Gentechnik-Kennzeichnung: Bis zum letzten Molekül?

10. September 2012 | von:

Kennzeichnung Tomatenpürree

In ihrer „Erfurter Erklärung“  fordert das europäische Netzwerk „gentechnik-freier Regionen“, dem sich auch Thüringen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen angeschlossen haben, eine „umfassende, einheitliche“ Kennzeichnungspflicht. Die drei Bundesländer – Bayern will sich noch anschließen – wollen eine entsprechende Gesetzesinitiative in den Bundesrat einbringen. Was genau unter einer „umfassenden“ Kennzeichnung zu verstehen ist, sagt weder die Erfurter Erklärung, noch die Presserklärungen der drei Landesregierungen. Aus gutem Grund: Mit der plakativen Forderung können sich die Landesminister entschlossen für „Wahlfreiheit“ und die Interessen der Verbraucher einsetzen, ohne genau sagen zu müssen, wie sie sich das vorstellen und wie sie es politisch durchsetzen wollen.

Klar ist nur, was derzeit alles von der Kennzeichnung ausgenommen ist.

  • Milch, Eier, Fleisch von Tieren, die mit gentechnisch veränderten Pflanzen und Zusätzen gefüttert wurden.

Gut, da ist man sich weitgehend einig, diese Lücke zu schließen. Doch wie das praktisch gehen könnte, bleibt nebulös. Am Lebensmittel selbst ist es nicht nachweisbar, was das Tier, von dem es stammt, gefressen hat. Um Verbrauchertäuschungen auszuschließen, müssten komplizierte, bürokratische und teure Rückverfolgbarkeitssystem aufgebaut werden.

  • Zusatzstoffe, Enzyme, Vitamine, die mit gentechnisch veränderten Mikroorganismen hergestellt werden.

Auch in diesem Bereich ist – wie beim Tierfutter – die Gentechnik weit verbreitet. Doch im Einzelfall wissen es die Hersteller meist selbst nicht, wie die Stoffe hergestellt werden, die sie verarbeiten. Überprüfbar wäre das erst, wenn die gentechnische Anlagen und das, was darin hergestellt wird, genehmigungspflichtig würden – so wie heute der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen. Auch das würde den Überwachungs- und Kontrollapparat enorm aufblähen. Bei der Einfuhr von Vitaminen, Enzymen und Zusatzstoffen, die heute zu einem großen Teil in Asien produziert werden, müsste man ähnlich kontrollieren wie heute bei pflanzlichen Agrarrohstoffen.

  • „Zufällige, technische unvermeidbare“ Beimischungen von (zugelassenen) gv-Pflanzen in Lebensmitteln, die heute bis 0,9 Prozent ohne Kennzeichnung erlaubt sind.

Wer grundsätzlich gegen die Gentechnik ist und konsequent alle Produkte meiden will, erwartet, jede noch so geringe Beimischung unter die Kennzeichnungspflicht zu stellen. Doch schon heute findet die Lebensmittelüberwachung etwa in jedem vierten Soja- und fast in jedem zehnten Maisprodukt Gentechnik-Spuren. Und wenn die Analysemethoden in Zukunft noch empfindlicher werden, dann wird irgendwann noch das letzte „fremde“ DNA-Bruchstück gefunden werden. (Es wäre rein zufällig und selbst für einen gewissenhaften „ohne-Gentechnik“ Hersteller grundsätzlich nicht vermeidbar, dass  sich ein paar GVO-Moleküle in sein Produkt verirren.)

Wenn es eine wirklich umfassende Kennzeichnung ohne Ausnahme gäbe, dann müssten am Ende nahezu alle Lebensmittel gekennzeichnet werden – auch Bioprodukte oder Lebensmittel, die sich heute mit dem „ohne Gentechnik“ Siegel schmücken. Wenn es fast überall draufsteht und Produkte im Hinblick auf die Gentechnik nicht mehr unterscheidbar sind, dann verliert Kennzeichnung seinen Zweck: die Wahlfreiheit .

Die Politik muss endlich aufhören, sich hinter der populistischen Forderung nach einer „umfassenden, lückenlosen Kennzeichnung“ zu verstecken. Sie muss erklären, dass es in der Natur und in der realen Welt des internationaler Handels keine absolute Gentechnik-Freiheit geben kann, sondern nur mehr oder weniger große Beimischungen. Was davon mit Hilfe der Kennzeichnung für eine „informierte Kaufentscheidung“ zugänglich gemacht wird – und was nicht, müssen Politik und Gesellschaft aushandel. Eine wissenschaftlich begründete Grenze gibt es dabei nicht.

Je weiter die Kennzeichnungspflicht reicht,

  • um so mehr Produkte sind davon betroffen, auch solche, die ausdrücklich ohne Gentechnik produziert werden,
  • um so weniger kann die Kennzeichnung zwischen bewusster Anwendung der Gentechnik und zufälligen Beimischungen unterscheiden,
  • um so höher werden die Kosten für Überwachung und Kontrolle, um so höher der Aufwand für getrennte Warenströme, Dokumentations- und Rückverfolgbarkeitssysteme, um so teurer am Ende die Lebensmittel,
  • kurz: um so kostspieliger und zugleich wertloser wird sie.

Am Ende muss die Politik, aber auch die „Zivilgesellschaft“ sagen, was ihr die Gentechnik-Kennzeichnung wert ist und wer dafür bezahlen soll.

Auch in Erfurt, auf der Konferenz der „gentechnik-freien“ Regionen, war die Meinungen dazu keineswegs einhellig. Während Vertreter der Grünen und der Verbraucherzentralen „umfassende Kennzeichnung“ etwa auch für gentechnisch hergestellte Vitamine und Zusatzstoffe forderten, lehnte das andere Teilnehmer ab. Enzyme und Vitamine würden doch im „geschlossenen System“ hergestellt. Zudem wäre dann jeder Käse – wegen des häufig an Stelle des Labferments verwendeten Chymosins – als „gentechnisch verändert“ zu deklarieren. Wenn ausnahmslos gekennzeichnet werden müsste, so Alexander Hissting, Geschäftsführer des „Verbandes Lebensmittel ohne Gentechnik“ (VLOG) nach einem Bericht auf Südthüringen.de, könnte der gentechnikkritische Verbraucher resigniert aufgeben. Im Klartext: Wer gegen Gentechnik ist, muss sich für eine Kennzeichnung einsetzen, die bestimmte Anwendungen ausklammert. (Dass es dabei auch um die wirtschaftlichen Interessen der „ohne Gentechnik“-Unternehmen geht, ist noch eine andere Geschichte.)

Also: Wie weit soll die Gentechnik-Kennzeichnung reichen? Und wie viel darf sie kosten?

 

Kommentare

  1. A. Schmidt sagt: 11. September 2012

    Einen praktikablen Ansatz für einen Schwellwert liefert doch die Definition für eine sogenannte gentechnikfreie Region selbst:

    „Eine GFR muss im gewählten Bezugsraum (z.B. Gemeinde, Landkreis, Naturraum) mindestens 2/3 der landwirtschaftlichen Nutzfläche gentechnikfrei bewirtschafen.“

    Oder umgekehrt: bis zu einem Drittel darf Gentechnik drin sein, damit es noch als “ohne” durchgeht.

  2. Gerd Spelsberg sagt: 13. September 2012

    Ich weiß, politisch korrekt ist das nicht, aber ich halte nichts von einer Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Futtermitteln auf den damit erzeugten Lebensmitteln (Fleisch, Milch, Eier), so wie es heute eigentlich alle fordern.

    Um eine solche Kennzeichnung zu kontrollieren (und vor Täuschung zu schützen), wäre ein riesiger Aufwand zur Kontrolle der gesamten Erzeugerkette erforderlich. Denn am Lebensmittel selbst lässt sich das analytisch nicht überprüfen. Entweder: Die Lebensmittel würden teurer oder es würde systematisch falsch deklariert.

    Information über die Qualität eines Lebensmittels liefert eine solche Kennzeichnung auch nicht. Erst recht nicht zu möglichen Risiken, denn stofflich macht das Futtermittel im Endprodukt keinen Unterschied. Und als Hinweis auf die Herstellungsweise , Umweltverträglichkeit oder Gerechtigkeit bei der Erzeugung? Da scheinen mir eine Reihe von Aspekten viel wichtiger als gv-Futtermittel: etwa die Tierhaltung, Import aus Übersee oder Erzeugung in der Region, nachhaltige Landwirtschaft… und erst unter ferner liefen vielleicht die Gentechnik-Frage.

    Kurz: Eine solche Kennzeichnung ist kompliziert , teuer und extrem täuschungsanfällig, der Informationsgehalt, der für eine Kaufentscheidung nützlich sein könnte, äußerst dürftig.

  3. torben hoffmeister sagt: 14. September 2012

    Gerd Spelsberg
    Solche rationalen und abwägenden Argumentationen in Ehren, aber in der Realität spielen sie keine Rolle. Es ist gelungen, eine Technologie und das auch nur in einem Teilbereich (an sich schon irrig) per se als nicht nachhaltig zu stigmatisieren, so dass die Auslobung „ohne Gentechnik“ oder „gentechnikfreie Zone“ als Qualitätsmerkmal wahrgenommen wird, ohne dass überhaupt noch über die Sinnhaftigkeit im konkreten Fall nachgedacht wird. Auch die “keine Gentechnik” – Kennzeichnung ist kompliziert und auch nur mit aufwändigen Dokumentationen zu kontrollieren. Das dürfte also zumindest hier kein Hinderungsgrund für die Einführung einer prozessorientierten Positivkennzeichnung sein. Der Haupthinderungsgrund ist eher der bei der Gegnerseite befürchtete Gewöhnungseffekt.

  4. Brazn sagt: 22. September 2012

    Danke für diesen guten Blogartikel.

    Bei den unterschiedlichen Kennzeichnungen (Labels/Werbelabels/Kennzeichnung in der Zutatenliste), die es heute so gibt, sollte man sich ebenfalls Gedanken über die praktische Anbringung an Produkten machen. Grundsätzlich ist es zwar möglich, jedoch sollte eine Entwicklung vermieden werden, bei der dem Verbraucher ein langer Beipackzettel zugemutet wird, den er erst durchlesen muss, bis er weiss was das Produkt beinhaltet und was nicht und wie es hergestellt wurde. Nehmen wir z.B. die Margarine. Welcher Verbraucher ist denn schon bereit hier einen großen Aufwand der Informationsgewinnung in Kauf zu nehmen? Ich schätze das würde nur diejenigen machen, denen es wirklich wichtig ist. Und wenn denen die Wahlfreiheit nicht geboten wird, ist mit einem Aufschrei zu rechnen. An vielen anderen würde eine Kennzeichnung doch vorbei gehen. Es ist ebenfalls eine sehr komplexen Frage, was die Kennzeichnung tatsächlich aussagt: Ist das Produkt nun frei von GVOs? Bedeutet die Kennzeichnung, dass das Unternehmen nun keine Gentechnik in ihrer Produktion anwendet? Gibt es Ausnahmen? Kann ich mit den Ausnahmen leben? etc.

    Labels/Kennzeichnungen haben nun mal Vor- und Nachteile, wirken auch manchmal nur als Werbung. Sind mal mehr und mal weniger vertrauenswürdig. Die Liste lässt sich weiter fortführen. Wenn wir den europäischen Rahmen mal mitbedenken, können auch hier Unterschiede in der Aussagekraft der Labels/Kennzeichnung bestehen. Auf welcher Ebene will ich also Regeln? Was ist mit Menschen, die zwischen den Ländern reisen? Ein homogener Ansatz sollte verfolgt werden, zuviele regionale und nationale Sonderwege führen wohl eher in die Irre und weniger wahlfreiheitsfördernd.

    Alternativen der Informationsgewinnung sollten ebenso in Betracht gezogen werden. Es könnten z.B. besondere Produzenten geben, die Gentechnik in keinster Weise nutzen oder unterstützen. Aber auch hier stellt sich die Frage, wie man das praktisch bewerkstelligen kann, unter Berücksichtigung der derzeitigen Ausnahmen. Wem sollen die Kosten für die Gentechnikfreiheit auferlegt werden. Sollen also gentechniknutzende Produzenten die Mehrkosten der Trennung zahlen oder die anderen oder der Staat etc.

    Es sind die Hintergründe zu beleuchten, weshalb gewisse Verbrauchergruppen die produktorientierte oder prozessorientierte Kennzeichnungen wollen, welche Kosten dann in Kauf genommen werden sollen und ein Kompromiss ist unvermeidbar, denn hier geht es ja auch um Kostenfragen der Rückverfolgbarkeit.

    Natürlich hat sich die Diskussion festgefahren, aber grundsätzlich können wir es uns nicht leisten bei den vor Jahren festgelegten Positionen zu bleiben. Alternative Ansätze müssen her. Grundsätzlich sollte man sich etwas zurücknehmen mit Aussagen wie: “Der Verbraucher will aber… ” oder “Der Verbraucher würde bei einer solchen Kennzeichnung dies oder jenes machen” Diesen Aussagen würde ich immer Mißtrauen, wenn keine fallspezifischen Studien vorliegen.

    Es gibt nicht DEN Verbraucher! Die Basis der Daten über DEN Verbraucher ist sehr dürftig.
    Viele Verbraucher werden eben nicht angehört. Viele Verbraucher verstehen den Hintergrund von Kennzeichnung nicht oder missverstehen ihn.

    Hier ist noch viel Forschungsarbeit zu leisten und man kann sich ebenfalls nicht zurücklehnen und denken: “Nun ist gut!” Die Meinungen der Verbraucher ändern sich kontinuierlich.

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