“Gentechnik light”: Der kleine Unterschied

15. April 2013 | von:

Chicoree

Letzte Woche gab es in verschiedenen Zeitungen die „Skandalmeldung“, dass „Gentechnik im Chicorée“ sei, was zwar dann im Text relativiert („Gentechnik light“), aber nicht weiter erklärt wurde. Außerdem fühlten sich die Grünen in Person ihres Agrarsprechers Harald Ebner dazu berufen, die Verbraucher zu schützen und eine Kennzeichnung zu verlangen. Weiterhin erfährt man, dass bestimmte Bioverbände wie Demeter oder Naturland die „CMS“ genannte Technik in ihren Richtlinien ausschließen.

Was ist CMS?

CMS steht für „cytoplasmatische männliche Sterilität“, das ist die vererbbare Eigenschaft, keinen funktionierenden Pollen bilden zu können. Die genetische Information dafür ist nicht im Zellkern, sondern im Cytoplasma zu finden. Die Erbträger im Cytoplasma sind bei Pflanzen Chloroplasten und Mitochondrien, die Information für CMS scheint aber nur auf der DNA von Mitochondrien zu liegen – mir sind zumindest keine anderen Beispiele bekannt. CMS kommt natürlicherweise nur bei wenigen Pflanzen vor, z.B. in der Familie der Korbblütler, zu denen Chicorée gehört, nur bei wenigen Sorten der Sonnenblume.

CMS ist interessant für Pflanzenzüchter, die Hybridsorten entwickeln wollen. Dazu werden zwei reinerbige Linien miteinander gekreuzt. Die Nachkommen solcher Kreuzungen sind besonders ertragreich, allerdings nur in der ersten Generation – das bedeutet, dass das Saatgut jedes Jahr erneut beim Züchter gekauft werden muss. Die Ertragsvorteile sind aber so groß, dass sich das für die Landwirte lohnt: In Deutschland und Europa haben Hybridsorten bei vielen Obst- und Gemüsearten einen Marktanteil von über neunzig Prozent, beispielsweise bei Mais, Zuckerrüben, Tomaten, Zwiebeln und verschiedenen Kohlsorten.

Bei selbstbefruchtenden Arten muss bei der Kreuzung der beiden reinerbigen Linien sichergestellt werden, dass die Mutterlinie sich nicht selbst befruchtet. Das kann man zum Beispiel erreichen, indem man ihre männlichen Blütenstände abschneidet oder “eintütet”. Diese aufwändige Handarbeit entfällt, wenn die Mutterlinie männlich steril ist. Bei Obst- und Gemüsearten, bei denen CMS nicht natürlich vorkommt, versuchen Züchter deshalb, diese Eigenschaft aus verwandten Arten einzuführen. Im Fall von Chicorée ist die am nächsten verwandte Pflanze, bei der CMS auftritt, die Sonnenblume.

Wie wird gezüchtet?

Da Chicorée und Sonnenblume nicht auf einfache Weise kreuzbar sind, bedient man sich der Technik der Protoplasten-Fusion. Dazu werden Zellen beider Pflanzen zunächst mithilfe von Enzymen ihrer Zellwand beraubt, dann vermischt und entweder durch Einwirkung bestimmter chemischer Substanzen oder elektrischen Stroms zum Verschmelzen gebracht. Die Fusionsprodukte werden dann in Zellkultur weiter vermehrt und später zu ganzen Pflanzen regeneriert. Beim Chicorée hatte man offenbar noch das Glück, dass sich der Zellkern der Sonnenblume, dessen Eigenschaften der Züchter ja gar nicht braucht, von selbst verabschiedete. Auch von Plastiden war wohl keine Spur mehr, nur die CMS-vermittelnden Mitochondrien waren noch da. In anderen Fällen wurde bei solchen Versuchen insofern nachgeholfen, als man den unerwünschten Zellkern mit Radioaktivität abschwächte (asymmetrische Hybride) oder inaktivierte (cytoplasmatische Hybride oder Cybride).

Gentechnik oder nicht?

Da Gentechnik per Definition auf der in vitro-Neukombination isolierter DNA beruht, hat der vorliegende Fall überhaupt nichts mit Gentechnik zu tun, nicht einmal wie behauptet mit „Gentechnik light“. Die entstandenen Pflanzen sind Gattungscybriden aus Cichorium und Helianthus und damit sogar weniger Mischwesen als Triticale, der Liger (Kreuzung aus Löwe und Tiger) oder das Muli, bei denen zusätzlich auch die Information der Zellkerne kombiniert vorliegt. Die Skandalisierung der Ökoverbände und der Grünen ist mal wieder entweder billige Effekthascherei oder ihrer Ahnungslosigkeit geschuldet – beides macht keinen wirklich guten Eindruck! Oder es wurde mit vollem Bewusstsein und fachlichem Hintergrund vorgetragen und bei Demeter, Naturland und den Grünen werden wir bald auch ein rigoroses Muliverbot erleben.

PS: In England wird Ähnliches bereits beim Menschen gemacht und Harald Ebner regt sich über eine blöde Zichorie auf…

Kommentare

  1. Gerd Spelsberg sagt: 15. April 2013

    Vor allem bei den verschiedenen Kohlarten (Blumenkohl, Rosenkohl, Kohlrabi, Brokkoli….) und Chicorée sind CMS-Sorten offenbar weit verbreitet. Wie viele solcher Sorten auf dem Markt sind, zeigt die noch nicht einmal vollständige “Orientierungsliste” von Bioland:
    http://www.bioland.de/fileadmin/bioland/file/bioland/qualitaet_richtlinien/CMS-Liste_2011v2.pdf

    Bioland hat – wie auch Demeter und Naturland – in den Verbandsrichtlinien die Verwendung von CMS-Sorten ausgeschlossen. Nach der EU-Öko-Verordnung sind CMS-Sorten allerdings erlaubt. Bioland räumt ein, dass eine wirksame Kontrolle des verbandsinternen Verbots von CMS-Sorten schwierig ist.

  2. Gerd Spelsberg sagt: 15. April 2013

    Und hier noch eine aktuelle Liste mit CMS-Sorten von 2013. Da sind noch einige dazu gekommen. http://www.bioland.de/fileadmin/bioland/file/bioland/qualitaet_richtlinien/CMS-Liste_2013.pdf

  3. Flaemingslord sagt: 16. April 2013

    Generell kommt CMS bei wenigen Pflanzen innerhalb einer Population vor, das bringt der rezessive Erbgang mit sich. Im Jahr 1972 war es hingegen bereits bei mehr als 150 Pflanzenarten beschrieben. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC160361/pdf/051285.pdf
    Das dürften heute noch wesentlich mehr sein. Was ich damit sagen will: CMS ist so natürlich wie Gras grün ist und ein wunderschönes genetisches Werkzeug für die Hybridzüchtung.
    Eine kleine Anmerkung zu einer Stelle im Text. “…Bei selbstbefruchtenden Arten muss bei der Kreuzung der beiden reinerbigen Linien sichergestellt werden, dass die Mutterlinie sich nicht selbst befruchtet…” Dies gilt selbstverständlich genauso für frembefruchtende Arten wie es der Mais, der Roggen, der Raps oder eben unser Chicorée einer ist.

  4. Paul Atreides sagt: 17. April 2013

    Die Verbände sollten dann aber auch noch unbedingt den “Brunch” und den “Ludi” verbieten – dabei handelt es sich immerhin um die (höchstbedenkliche) CMS Kreuzung von Frühstück & Mittagessen bzw. Mittagessen und Abendessen….

  5. Mila sagt: 18. Juli 2013

    Es ist ein Unterschied ob CMS ab und an mal auch in der Evolution vorkommt oder ob künstlich rumgepfuscht wird noch dazu mit Chemikalien und Radioaktivität.

    Züchtung ist auch menschengemacht behält aber das Prinzip der zufälligen Kombinationen und der natürlichen Auslese bei.

    Hybridzüchtigungen halte ich generell nicht für natürlich. Natürlich sind nur samenfeste Sorten auch wenn ich verstehe dass BIOLAND z. bei Raps zwecks Ölgewinnung da Ausnahmen macht.

  6. torben hoffmeister sagt: 18. Juli 2013

    Die Erzeugung von Hybridsorten mit höheren Erträgen ist keine „Rumpfuscherei“, sondern ein Beitrag zur Ernährungssicherung und in Europa zur Wohlstandssicherung. Wer das anders sieht, möge auch erklären, wie er demnächst 9 Mrd. Menschen ernähren will mit den Methoden der Züchtung von vor 100 Jahren. Und überhaupt, was ist das für eine „natürliche“ Auslese, die der Mensch seit 1000enden Jahren betreibt, wenn er nur die Pflanzen auswählt und weiter vermehrt, die seinen Ansprüchen genügen ? Schon allein mit der gezielten Auswahl der Kreuzungspartner, werden zufällige Kombinationen stark eingeschränkt. Das hat mit „Natürlichkeit“ ungefähr soviel zu tun wie der heute auch im Biolandbau verwendete hexaploide Weizen mit einem Wildgras wie Einkorn. Wer satt ist, kann sich auch unverbesserliche Romantik erlauben.

  7. Clemens Maier sagt: 28. Juli 2013

    Als Kriterium der Kritik fällt immer wieder der Begriff der Natürlichkeit. Dies ist ein Konstrukt, das als eine Art Maßstab eingesetzt wird, das aber keinesfalls definiert wird. Es gibt in der Biolandwirtschaft eine Reihe von Einzelvorschriften, die wohl diese ‘Natuerlichkeit’ wiederspiegeln sollen, die aber eben nicht wirklich klar und schon gar nicht rational begründet ist, sondern nur ganz bestimmte menschliche Eingriffe nicht gestattet – andere aber schon, z.B. Kupfer als Pestizid zu verwenden. Es geht also nicht darum, was hat eine bestimmte Wirkung/Risiko sondern Bio scheint darauf abzuzielen, menschliches Handeln als solches zu begrenzen. Nicht wirklich zielfuehrend.

  8. Gerd Spelsberg sagt: 2. August 2013

    Es soll jetzt ein Verfahren geben, mit dem CMS-Sorten nachgewiesen werden können.

    http://www.bio-markt.info/web/Aktuelle_Kurzmeldungen/Gentechnik/CMS:_TK-Blumenkohl_verliert_Demeter-Anerkennung/15/21/0/15094.html

    Eine Blumenkohlsorte hat offenbar seine Demeter-Anerkennung verloren.

  9. torben hoffmeister sagt: 2. August 2013

    „…, weil die dafür notwendigen Eingriffe im Labor die Integrität der Pflanze verletzen und nicht zum Leitbild der Biodynamischen Wirtschaftsweise passen.“
    Sind alle Demeter-Jünger jetzt Frutarier ? Nach diesem Grundsatz dürften Pflanzen im lebenden Zustand nicht geerntet werden, denn darunter leidet deren Integrität. Wo bleibt der Ausschluss von Triticale, von hexaploidem Weizen oder Durumweizen und Braugerste, die mittels Bestrahlung gezüchtet wurden ? Ein Beispiel mehr wie die Grundsätze des Biolandbaus von kognitiver Dissonanz geprägt sind.

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