Gentechnik-Mais 1507: Warum etwas verbieten, was niemand haben will?

10. Januar 2014 | von:

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In den nächsten Tagen muss die EU- und das heißt auch jeder einzelne Mitgliedsstaat – entscheiden, ob der gentechnisch veränderte Mais 1507 für den Anbau zugelassen werden soll. Es wäre – mal abgesehen vom Intermezzo mit der längst schon wieder verschwundenen Amflora-Kartoffel – seit sechzehn Jahren die erste gentechnisch veränderte Pflanze, deren Anbau in der EU grundsätzlich genehmigt würde. Eine eindeutige politische Entscheidung – dafür oder dagegen – hätte eine große symbolische Bedeutung. Und entsprechend hoch geht es her.

Wie immer beschwören die Gentechnik-Gegner „unkalkulierbare Gefahren“ und das „Ende einer gentechnik-freien Landwirtschaft“. Ihre Kampagne – Unterschriften, Petitionen und auch die Parolen der „Wir haben es satt“- Demo am Rande der Grünen Woche in Berlin – zielen vor allem auf die neue deutsche Regierung, die in ihrem Koalitionsvertrag das Thema Gentechnik ausgeklammert hat, und den auf diesem Gebiet noch unerfahrenen Landwirtschaftsminister Hans-Peter Friedrich (CSU). Im Bundestag haben die Grünen gerade den zweiten Antrag eingebracht, um die herumlavierende Regierungskoalition vorzuführen. (Den ersten Antrag hatte die CDU/CSU/SPD- Mehrheit vor Weihnachten an die Ausschüsse verwiesen und sich damit vor einer Abstimmung gedrückt.)

Ein „klares Nein für 1507“ fordert auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) in einem offenen Brief an Friedrich. Es „gibt keinen vernünftigen Grund, den Mais der Linie 1507 in Europa anzubauen“, heißt es da. Der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen, so die AbL weiter, „führt zu einem höheren Pestizidverbrauch, geringeren Ernten, resistenten Unkräutern und Schädlingen“. Wenn das stimmt – wie dumm müssten Landwirte sein, um so einen Mais auszusäen? Höhere Kosten, weniger Ertrag, keine Wirkung gegen Schädlinge – dazu müssen noch ziemlich komplizierte „Koexistenz“-Regeln wie Mindestabstände eingehalten werden, die ebenfalls die Kosten nach oben treiben. Und für seine 1507-Ernte würde ein Landwirt außerhalb seines eigenen Betriebs kaum einen Abnehmer finden. Vom Ärger mit den Nachbarn und einer verschreckten Öffentlichkeit ganz zu schweigen.

Ein Produkt, das schlecht und nicht konkurrenzfähig ist und das die Kunden nicht wollen, wird schnell wieder vom Markt verschwinden. Das ist bei Maissaatgut so wie bei einer Waschmaschine. Warum muss ein Produkt verboten werden, das auf dem Markt ohnehin keine Chance hat? Wäre es im Falle des 1507-Maises nicht eine bessere, überzeugende Bestätigung für die Warnungen der Kritiker, wenn „der Markt“ sie im Nachhinein bestätigen würde? Warum die Keule des Verbots?

Entweder: Die Kritiker unterstellen den Landwirten, sie hätten keine Ahnung von Schädlingsbekämpfung, könnten nicht rechnen oder gingen den vollmundigen Versprechungen der Konzerne auf den Leim. Oder: Die Gentechnik-Gegner ahnen, dass ihre Argumente vielleicht doch nicht stimmen könnten, dass unter bestimmten Bedingungen (hoher Schädlingsbefall) und bei einem etwas entspannteren Meinungsklima der Anbau von gv-Mais wie dem 1507 durchaus Vorteile haben könnte. Wie in Spanien, wo seit Jahren etwa ein Drittel der Maiserzeugung auf gv-Mais entfällt und die meisten Landwirte davon auch wirtschaftlich profitieren.

Aber, so werden die Kritiker einwenden, ein Verbot von 1507-Mais sei auch aus Vorsorgegründen erforderlich. Seine Wirkung auf Schmetterlinge, Bienen und andere „Nicht-Zielorganismen“ sei nicht hinreichend erforscht. „Schon jetzt ist bekannt, dass verschiedene Motten- und Schmetterlingsarten betroffen sind“, so die AbL. Das ist richtig – und es ist banal. Denn das Bt-Protein, das 1507 und andere gv-Maislinien bilden (und das übrigens auch in für den ökologischen Landbau zugelassenen Präparaten enthalten ist), zielt auf den Maiszünsler, einen Schmetterling. Es wirkt natürlich auch gegen andere Schmetterlinge – doch in aller Regel leben diese nicht im Mais oder in Maisfeldern. Sie kommen mit dem Bt-Protein nur in Kontakt, wenn Maispollen auf ihren Futterpflanzen landet. Modellstudien und Erfahrungen aus den USA zeigen, dass durchaus einzelne Schmetterlinge leiden können, aber eine Gefahr für Arten oder Populationen ist der Anbau von Bt-Mais nicht, erst recht nicht, wenn dessen Flächenanteil so klein bleiben wird wie es in Europa zu erwarten ist.

Würde der gv-Mais 1507 zugelassen, ein unvertretbares Risiko wäre das weder für die Umwelt, noch für die Konsumenten. Zudem würden die strikten Koexistenzregeln dafür sorgen, dass es zu keinen – oder allenfalls minimalen – Verunreinigungen des konventionellen Maisanbaus kommen würde.

Dennoch trommeln die Kritiker laut und vielstimmig für ein Verbot, und weite Teile der Politik wollen ihm schon deswegen entsprechen, weil „Gen-Mais“ unpopulär ist. Aber warum sollen nicht die Landwirte selbst entscheiden können? Zumindest in den nächsten Jahren werden die allermeisten wohl die Finger davon lassen. Auf einen Mais wie den 1507 – und den ganzen Ärger dazu – lässt sich gut und ohne Not verzichten. Aber wenn sich doch ein paar mutige, experimentierfreudige Landwirte trauen würden? Eine Katastrophe wäre das nicht. Und das Ende der “gentechnik-freien” Landwirtschaft auch nicht.

Aber, so ist zu befürchten, die Freunde staatlicher Verbote und Bevormundung werden sich am Ende doch wieder durchsetzen. Ein Verbot ist rein symbolisch und für die Landwirtschaft ohne praktische Bedeutung. Es würde jedoch nicht nur der pauschalen Dämonisierung gentechnisch veränderter Pflanzen weiter Vorschub leisten, sondern die maßlos überzeichnete Risiko- und Bedrohungsrhetorik der Gentechnik-Gegner quasi offiziell bestätigen.

 

Kommentare

  1. Thorsten sagt: 13. Januar 2014

    Die Chinesen wollen mit Bt-Zierpflanzen gezielt gegen Schädlinge vorgehen und Insektensprays damit unnütz machen.
    Dort wurden positive Effekte für die Umwelt und Biodiversität ganz klar erkannt. Die Arbeiten beziehen sich auf 20 Jahre Forschung im Freiland mit Bt-Baumwolle.
    Warum man speziell in Deutschland das alles nicht wahrhaben will erschließt sich mir nicht mehr.

  2. Gerhart Ryffel sagt: 4. Februar 2014

    Ich bin da etwas unschlüssig. Das Bt Toxin ist aus meiner Sicht sicher nicht ein Problem. Zu denken gibt aber vielleicht die Herbizidresistenz gegen Glufosinate. Glufosinat soll ja wahrscheinlich Glyphosat ersetzen, das sich höchstens beschränkt bewährt hat. Durch die Glyphosat-Resistenz in den GV-Pflanzen wurde natürlich vermehrt Glyphosat eingesetzt, eine Chemikalie deren Unbedenklichkeit umstritten ist. Dies wird mit Glufosinat entsprechend passieren. Noch kritischer scheint mir, dass mit einer Zunahme an Glufosinat-resistenten Unkräutern zu rechnen ist. Zurzeit sind weltweit 2 Glufosinat-resistente Unkräuter bekannt (für Glyphosat gibt es 27). Wir könnten durch den systematischen Einsatz die Wirkung von Glufosinat und später anderer Herbizide verlieren, die vielleicht für die Landwirtschaft in begrenzten Situationen nützlich sind. Dies erinnert mich an den weit übertriebenen Einsatz an Antibiotika in der Landwirtschaft, der ja für den beunruhigenden Anstieg an Antibiotika-resistente Krankheitserregern mitverantwortlich ist.
    Aus meiner Sicht wäre es besser, beide Seiten verzichten auf das Prestigeobjekt Mais 1507. Es gibt nachhaltigere Anwendungen der Gentechnologie für die Landwirtschaft. Für die sollten wir uns stark machen. Ich vergleiche die jetzige Situation mit der Zulassung eines Autos, das keinen Katalysator, keine Sicherheitsgurten etc. hat. Wir können und müssen es besser machen.

  3. Gerd Spelsberg sagt: 4. Februar 2014

    Die Glufosinat-Resistenz im 1507-Mais darf in Europa nicht genutzt werden. Im Entscheidungsvorschlag der EU-Kommission, über den jetzt abgestimmt wird, ist die Nutzung diese Merkmals verboten. Es darf auf einem Feld mit 1507-Mais kein Glufosinat gespritzt werden.
    http://ec.europa.eu/transparency/regdoc/rep/1/2013/DE/1-2013-758-DE-F1-1.Pdf
    Außerdem hat das BVL die Gulofosinat-Zulassung in Deutschland für bestimmte Kulturen, darunter Mais, widerrufen. Das Herbizid darf also gar nicht mehr eingesetzt werden.
    http://www.bvl.bund.de/DE/04_Pflanzenschutzmittel/05_Fachmeldungen/2013/2013_11_08_Fa_%C3%84nderung_Zulassung_Pflanzenschutzmittels_Basta.html?nn=1471850

    Ansonsten haben Sie recht, der 1507-Mais ist ein technisch überholtes Produkt, das eigentlich in Europa kaum jemand wirklich braucht. Aber in der ganzen Auseinandersetzung geht es schon längst nicht mehr um ein konkretes Produkt, von man viel oder wenig halten kann. Die Entscheidung über den 1507-Mais ist der Anlass, an dem der ganze Grundsatzkonflikt um die Gentechnik wieder hochgezogen wird. Den Gentechnik-Gegnern ist da kein Argument zu platt: Wenn der 1507-Mais zugelassen wird, dann sei es das Ende der gentechnik-freien Landwirtschaft, die Bienen würden sterben und den Schmetterlingen ginge es dreckig. Und zu den gesundheitlichen Auswirkungen auf Tiere und Menschen wisse man nichts, aber auch gar nicht….Diese zum Teil falschen und wissenschaftlich längst wiederlegten Behauptungen würden amtlich bestätigt und quasi zu Tatsachen aufgewertet, wenn die Politik die Zulassung verweigert.

    Man muss sich das vorstellen: Das BMBF (Forschungsministerium) hat über Jahre mit vielen Millionen (Steuergeldern!) Sicherheitsforschung zu verschiedenen Bt-Maisen (nicht ganz genau der 1507, aber ähnlich) gefördert. Kaum eine relevante Fragestellung oder potenzielles Risiko ist nicht untersucht worden. Irgendetwas, wo sich Bt-Mais hinsichtlich der Umweltauswirkungen von konventionellen Maissorten unterscheidet, ist nicht gefunden worden. (Das alles ist gut dokumentiert auf http://www.biosicherheit.de .) Und wenn das gleiche Ministerium (bzw. die Bundesregierung) jetzt sagen würde, man sei gegen eine Zulassung von 1507-Mais, weil die Risiken nicht erforscht seien – das wäre nicht nur Geldverschwendung, sondern eine tiefe Missachtung der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die an den Projekten der Sicherheitsforschung beteiligt waren.

  4. Gerhart Ryffel sagt: 5. Februar 2014

    Es ist ja beruhigend, dass Glufosinat auf Maisfeldern in der EU nicht angewendet werden darf.
    Ein frommer Wunsch wäre, dass die Antragsteller auf ihren Antrag verzichten. Sie könnten ja argumentieren, wir machen es in Zukunft viel besser und entsprechend handeln.

  5. Thorsten sagt: 5. Februar 2014

    @Gerhart Und warum sollte Pioneer auf die Zulassung verzichten?

  6. Gerhart Ryffel sagt: 5. Februar 2014

    @Thorsten Weil Pioneer mit etwas, das wie ein “Auto ohne Katalysator und ohne Sicherheitsgurten” ist, keine gute Werbung macht. Ich habe den Eindruck, dass zurzeit in der grünen Gentechnik zu viel Juristen und zuwenig Naturwissenschafter arbeiten.

  7. Thorsten sagt: 5. Februar 2014

    @Gerhart Leider nimmt das Feld die Juristen mit ins Boot. Liegt wohl weniger an den Wissenschaftlern oder an den Unternehmen, als viel mehr an der Desinformation der Spendenbettelkonzerne.
    1507 wird in Spanien sicher mit Freude erwartet und anschließend angebaut. Warum sollte Pioneer ein vorteilhaftes Produkt nicht auf den Markt bringen?
    Die sind so überzeugt und haben 12 Jahre dafür gekämpft und man kann nur hoffen, dass er auch in der EU angebaut werden darf.

  8. Peter Langelüddeke sagt: 10. März 2014

    Es ist schon ein Kreuz mit dieser Diskussion: Da werden einige Politiker, die sich bisher noch nie erkennbar mit Grüner Gentechnik befasst haben, zu Ministern erhoben, und schon tönen sie partei-übergreifend: bei uns in Hessen die neue Umwelt- und Landwirtschaftsministerin Priska Hinz (B’90/Die Grünen), im Bund der neu gewesene Landwirtschaftsminister Hans-Peter Friedrich oder sein Nachfolger Christian Schmidt (beide CSU) oder die Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD): alle wissen ganz genau, dass der 1507 keinen Nutzen bringt, dass die Bauern ihn nicht brauchen oder ihn nicht haben wollen. Man soll als strebsamer Politiker ja keine Gelegenheit auslassen, sich zu profilieren und sich als Vollstrecker des Volkswillens auszugeben. Und da darf man diesen Bauern, die das immer noch nicht begreifen wollen, doch nicht erlauben, gegen den Volkswillen zu handeln. Also verbieten – verbieten – verbieten. Und da gibt es ja auch noch eine wunderbare Chance, eine alte Forderung immer und immer wieder auf den Tisch zu legen, nämlich endlich dafür zu sorgen, dass einzelne Bundesländer den Anbau dieser Pfui-Gentechnik-Pflanzen rechtssicher verbieten dürfen. Und dann auch auf EU-Ebene gleich ebenso. Dafür gibt es dann auch ‘nen schönen technischen Begriff: opt-out-Regelung. Da hat politischer Gestaltungswille eine wunderschöne Gelegenheit. Welch krudes Gemisch aus ideologischer Verbohrtheit plus Dummheit plus Feigheit!

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