Bist Du für oder gegen Gentechnik? Falsche Frage, falsche Politik

1. März 2013 | von:

paprika-monster

„Das Projekt HannoverGen wird beendet.“ Dieser lapidare Satz aus dem Koalitionsvertrag der neuen rot-grünen Landesregierung in Niedersachsen ist nicht unwidersprochen geblieben. Vor allem Lehrer und Schüler sind konsterniert, dass einem erfolgreichen, für den naturwissenschaftlichen Unterricht so wichtigen Projekt die Gelder gekappt werden sollen. Die seit Jahren ausgebuchten Labore an den Schwerpunktschulen müssten dann wohl geschlossen werden und ein ausgezeichneter „Ort der Ideen“ würde einfach von der Landkarte gestrichen. Doch inzwischen gibt es Protest und eine online-Petition mit einer Einladung an den neuen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD), sich wenigstens „ein eigenes Bild zu machen“, bevor er das Projekt denn tatsächlich beendet.

Doch bisher regt sich nichts. Die neue Landesregierung bunkert sich ein und verweigert jede Diskussion. Verwunderlich ist das nicht. Denn wenn es um Gentechnik geht, reden beide Seiten schon lange aneinander vorbei. Die eine – vor allem Biologen und Naturwissenschaftler – meint damit bestimmte biotechnologische Methoden, die andere – Politiker, aber auch die „Anspruchsgruppen“ und der diffus besorgte Verbraucher – gebraucht „Gentechnik“ als populäre Chiffre für Profit, Agrobusiness und „unkalkulierbare Risiken“. Hier „neutrale“ Methodik, dort ein hochmoralisches, mit negativen Werten aufgeladenes Feindbild. Das kann einfach nicht gutgehen.

Die neue Landesregierung will Niedersachsen zum „gentechnik-freien“ Bundesland machen. Damit ist nicht etwa ein Verbot des Anbaus von gentechnisch veränderten Pflanzen gemeint (das gibt es de facto ohnehin), auch nicht die Verbannung von tausenden Tonnen gentechnisch veränderter Futtermittel aus den Vieh- und Geflügelställen (das geht schon rechtlich nicht), sondern es sind Schulen und öffentliche Einrichtungen, die „gentechnik-frei“gemacht  werden sollen. Sogar die Forschung an gentechnisch veränderten Pflanzen wollten die Grünen verbieten, scheiterten aber in diesem Punkt an der SPD, die offenbar den Verlust von Arbeitsplätzen fürchtet.

„Keine Gentechnik“ – das ist nicht nur eine politische Forderung, sondern eine festgefügte, schon fast religiöse Weltanschauung, die kaum Zwischentöne zulässt. Man fühlt sich damit moralisch auf der Seite des Guten, stellt sich tapfer und selbstlos dem Machtanspruch der Konzerne entgegen und bietet der „Monsanto-Verschwörung“ die Stirn. Wer Gentechnik vor allem als großes, finsteres Macht-Komplott versteht, der muss eben grundsätzlich alles bekämpfen, was offen oder versteckt dazu gehören könnte. (Wie grotesk das zuweilen sein kann, zeigt dieser Antrag der Grünen in Sachsen-Anhalt für ein Ausstiegsprogramm “Agro-Gentechnik“). Und dann muss HannoverGEN, als bloße „Akzeptanzbeschaffung für die Agro-Gentechnik“ abgetan, selbstverständlich mit Hilfe der frisch vom Wähler erhaltenen Macht rasch beendet werden.

Aber „die“ Gentechnik, auf die sich das ganze Weltbild stützt, ist eine Fiktion. Mit Hilfe gentechnischer und anderer molekularbiologischer Verfahren können unterschiedlichste Produkte – gentechnisch veränderte Pflanzen, Lebens- und Futtermittel, nachwachsende Rohstoffe, Medikamente – entwickelt werden. Diese sind weder per se „gut“ („gentechnisch verbessert“) noch „böse“ („genmanipuliert“). Jedes Produkt unterscheidet sich hinsichtlich seiner Eigenschaften und des jeweiligen Anwendungskontextes. Gerade, wenn man ein Produkt nicht nur anhand enger naturwissenschaftlicher Sicherheitskriterien bewerten und auch soziale, ökonomische, kulturelle oder ethische Aspekte einbeziehen will, dann muss man sich den Mühen des Einzelfalls unterziehen.

Natürlich sind in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft nicht alle einer Meinung. Wie etwa eine bestimmte gentechnisch Pflanzen zu bewerten ist, welche Folgen ihr Anbau haben könnte, um welche oft konkurrierenden Ziele und Werte es dabei geht, darüber muss und kann gestritten werden. Das alles kostet Zeit und Nerven, ist mühselig und oft auch noch mit wirtschaftlichen Interessen verwoben – aber was wäre die Alternative? Mit dem pauschalen Verweis auf „die Gentechnik“ („Die Mehrheit der Deutschen will sie nicht.“) kann man sich eine einzelfall-bezogene Bewertung nicht ersparen.

Genau da setzt HannoverGen an. Während der Labortage können die Schüler nicht nur selbst experimentieren und lernen, überall auf der Welt gebräuchliche molekularbiologische Verfahren anzuwenden. Sie werden auch die damit entwickelten Produkte besser verstehen und einordnen können. (Und viele Schüler sind begeistert vom Unterricht – das ist doch genau das, was sich alle Bildungspolitiker und Lehrer wünschen.)

Es lässt sich eben nicht alles über den groben Kamm der pauschalen, vom konkreten Einzelfall losgelösten Ablehnung scheren. Herbizidresistente Sojabohnen in Argentinien sind nicht pilzresistente Kartoffeln in Irland und auch nicht trockentoleranter Mais in Kenia. Man kann dabei durchaus zu konträren Urteilen kommen bis hin zu dem Entschluss, etwas nicht zu machen – aber als Ergebnis einer fallspezifischen Bewertung, nicht weil es einfach ins „keine Gentechnik“-Weltbild passt und von oben politisch diktiert wird.

Vor allem die Grünen werden ihre „Nulltoleranz“-Politik in Bezug auf die Gentechnik (und die Menschen, die sich damit beschäftigen) nicht lockern. „Keine Gentechnik“ und der Kampf gegen die Agroindustrie sind für sie wichtige identitätsstiftende Themen. Der SPD stände es dagegen gut zu Gesicht, noch einmal gründlich nachzudenken, bevor sie HannoverGEN tatsächlich schließt. Wenn die Genossen noch nach Begründungen suchen: Sie finden sie in den vielen Kommentaren von Schülern und Lehrern auf diversen Facebook-Seiten und auf den Seiten der online-Petition. Politiker sind auch mit dafür verantwortlich, wie eine Gesellschaft sich über strittige Themen wie die Grüne Gentechnik auseinandersetzt. Der Ball liegt nun bei  Stephan Weil und der SPD in Hannover.

Kommentare

  1. Rumaco sagt: 14. September 2015

    Ja, leider haben die meisten keine Ahnung, worum es bei der “Gentechnik” geht. Ich denke schon, dass es nicht auszuschließen ist, dass manche GVO vielleicht langfristige Auswirkungen z. B. auf die Biodiversität in bestimmten Ökosystemen haben könnten. Wie du sagst ist es aber keine Frage von “gut” oder “böse”. Leider helfen die Regierungen auch nicht, indem sie sich hinter einer Schwarz-Weiß-Rhetorik verstecken und gleichzeitig nebulöse Gesetze verabschieden, die nicht unbedingt zur Aufklärung beitragen. Kein Wunder, dass sich manche Bürger bevormundet und betrogen fühlen. Natürlich sind es auch die wenigsten, die versuchen, das Thema wirklich zu verstehen und ohne Vorurteile darüber nachzudenken.

    Tja.

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