Gescheitert.
Petition für unabhängige Risikoforschung im Bereich Bio- und Gentechnik

18. Juni 2013 | von:

StRin Ulli Sima; Gilles-Eric Seralini; Christoph Then

Eine Bundestagspetition für „Unabhängige Risikoforschung zu gentechnisch veränderten Pflanzen“ ist gescheitert: Nur knapp 3500 Unterzeichner kamen innerhalb von vier Wochen zusammen. Das Quorum von 50.000, bei dem sich der Bundestag mit dem jeweiligen Thema beschäftigen muss, wurde um Längen verfehlt. Erstaunlich, wo doch die in der Gesellschaft virulente Abneigung gegen die Agro-Gentechnik sich sonst bei jeder Gelegenheit in langen Unterschriftenlisten niederschlägt. Das Misstrauen gegen Behörden und die „offizielle“ Wissenschaft ist groß und der Vorwurf allgegenwärtig, sie seien mit der Agroindustrie verbandelt (wenn nicht gar von ihr gekauft). Eigentlich ein leichtes Spiel, um Politik und vor allem die wissenschaftsnahen Behörden wie EFSA, BVL und BfR gehörig unter Druck zu setzen.

Umso mehr erstaunt das Debakel der Petition. Und es war ja nicht irgendwer, der sie lanciert und in den Sozialen Netzwerken gepusht hat, sondern die großen Akteure der Zivilgesellschaft: BUND, NABU, BÖLW, ABL, Gen-ethisches Netzwerk, Save our Seeds, Lobby Control und noch ein paar andere. Warum nur mochten sich der in diesem Milieu fast selbstverständlichen Forderung, „die unabhängige Risikoforschung im Bereich Gen- und Biotechnologie zu stärken“, nur so wenige mit ihrer Unterschrift anschließen?

Sicher, viele mögen des ewigen Geraunes über die unkalkulierbaren Gefahren der Grünen Gentechnik überdrüssig sein, aber vielleicht liegt es auch daran, dass der Schlüsselbegriff der Kampagne merkwürdig nebulös geblieben ist: Unabhängigkeit.

Die Macher der Petition sagen nicht, was sie darunter verstehen, sie reklamieren „Unabhängigkeit“ einfach und selbstverständlich für sich. „Unabhängige“ Risikoforschung ist schlicht die, die nicht von der Agro-Biotech-Industrie (direkt oder indirekt) abhängig ist, sondern die sie selbst betreiben und die aus ihrem eigenen Umfeld finanziert wird.

Aber ist es wirklich noch „unabhängige“ Wissenschaft, wenn sich einer der Träger der Petition, Christoph Then und sein Testbiotech-Institut, eine Studie über die Risiken gentechnisch veränderte Pflanzen vom BÖLW (Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft) finanzieren lässt? Oder der französische Toxikologe Gilles-Eric Séralini, Autor der berühmten, von der überwiegenden Mehrheit der Wissenschaftler heftig kritisierten Rattenstudie, zu dessen Auftraggebern neben anderen auch Greenpeace zählt? Zudem finanzieren französische Supermarktketten wie Carrefour und Auchan, die sich mit „ohne Gentechnik“-Produkten im Lebensmittelmarkt profilieren wollen, über den erklärtermaßen gentechnik-kritischen Verein CRIIGEN Séralinis Projekte. Und gerade hat eine amerikanisch-australische Untersuchung zu gentechnisch veränderten Futterpflanzen an Schweinen (führt zu „ernsthaften Magenentzündungen“) Aufsehen erregt, deren Ko-Autor Howard Vlieger ist, Präsident und Mit-Gründer von Vertiy Farms, eines US-amerikanischen Unternehmens, das Natural Foods und „gentechnik-freies“ Getreide vermarktet.

Sowohl einige große Lebensmittel-Unternehmen als auch Bioverbände, Futtermittelhändler und andere Anbieter von Produkten, für die „ohne Gentechnik“ (Oettinger-Bier!) zum Markenkern gehört, haben ein wirtschaftliches Interesse daran, dass Gentechnik weiterhin als etwas Unerwünschtes, Unnatürliches oder Gefährliches angesehen wird. Wäre das anders, entfiele ihre Geschäftsgrundlage. Und das gilt auch für BUND, NABU, Greenpeace & Co., für die die immer wieder neu geschürte Angst vor der Gentechnik äußerst nützlich für ihr Spendenaufkommen ist.

Es ist keineswegs verwerflich, dass Unternehmen oder Verbände wissenschaftliche Studien in Auftrag geben und sich dafür Institute auswählen, von denen sie annehmen, dass sie auf gleicher Linie liegen. Und solche Studien sind nicht automatisch falsch und „unwissenschaftlich“, nur weil sie von Unternehmen finanziert werden. Aber das gilt für beide Seiten, für pro und contra Gentechnik. (Im Gegenteil: Solche im Kontext von Interessen entstandenen Studien sind in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung notwendig.)

Dass Testbiotech in einer beispielsweise vom NABU finanzierten Studie herausfindet, dass der neue gentechnisch veränderte SmartStax-Mais eigentlich nicht gefährlicher ist als herkömmlicher Mais, ist ebenso unwahrscheinlich wie dass ein von Monsanto beauftragtes Institut wegen nicht geklärter Sicherheitsprobleme vor einer Markteinführung warnt. Und darum kann Risikoforschung, in die – ganz gleich von welcher Seite – wirtschaftliche Interessen hineinspielen, nicht „unabhängig“ sein.

Das ist dann auch das große Versäumnis der Petition. Sie spricht einer Seite – Unternehmen und „etablierter“ Wissenschaft – jede Unabhängigkeit ab, während sie diese ganz selbstverständlich für ihre eigenen Interessen in Anspruch nimmt. Die Petition fordert nicht solide, überprüfbare und im besten Sinne „unabhängige“  Wissenschaft, sondern eine, die von vornherein  – aus der eigenen Weltsicht heraus – auf der richtigen, der moralisch „guten“ Seite steht.

Die Unterstützer der Petition "Gentechnik: Unabhängige Risikoforschung stärken!"

Großer Auftakt vor dem Reichstagsgebäude, aber am Ende nur 3450 Unterschriften. Die Unterstützer der Petition “Gentechnik: Unabhängige Risikoforschung stärken!” (Foto: testbiotech)

Unabhängigkeit in der Wissenschaft leitet sich eben nicht aus einer bestimmten politischen oder weltanschaulichen Haltung ab, sondern aus der wissenschaftlichen, ergebnisoffenen Methodik und Arbeitsweise. Wenn die Petition das zum Ausdruck gebracht hätte, wäre sie vielleicht erfolgreicher gewesen.

Foto oben: Die Wiener Umweltstadträtin Ulli Sima, Gilles-Eric Séralini von der Universität Caen und Christoph Then von testbiotech (Stadt Wien, Christian Houdek)

Kommentare

  1. guanidinium HCL sagt: 18. Juni 2013

    A propos Wiener Umweltstadträtin Ulli Sima: Gerade sie sollte es besser wissen. Sie hat ihre Diplomarbeit bei Rudolf Schweyen geschrieben, einem der besseren in der österreichischen Genetik. Aber für die politische Karriere opfert man auch seine wissenschaftliche Integrität…

  2. M.Schiller sagt: 19. Juni 2013

    Ich hätte sehr gerne die Petition unterschrieben, wenn ich davon gewußt hätte.

  3. Paul Atreides sagt: 19. Juni 2013

    Unwissenheit schützt nicht vor Strafe…

  4. Jausten sagt: 19. Juni 2013

    Vielelicht ist es ganz gut, dass die Pettition gescheitert ist, denn wenn sie durchgekommen wäre und es wirklich unabhängige wissenschaftliche Untersuchungen gegeben hätte, wäre vielleicht ans Licht gekommen, dass die Bio-Produkte schlechter und gefährlicher sind als gentechnisch veränderte?

  5. Rudolf Heinrich sagt: 19. Juni 2013

    Es gibt grundsätzlich keine “unabhängige” Forschung. Wissenschaftler wollen – wie jeder andere auch – für ihre Arbeit bezahlt werden. Wer bestellt, der bezahlt, wer bezahlt, bestimmt das Ergebnis.

  6. Peter Langelüddeke sagt: 25. Juni 2013

    Mal angenommen, die Petition wäre nicht gescheitert: Dann hätte sich der Bundestag damit befassen müssen. Und ich hoffe, der Bundesregierung einschließlich der neuen Forschungsministerin wäre es gelungen, deutlich zu machen, dass eine von der Anti-Gentechnik-Lobby diktierte „unabhängige Forschung“ a la Séralini und Co völlig überflüssig ist. Diese Petition, initiiert von all den wunderbaren „civil society groups“ war doch von Anfang an nichts als ein politisches Manöver, mit dem die Initiatoren mal wieder ihre Unentbehrlichkeit demonstrieren wollten.Oder es war als Wahlkampfhilfe für die GRÜNEN gedacht. Schön, dass das so nicht geklappt hat.

    Dazu passt übrigens auch das Ergebnis des Mitgliederentscheids der GRÜNEN-Basis zu der Frage, welche Themen vorrangig aufgegriffen werden sollten. Das Resultat dieses Mitgliederentscheids hat mich zunächst ein bißchen überrascht:

    Im Bereich Energiewende und Ökologie stimmten

    46,61 % für „Massentierhaltung beenden – ein neues Tierschutzgesetz für artgerechte Haltung“

    aber nur
    17,78 % für „Keine Gentechnik auf unseren Tellern – Kennzeichnungspflicht verbessern“

    Klar: Bei Massentierhaltung lassen sich mit Bildern eher Emotionen wecken als bei GVO.
    Und in einzelnen Bereichen ist sicherlich einiges zu verbessern.

    Oder ist das Thema Gentechnik nicht mehr so brennend?

    Jetzt aber greifen die GRÜNEN im Bundestag das Thema wieder auf mit einer kleinen Anfrage (Drucksache 17/13984 (Forschungsförderung des Bundes für die Agrogentechnik) und wollen ganz genau wissen, welche Projekte seit 2005 finanziert wurden, mit Angaben z.B. über Projekt, Haushaltstitel, Zuwendungsempfänger, ggf. Kooperationspartner aus der Wirtschaft, beteiligte Bundes- und Landesforschungsstellen und andere Wissenschaftsorganisationen, Gesamtsumme des Vorhabens, Summe der Bewilligung, Laufzeitbeginn und Laufzeitende. Nur nach den Resultaten haben sie nicht gefragt. Wäre ich zuständiger Referent im Forschungsministerium, würde ich mir gerne den Spaß erlauben, die Ergebnisse all dieser Projekte in die Antwort mit einzubauen. Nun bin mal neugierig was daraus wird. Immerhin haben sie jetzt endlich mal zur Kenntnis genommen, dass aus öffentlichen Mitteln umfangreiche Projekte zur Biosicherheitsforschung gelaufen sind. So ganz leicht dürft es nicht werden, daraus Honig zu saugen für den Wahlkampf.

  7. Gerd Spelsberg sagt: 26. Juni 2013

    Auch Joachim Müller-Jung hat das Scheitern der Petition für “unabhängige” Risikoforschung in einem Kommentar in der FAZ aufgegriffen.

    http://www.faz.net/frankfurter-allgemeine-zeitung/gruene-gentechnik-der-deutsche-standard-12243064.html

    Für die gentechnikkritische Öffentlichkeit um das Gen-ethische Netzwerk und die großen Umweltorganisationen gab es ein böses Erwachen. Sie haben gelernt: Die Prokura für unabhängige Wissenschaft liegt eben nicht selbstverständlich in ihren Händen. Auch das ein Widerspruch: Weltanschauliche Interessen vertreten und gleichzeitig wissenschaftliche Autonomie zu reklamieren, das hat schon immer nur eine politisierte Wissenschaft hervorgebracht, die das öffentliche Misstrauen nur noch mehr herausfordert. Das erinnert an eine Anzeige jüngst in der amerikanischen Medienbranche: Mitarbeiter für einen „unabhängigen grünen Umweltjournalismus gesucht“.

  8. Redaktion sagt: 28. Juni 2013

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  9. Gerd Spelsberg sagt: 31. Juli 2013

    Sie lassen – trotz des Scheiterns der Petition – nicht locker: Testbiotech hat bei Bundestagsabgeordneten nachgefragt: Wie viel unabhängige Risikoforschung brauchen wir?

    Es gab einige interessante Antworten:
    Jan van Aken (Die Linke): “Andererseits können wir natürlich nicht einfach jeden Umweltaktivisten zum Top-Risikoforscher erklären und alles Geld dahin schaufeln.”
    René Röspel: “Komplett unabhängige Behörden oder auch Wissenschaft gibt meiner Meinung nach nicht. Denn jedes Institut, Abteilung, Lehrstuhl oder jeder einzelne Wissenschaftler (oder eben auch NGO hat immer auch Eigeninteressen.”

    Das dürfte Christoph Then nicht gefallen, der sich ja gern als DER unabhängige Wissenschaftler inszeniert.

    http://www.testbiotech.de/nachgefragt

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