Der Konflikt um HannoverGen: “Eine einseitige Ausrichtung hätten die Lehrer niemals hingenommen.”

14. März 2013 | von:

Wiebke Rathje, HannoverGen

Die neue rot-grüne Landesregierung will das Schulprojekt HannoverGen beenden. Gute Gene, schlechte Gene sprach dazu mit der wissenschaftlichen Koordinatorin des Projekts, Dr. Wiebke Rathje von der Universität Hannover.

Redaktion Gute Gene, schlechte Gene: Sie sind wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hannover und Koordinatorin von HannoverGen. Was ist Ihre Aufgabe?

Wiebke Rathje: Ich kümmere mich um die Ausstattung der Labore und habe zusammen mit den Didaktikerinnen das Konzept für die Labortage entwickelt. Ich war auch an der Zusammenstellung der Materialen beteiligt. Eine meiner Hauptaufgaben sind die Lehrerfortbildungen mit Einführungen in die molekularbiologischen Techniken. Das alles geschah – und geschieht auch weiterhin – in enger Absprache mit einem Arbeitskreis der Lehrer, der von Beginn an das Projekt begleitet.

GGSG: Wie hat sich HannoverGen eigentlich finanziert? Es war ja immer zu hören, dass auch Geld von Unternehmen geflossen ist, darunter solche, die im Bereich Grüner Gentechnik arbeiten.

Wiebke Rathje: Da muss ich mal versuchen, die Finanzierung von HannoverGen aufzudröseln: 97 Prozent kommen aus Landesmitteln, davon etwa die Hälfte aus der Stiftung Zukunfts- und Innovationsfonds, die andere Hälfte aus Mitteln des Kultus- und des Landwirtschaftsministeriums. Das Wissenschaftsministerium hat wiederum die Begleitstudien finanziert. Bleiben also noch knappe 3 Prozent. Da ist zum einen der Fonds der Chemischen Industrie (VCI), bei dem sich einzelne Schulen um finanzielle Unterstützung für Projekte zur Verbesserung des naturwissenschaftlichen Unterrichts bewerben können. Das hat jede der vier Schwerpunktschulen von HannoverGen getan: Insgesamt 10.000 €, die direkt an die Schulen gegangen sind. Weitere 16.000 € sind nicht abgerufene Mittel aus BioRegioN, einer Standortinitiative des Landes, die damals aufgelöst wurde. Bleiben noch 1000 € - wohlgemerkt bei einer Gesamtsumme von einer Million € – für die wir von Kritikern nun kräftige Prügel beziehen. Sie kommen von Lochow Petkus, einem mittelständischen niedersächsischen Saatzuchtunternehmen, das zur KWS Saat AG gehört. Die Unterstützung haben wir auch stets transparent dargelegt. Wie viele andere Schülerlabore übrigens auch, bei denen diese nie als anrüchig angeprangert wurde.

GGSG: Hat es denn Einfluss aus der Industrie oder den industrienahen Verbänden gegeben?

Wiebke Rathje: Es hat zu keinem Zeitpunkt inhaltliche Eingriffe gegeben, weder von Seiten der Industrie, noch von Seiten des Ministeriums.

GGSG: Und die Lehrer: Kann man denen denn unterstellen, sie hätten sich für die Interessen von Unternehmen einspannen lassen?

Wiebke Rathje: Nein, das ist völlig absurd. Die Arbeitsmaterialien wurden in enger Absprache mit dem Arbeitskreis der Lehrer erstellt und dort abgestimmt. Kein Lehrer, der mit seinen Schülern einen Labortag in einer der Schwerpunktschulen erlebt hat, wäre doch wiedergekommen, wenn er einseitige oder manipulative Absichten wahrgenommen hätte. Entsprechenden Sachverstand sollten Kritiker den Lehrern schon zugestehen.

GGSG: Seit dem Abschluss des Koalitionsvertrages mit dem inzwischen berühmten Satz „Das Projekt HannoverGen wird beendet“ ist ja einiges passiert: Es gibt eine online-Petition mit inzwischen 3500 Unterschriften, es gibt erstaunlich viele Schülerinnen und Schüler, die sich für die Fortsetzung von HannoverGen engagieren, dazu Berichte in allen Medien. Bewegt sich inzwischen auch die Politik?

Wiebke Rathje: Vom großen Koalitionspartner in Niedersachsen – der SPD – hören wir nach wie vor keine Äußerung, einfach nichts. Nach vier Wochen des Schweigens wird in ein paar Tagen allerdings eine SPD-Delegation eines unserer Schülerlabore besuchen. Dann wird es hoffentlich endlich zu einem Gespräch kommen. Seitens der Grünen sehe ich überhaupt keine Bewegung, die bleiben stur bei ihrer Linie.

GGSG: Man hört immer wieder, die Schülerlabore an den Schulen könnten weiter bestehen, aber nicht mehr als HannoverGen, ohne Finanzierung durch das Land und ohne wissenschaftliche Begleitung durch die Universitätsinstitute.

Wiebke Rathje: Wenn sich das Land aus der Finanzierung zurückzieht und diese auf die Schulträger verlagert wird, sind solche Projekte nicht mehr durchführbar. Das sollte jeder wissen, der so etwas vorschlägt. Auch eine wissenschaftliche Begleitung – sei es von uns, sei es von einem anderen – ist unverzichtbar. Die Lehrer, die an den Schulen die Labore betreuen, bekommen dafür zwei Freistunden angerechnet. Das ist sehr, sehr wenig. Für die Lehrer bedeutet das viel Arbeit und sie noch mehr zu belasten, ist einfach nicht möglich. Und ein ambitioniertes Projekt braucht einfach fachliche Unterstützung, auch um neue Konzepte und Materialien auszuarbeiten. Wenn die Idee von Schülerlaboren weitergeführt werden soll, muss es eine Förderung durch das Land geben

GGSG: Aber derzeit ist die Zukunft der Schülerlabore noch offen.

Wiebke Rathje: Ja, und die Zeit rennt uns davon. Das Projekt läuft noch bis zu den Sommerferien. Ich kann nur unterstreichen, was auch in unserer Petition steht: Liebe SPD, lieber Herr Weil, reden Sie endlich mit uns.

Dr. Wiebke Rathje ist wissenschaftliche Mitarbeitern am Institut für Pflanzengenetik an der Leibniz Universität Hannover und wissenschaftliche Koordinatorin des Schulprojekts HannoverGen.

 

Kommentare

  1. torben hoffmeister sagt: 15. März 2013

    Wenn der (rot-grüne) Staat nicht will, muss es eben die Wirtschaft richten. Es muss ja nicht gerade die Saatgutwirtschaft sein, immerhin gibt es ja auch diverse Labor- und Verbrauchsartikelhersteller, die man um Unterstützung bitten kann. Denn schließlich geht es bei HannoverGen ja vordergründig um das Erlernen des molekularbiologischen know how im Labor. Es würde ja auch keine Schule ablehnen, wenn Hardware-Hersteller Komponenten für das Informatik-Kabinett sponsorn. Aber wahrscheinlich ist solcher Pragmatismus in Deutschland mit dem ausgeprägten Hang einer political-correctness-Bewertung von Unternehmertum nicht mehr möglich. An einer Zusammenarbeit von Schulen mit Solarfirmen würden die Grünen überhaupt keinen Anstoß nehmen. In den USA ist das übrigens eleganter gelöst. Da werden in solchen Fällen Stiftungen und nicht Firmen aktiv, so dass der Verdacht einer kommerziellen Einflussnahme erst gar nicht entsteht.

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