja beschließen, was sie will. Nur kontrollieren wird sie das nicht können. Es gibt und gab keine Registrierung von Züchtungsvorhaben unter Anwendung mutagener Agenzien. Und so wird auch Alnatura Bio-Bier verkaufen, das zwar unter Verwendung ökologisch korrekter Gerste hergestellt wurde, aber vermutlich als Sorte durch Mutationszüchtung entstanden ist. Ähnlich verhält es sich mit dem Durum-Weizen in Nudeln.

  4. Martin B. sagt: 22. August 2011

    Ja, wem sagen Sie das?

    Ich finde die Orientierung an der Methode zur Erzeugung neuer Sorten ja auch völlig hinverbrannt. Ich meine, dass die Zulassung in erster Linie vom konkreten Transgen und dessen potenziellen Schadwirkungen abhängen muss: Eine transplastomische Tabakpflanze, die ein Enzym des Vitamin-A-Metabolismus überexprimiert benötigt wohl kaum so viel Aufmerksamkeit, wie eine (hypothetische) Ricin-produzierende Kartoffel.

    Ich wollte mit meinem Kommentar nur andeuten, dass die mitunter sehr meinungsstarken Gentechgegner oft keine Ahnung von Tuten und Blasen haben, und weder die Worte „Mutationszüchtung“ oder auch „horizontaler Gentransfer“ überhaupt gehört haben.

    Alnatura – oder welche Bio-Firma das auch immer war – geht halt einen Schritt weiter und erklärt Mutagenese einfach mal als unnatürlich, ignorierend, dass Mutationen etwas natürliches sind. Ich will mich nicht darauf festlegen, dass es Alnatura war, auf Demeter passt das evtl. noch viel besser. Und natürlich können die Hersteller auswählen, welche Rohstoffe sie verarbeiten und auch festlegen, ob diese etwa nur von Steiner-gesegneten Uraltsorten stammen dürfen.

    ***

    Vielleicht ist so ein Kommentar mit Überlänge auch mal ein schöner Anlass, die Autoren des Blogs ausdrücklich zu loben: Bitte weiter machen mit den sauber argumentierten Meinungsbeiträgen! Ich lese euch stets gern. :)

  5. dr. bentor sagt: 22. August 2011

    Ich bin ebenfalls nach mehreren transmersierenden Studien der Meinung, dass die mutagenen GV Sojabohnen GV 3564788/ad wesentlich weniger Aufmerksamkeit benötigen, als die ExpressSun™ sunflower SU7, die mir bereits im letzten jahr in der Nähe von Avenon in Südengland aufgefallen sind. Hier liegt der Focus des Testbiotech 2011/17, der so gut im Decision Document SU7 beschrieben wurde. Da kommt noch einiges auf uns zu!

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