Glyphosat schadet Neugeborenen. Oder Eine postmoderne Toxikologie.

5. September 2011 | von:

Landwirt bringt Herbizid auf Sojafeld aus

Der herbizide Wirkstoff Glyphosat und seine Formulierungen stehen in letzter Zeit vermehrt unter dem Dauerbeschuss von umweltkritischen NGOs. Doch eigentlich geht es dabei gar nicht um das Herbizid und seine vermeintlichen Gefahren, sondern um den damit verbundenen Anbau transgener, herbizidtoleranter Pflanzen. Und zum Anbau transgener Pflanzen und ganz allgemein zur Anwendung dieser Technologie haben alle umweltkritischen NGOs eine auffallend einhellige Meinung. Man kann zum großflächigen Anbau herbizidresistenter, in erster Linie Glyphosat-resistenter Sorten von Soja, Mais und Baumwolle, stehen wie man will. Neben den vieldiskutierten Nachteilen wie Zunahme von Monokulturen, Abnahme der Biodiversität, Flächenbereitstellung durch Brandrodung wird auch von Vorteilen wie bodenschonende Anbauverfahren berichtet: “GM Soy Debate” von Solidaridad und WWF Niederlande. Aber sind es wirklich Gesundheitsgefahren, die mit dem Einsatz des Herbizides verbunden sind? Um diese zu belegen werden einzelne Studien zitiert, wie z.B. die hier.

Dennoch werden dem Wirkstoff nach wie vor von der amerikanischen Umweltbehörde EPA, der EU-Kommission, FAO und WHO eine gute Umweltverträglichkeit und vor allem gesundheitliche Unschädlichkeit bescheinigt: „In summary, numerous comprehensive toxicological studies in animals conducted over many years clearly demonstrate that there are no significant hazards associated with glyphosate exposure. Glyphosate does not cause cancer, birth defects, mutagenic effects, nervous system effects, or reproductive problems” (siehe hier, Unterpunkt 1.6).

Sind diese staatlichen und internationalen Organisationen alle blind oder ignorant gegenüber den neuen Ergebnissen und lassen sie die Öffentlichkeit bewusst im Unklaren? Das wird häufig unterstellt wie etwa hier: “Roundup and birth defects. Is the public being kept in the dark?“ by Robinson et al.

Diese Veröffentlichung einer Organisation mit dem Namen Earth Open Source war Anlass eines Auftrages des Verbraucherschutzministeriums BMVEL an das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung BfR, eine Stellungnahme zu erarbeiten. In dieser leider nur in Englisch vorliegenden Stellungnahme bringt es das BfR auf den Punkt, warum die neuen Veröffentlichungen zu Glyphosat, auf die sich die NGOs berufen, für wissenschaftlich arbeitende Institutionen mit toxikologischem Sachverstand wie z.B. das BfR kein Anlass für eine Neubewertung des Wirkstoffs sein können:

„Das BfR kommt zum Schluss, dass der in Frage stehende Bericht der NGO nur wenige neue Fakten enthält und dass dessen relevante Aspekte in der gesundheitlichen Bewertung des Wirkstoffes Glyphosat durch verschiedene internationale Gremien bereits Berücksichtigung fanden. Der wesentliche fachliche Dissens besteht dagegen in einem grundlegend unterschiedlichen wissenschaftlichen Ansatz zu der Bewertung gesundheitlicher Risiken von Chemikalien. Solche Paradigmenwechsel sollten nach Ansicht des BfR erst von der Fachwelt geprüft und auch in internationalen Gremien auf ihre Notwendigkeit hin diskutiert werden.“ Hier nachzulesen.

Unverständlicherweise hält sich das BfR in seiner Kritik an den Behauptungen der Autoren sehr zurück und beschränkt sich in der Zusammenfassung auf die Feststellung, dass der Argumentation nur gefolgt werden kann, wenn bei international anerkannten Prinzipien zur toxikologischen Bewertung von Chemikalien ein Paradigmenwechsel zugelassen wird. Ansätze einer solchen Politik waren auch zu beobachten in der Diskussion um die neue EU-Pflanzenschutzmittel-Richtlinie vor zwei Jahren. Schon damals hatte sich der BfR-Präsident Andreas Hensel gegen einen solchen Paradigmenwechsel ausgesprochen: siehe Interview.

Doch weiter zur aktuellen Stellungnahme des BfR. Ebenfalls zurückhaltend ausgedrückt ist die folgende Generalkritik: „The crucial point in the report is the use that is made of existing knowledge.“ Gemeint ist eine einseitige Deutung und Auswahl von Wissen und der dafür herangezogenen Literatur. Das ist eigentlich eine übliche Vorgehensweise der Meinungsmanipulation wie sie regelmäßig in der Diskussion um die vermeintlichen Gefahren der Gentechnik zu beobachten ist.

Im Einzelnen führt die BfR-Stellungnahme folgende Hauptkritikpunkte an den von den NGOs zitierten Untersuchungen zu Glyphosat auf:

1. Die losgelöste Betrachtung von in vitro-Studien, obwohl zahlreiche in vivo-Studien vorliegen, die die reklamierten Effekte auf den Gesamtorganismus nicht bestätigen.

Es ist das gleiche irreführende Prinzip, das auch bei zahlreichen anderen „kritischen“ Studien angewandt wurde. Erinnert sei hier an die Seralini-Publikation zum „Baden“ empfindlicher Zellkulturen in einer Herbizidformulierung: abstract.

Die extrem artifiziellen Bedingungen des Versuches wurden im transgen-Forum 2009 bereits diskutiert
und durch die Österreichische AGES entsprechend als unwissenschaftlich bewertet.

2. Die Leugnung einer Dosisabhängigkeit schädlicher Effekte und die Propagierung eines „geringen Dosis-Konzeptes“, das dem toxikologischen Sachverstand nicht entspricht. Es ist der Versuch der Glyphosat-Kritiker, das bereits seit dem späten Mittelalter bekannte toxikologische Prinzip „Die Dosis macht das Gift“ anzuzweifeln und eine durch Daten nicht untersetzte Hypothese der Wirkung geringster Dosen in die Welt zu setzen – eine der Homöopathie entliehene unwissenschaftliche Herangehensweise.

3. Die Leugnung der Relevanz historischer Daten.

Gemeint ist hiermit, dass in dem Report einfach unterschlagen oder es angezweifelt wird, dass vorliegende epidemiologische Daten keinen Hinweis auf die behaupteten Fruchtschädigungen geben.

4. Die Verunglimpfung von GLP-Prinzipien (good laboratory practice – ein auditierter Standard zur Qualitätssicherung von Laborergebnissen) bei der Untersuchung toxikologischer Fragestellungen als „Tyrannei“ untersetzt mit dem allseits bekannten „Argument“ der industriellen Beeinflussung und der Forderung „unabhängiger Forschung“ mehr Gewicht zu verleihen.

Mit Unabhängigkeit kann dann wohl nur das Verlassen allgemein anerkannter wissenschaftlicher Prinzipien gemeint sein.

5. Die Betonung oder die bewusste Schwerpunktlegung in den zur Auswahl stehenden Expositionspfaden von Chemikalien auf den sehr unwahrscheinlichen Injektionspfad.

Eine der Studien, die das Prinzip der Injektion offenbar zum Goldstandard toxikologischer Forschung erhoben hat und die im Mittelpunkt der Glyphosat-Kritik steht, wurde bereits im transgen-Forum ausgiebig diskutiert.

Obgleich eigentlich ein Totalverriss des Reports von Robinson et al. (eine GM-watch – Aktivistin) angesagt wäre, bemerkt das BfR am Anfang und am Ende etwas verschämt: „An adequate response to the criticism and the many accusations in the report would require a general discussion of the established paradigms for the toxicological evaluation of chemicals.“

Möchte das BfR einen solchen Paradigmenwechsel hin zur unwissenschaftlichen Betrachtungsweise, indem es die Diskussion dazu selbst anstößt?

Auch diese Bemerkung liest sich eher wie eine Kapitulationserklärung: „In the given timeframe, it is not possible to address all the points and questions that are brought up in the report and to respond adequately and precisely to the many accusations therein.“

Muss man denn auf alle Punkte des Reports eingehen, wenn an vielen Stellen gezeigt wurde, dass Prinzipien wissenschaftlicher Arbeit verletzt wurden?

Angesichts des Generalangriffs auf diese Prinzipien ist die Stellungnahme einer der Wissenschaftlichkeit verpflichteten Bundesbehörde zu handzahm. Dazu passt auch die Veröffentlichung in englischer Sprache. Es ist wohl nicht ganz von der Hand zu weisen, dass in den von der Parteienlandschaft in der Besetzung von Spitzenpositionen abhängigen Bundesbehörden die Angst vor den NGO-Sittenwächtern tief sitzt.

Kommentare

  1. Torben Hoffmeister sagt: 21. September 2011

    Das mediale Dauerfeuer der Verbotsforderer zeigt erste Folgen:
    http://www.sueddeutsche.de/wissen/streit-um-unkrautvernichtungsmittel-risiko-rundumvernichter-1.1146276
    Besonders pikant: Der Gruppe “earth open source” gehören “hochkarätige” Wissenschaftler an und – wie bereits vermutet -sei das BfR nervös.
    Wie es scheint, wird der Siegeszug der postmodernen Toxikologie sowenig aufzuhalten sein wie weiland zu Honneckers Zeiten der Sozialismus.

  2. Oliver sagt: 11. November 2011

    Das mediale Dauerfeuer der Verbotsforderer zeigt erste Folgen:
    http://www.sueddeutsche.de/wissen/streit-um-unkrautvernichtungsmittel-risiko-rundumvernichter-1.1146276
    Besonders pikant: Der Gruppe “earth open source” gehören “hochkarätige” Wissenschaftler an und – wie bereits vermutet -sei das BfR nervös.
    Wie es scheint, wird der Siegeszug der postmodernen Toxikologie sowenig aufzuhalten sein wie weiland zu Honneckers Zeiten der Sozialismus.

    +1

  3. barbara2 sagt: 4. Februar 2012

    dlg-mitteilungen 1/2012: titelthema glyphosat, es sieht ganz danch aus, dass es z.b. bei langjährigen direksaatverfahren die wurzeln der kulturpflanze schädigt. ausserdem findet es sich offenbar verstärkt in oberflächen gewässen und der haupteinträger sind kläranlagen. kann ja eigentlich nicht sein oder? es lohnt sich diese zeitung zu lesen, sie steht geiss nicht im geruch gentechnikfeindlich zu sein und hat mit ngos und so nix zu tun

  4. Jochen B. sagt: 11. Februar 2012

    Die DLG-Mitteilungen berufen sich auf Untersuchungen an der Universität Hohenheim, die schon vor ein paar Jahren veröffentlicht wurden. Es ist also nichts Neues und für den Praktiker auch nichts Verwunderliches. Es hat nichts mit “langjähriger” Mulchsaat zu tun, sondern mit zu kurzen Wartezeiten nach der Glyphosatanwendung. Durch einen Abstand von >2 Wochen lassen sich die schäden minimieren oder auf Null reduzieren. Auch die Ursachen für den Nachweis in Oberflächengewässern sind längst erkannt. Nachedem Glyphosat immer noch an Hinz und Kunz über Baumärkte und sogar ebay verkauft wird, werden damit Terrassen und andere an die Kanalisation angeschlossene Flächen behandelt. Angesichts der Tatsache, dass Glyphosat auf landwirtschaftlichen Kulturflächen nur mit Sachkundeausweis und geprüften Geräten ausgebracht werden darf, ist das eine Ungeheuerlichkeit, der dringend Einhalt genoten werden muß. Hobbygärtner sind schuld daran, dass der Sündenbock wieder einmal der Landwirtschaft zugeschoben wird.

  5. torben hoffmeister sagt: 14. Februar 2012

    “08.02.2012

    Alois Gerig, Franz-Josef Holzenkamp

    Zweifel an der Zulassung von Glyphosat ungerechtfertigt
    Forderung der Grünen unbegründet

    Der Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz hat am Mittwoch einen Antrag der Grünen beraten, in dem sie fordern, die Zulassung des Pestizidwirkstoffs Glyhphosat auszusetzen und ihn neu zu bewerten. Dazu erklären der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Franz-Josef Holzenkamp, und der zuständige Berichterstatter Alois Gerig:

    „Die Forderung der Grünen, die Zulassung des Pflanzenschutz-Wirkstoffes Glyphosat auszusetzen, ist unbegründet: Derzeit liegen keine wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber vor, die eine Aussetzung der Zulassung rechtfertigen würden.

    In den vergangenen Monaten haben Umweltverbände und Grüne versucht, auf der Basis nicht unumstrittener Studien den wichtigen Wirkstoff Glyphosat in ein schlechtes Licht zu rücken. Die Zielsetzung ist offensichtlich: Die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln soll schlechtgeredet – Landwirte und Verbraucher sollen verunsichert werden. Wir stellen dem gegenüber fest: Bei bestimmungsgemäßer Anwendung von glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln sind keineschädlichen Auswirkungen auf die Umwelt und die Gesundheit von Mensch und Tier zu befürchten.

    Die Landwirtschaft braucht gute Pflanzenschutz-Wirkstoffe wie Glyphosat, denn nur so können hohe Erträge erzielt und die Versorgung mit bezahlbaren und gesunden Lebensmitteln gesichert werden. Bevor Pflanzenschutzmittel in Deutschland angewendet werden dürfen, durchlaufen sie ein strenges Zulassungsverfahren. Die Zulassung eines einzelnen Wirkstoffs wie Glyphosat fällt in die Zuständigkeit der EU, die diesen Wirkstoff – wie es die entsprechenden Richtlinien vorsehen – in den kommenden Monaten nochmals überprüfen wird. Sowohl die deutschen Fachbehörden als auch die der anderen EU-Mitgliedstaaten sehen gegenwärtig aber keinen Grund, die Zulassungsfähigkeit dieses Wirkstoffes in Frage zu stellen.

    Neben wissenschaftlichen Erkenntnissen sprechen auch die praktischen Erfahrungen dafür, Glyphosat nicht vom Markt zu nehmen. Die Anwendung von glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln hat sich bei der Unkrautbekämpfung im Pflanzenbau sehr bewährt. Ein Verzicht auf Glyphosat würde einen vermehrten Einsatz anderer Pflanzenschutzmittel sowie einen intensiveren Maschineneinsatz bei der Bodenbearbeitung nach sich ziehen. Glyphosat macht eine ökologisch sinnvolle, nichtwendende Bodenbearbeitung häufig erst möglich und trägt zum Erosionsschutz sowie zu einem geringeren Kraftstoffverbrauch bei.“

    mein Kommentar:
    Für die Antragsteller hat aus ihrer politischen Sicht natürlich die Landwirtschafts- und Chemie-Lobby gewonnen. Dass aber auch die wissenschaftliche Vernunft zugunsten einer nachhaltigeren Landwirtschaft (Stichworte Bodenkonservierung und Erosionsvermeidung) gesiegt haben könnte, zeigt u.a. folgende Protokollnotiz:

    BVL-Fachbeirat Naturhaushalt
    Protokoll der 24. Sitzung am 23./24. September 2009 im BVL Braunschweig

    Glyphosat Anwendung im Zusammenhang mit konservierender Bodenbearbeitung

    Das vTI informiert über die Zusammenhänge zwischen Glyphosat-Anwendung und Bodenbearbeitung. Bei Direktsaat kann auf Herbizideinsatz nicht verzichtet werden. Bei Anbausystemen mit verschiedenen Formen der konservierenden Bodenbearbeitung mit Mulchsaat wird in der Regel Glyphosat angewendet. In der Tendenz wird in Ländern mit mehr Niederschlägen auf einem höheren Flächenanteil Pflugeinsatz erfolgen. Je trockener das Klima, desto eher wird konservierende Bodenbearbeitung mit geringer Bodenlockerung bzw. Direktsaat angewandt. In einem Projekt der Sächsischen Landesanstalt wird erforscht, wie durch optimale Gestaltung der Bodenbearbeitung der Glyphosateinsatz vermindert werden kann.

    Diskussionsbeiträge:
    • Auf erosionsanfälligen Flächen ist ein Zielkonflikt zwischen Erosionsschutz und Pflanzenschutzmittel-Reduzierung gegeben; Erosionsschutz ist anders nicht erreichbar. In der cross compliance Stufe 2 ist in Reihenfrüchten der Pflugeinsatz verboten ab 2010.
    • Glyphosat kann nur einen mechanischen Arbeitsgang ersetzen, ein mechanischer Arbeitsgang zur Einarbeitung von Reststroh bleibt erforderlich. Bei geneigten Flächen muss die Bodenbedeckung mit Stroh zur Bodenkonservierung gewährleistet sein.
    • Die Durchführbarkeit von mechanischen Maßnahmen ist stark abhängig von Witterungsbedingungen; zudem besteht ein starker Einfluss des Agrardieselpreises auf die Entscheidung zur Durchführung einer Maßnahme (der Dieselpreis macht 50% der Kosten aus und hat demnach großen Einfluss auf die Verbreitung der konservierenden Bodenbearbeitung). In den letzten Jahren gab es starke Schwankungen des Dieselpreises.
    • Es kann evt. günstiger sein – insbesondere bei hoher Bodenfeuchte mit starkem Unkrautwuchs – durch eine Glyphosat-Anwendung eine effektive Bekämpfung durchzuführen und dann nach dem Auflaufen der Rüben/Mais nur noch mit verringertem Herbizid-Aufwand zu arbeiten.

  6. Redaktion GGSG-Blog sagt: 6. März 2012

    Schön, endlich ein neuer Look. Wäre schön, wenn sich auch noch ein paar neue Autoren finden würden.

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