Was ist ein gentechnisch veränderter Organismus? Wenn die Forschung die Gesetze überholt

12. Juli 2013 | von:

Regenerierende Tabakpflanzen nach Transformation

Was ist ein gentechnisch veränderter Organismus? Laut Gentechnikgesetz ist es „ein Organismus, dessen genetisches Material in einer Weise verändert worden ist, wie sie unter natürlichen Bedingungen durch Kreuzen oder natürliche Rekombination nicht vorkommt“ (§3).  Weiterhin ist gesetzlich festgelegt, dass für den Umgang mit diesen Organismen besondere Sicherheitsvorkehrungen gelten, vor allem dann, wenn sie in die Umwelt entlassen werden, und dass Produkte, die daraus hergestellt werden, gekennzeichnet werden müssen, um den Verbrauchern Wahlfreiheit zu ermöglichen.

Bis auf die Kennzeichnungspflicht steht all das bereits im ersten Gentechnikgesetz, das 1990 verabschiedet wurde. Damals bezog sich das Gesetz in erster Linie auf Mikroorganismen. Gentechnisch veränderte Pflanzen und Tiere schienen noch in weiter Ferne, und angesichts der geringen Erfahrung mit der kommerziellen Nutzung der Gentechnik war die Vorsicht verständlich. Fast ein Vierteljahrhundert später muss aber die Frage erlaubt sein, ob die in Europa bestehenden GVO-Definitionen und Gentechnikgesetze noch sinnvoll sind.

Das fängt an bei der Frage, was eine natürliche Veränderung des Erbguts ist – und was nicht. Im April 2013 machten Chicorée-Hybridsorten Schlagzeilen unter dem Titel „Gentechnik light“. Diese Sorten sind aus einer künstlichen Zellfusion zwischen Chicorée und Sonnenblume hervorgegangen, wobei vom Erbgut der Sonnenblume nur ein kleiner Teil aus den Mitochondrien übertragen wurde. Dadurch werden die Chicoréepflanzen männlich steril – eine Eigenschaft, die in der Hybridzüchtung von großem Vorteil ist. Dort ist es durchaus üblich, männliche Sterilität zu erzeugen durch eine Zellfusion mit einer nahe verwandten Art, bei der diese Eigenschaft natürlicherweise auftritt. Die Pflanzen, die daraus hervorgehen, gelten nicht als gentechnisch verändert, wenn die Ausgangspflanzen im Prinzip auch auf klassischem Weg kreuzbar wären.

Überträgt man dagegen mit Hilfe von Agrobakterien Gene aus einem Wildapfel in einen Kulturapfel, wie es der Schweizer Pflanzenforscher Césare Gessler getan hat, gelten die Äpfel als GVO. Ist Chicorée mit einem Erbgutschnipsel aus der Sonnenblume natürlicher als ein Kulturapfel mit einem Gen aus Wildäpfeln? Das hört sich nach abstrakter Gedankenspielerei an, hat aber handfeste wirtschaftliche Konsequenzen.

Wird eine Nutzpflanze als „gentechnisch verändert“ im Sinne des Gesetzes eingestuft, bedeutet das: Sowohl die experimentelle Freisetzung bei der Entwicklung der Pflanze als auch der spätere kommerzielle Anbau müssen genehmigt werden, es muss ein spezieller Sicherheitsnachweis geführt werden, die aus der Pflanze hergestellten Lebens- und Futtermittel müssen gekennzeichnet werden, der Landwirt haftet, wenn die gv-Pflanzen sich mit konventionellen Pflanzen aus Nachbarfeldern kreuzen, und beim Transport und der Verarbeitung müssen getrennte Warenströme eingehalten werden. Die damit verbundenen Kosten können nur große Konzerne tragen; kleinere Unternehmen und Forschungseinrichtungen können sich das in aller Regel nicht leisten. Zudem ist „Gentechnik“ im Verlauf der jahrzehntelangen öffentlichen Debatte zu einem regelrechten Schimpfwort geworden, was nicht unbedingt absatzfördernd wirkt. Kurz: Die Maßnahmen, die der Vorsorge und der Transparenz dienen sollten, haben sich zu Instrumenten der Diskriminierung entwickelt.

Und nun wird es noch komplizierter. In den vergangenen Jahren wurden eine Reihe neuer biotechnologischer Verfahren entwickelt, die in absehbarer Zeit in der Pflanzenzüchtung Einzug halten werden. Zum Beispiel die Verwendung von Zinkfingernukleasen, das sind Enzyme, die ganz spezifische Stellen im Erbgut erkennen und dort Strangbrüche in der DNA auslösen. Unter Ausnutzung der zellulären Reparaturmechanismen lassen sich an diesen Stellen Mutationen oder auch ganze Gene einfügen, letzteres wesentlich präziser als mit der Agrobakterien-Transformation. Oder die Mutagenese mit Oligonukleotiden, kurzen synthetische DNA-Fragmenten, die sich an bestimmten Stellen im Genom anlagern und – wiederum mit Hilfe der zellulären Reparaturmechanismen – Mutationen auslösen. Oder das gene silencing mit RNA-Molekülen, die die regulatorischen Abschnitte eines bestimmten Gens erkennen und deren chemische Veränderung (Methylierung) auslösen, so dass das Gen nicht mehr abgelesen werden kann. Weitere Beispiele sind das Aufpfropfen von Reisern auf einen gentechnisch veränderten Wurzelstock und die Neukombination arteigener DNA-Abschnitte.

In der Natur kommen die genetischen Veränderungen, die mit diesen Verfahren hervorgerufen werden, in dieser Weise nicht vor. Müssten die so gezüchteten Pflanzen dann nicht als gentechnisch verändert eingestuft werden? Aber ist es überhaupt noch sinnvoll, in der modernen Züchtung zwischen „natürlich“ und „nicht natürlich“ zu unterscheiden zu wollen? Wo wollte man bei den oben genannten Beispielen die Grenze ziehen?

Sinnvoll wäre es, die Sicherheitsbewertung und Zulassung neuer Nutzpflanzensorten von deren Eigenschaften abhängig zu machen und nicht mehr von den Technologien, mit deren Hilfe sie entstanden sind. Dieser Vorschlag ist nicht neu und wurde erst kürzlich wieder in einem Bericht des European Academies Science Advisory Council erhoben, dem Zusammenschluss der europäischen Wissenschaftsakademien. Der EASAC fordert auch vom Gesetzgeber, dafür zu sorgen, dass die neuen Züchtungsverfahren auf keinen Fall unter die Gentechnikgesetze fallen, da das ihre Weiterentwicklung und Anwendung faktisch stoppen würde.

Dass die neuen molekularbiologischen Verfahren an der „traditionellen“ rechtlichen GVO-Definition rütteln, ist offensichtlich. Inzwischen haben sich auch die ZKBS und die EFSA damit beschäftigt. Die Frage ist, ob am Ende das Votum der Wissenschaft  – wie im EASAC-Bericht artikuliert – Eingang in die politischen Entscheidungen findet.

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