Naturschutz, Gentechnik und “moderne Grüne”

8. Januar 2013 | von:

Baum

In einer fulminanten, sehr persönlichen Rede auf der Oxford Farming Conference hat sich der britische Umweltaktivist und Buchautor Mark Lynas dafür entschuldigt, „viele Jahre damit verbracht zu haben, Felder mit gentechnisch veränderten Pflanzen zu zerstören“ und „eine wichtige technologische Innovation zu dämonisieren“. Das Echo vor allem im englischsprachigen Raum war riesig. Doch ganz so überraschend ist Lynas’ spektakuläre Kehrtwende nicht. In den USA und auch in Großbritannien hat sich eine neue Denkweise im Natur- und Umweltschutz entwickelt, die zunehmend an Boden gewinnt und der die tiefe, für die deutsche Umweltbewegung charakteristische Unversöhnlichkeit von (neuen) Technologien und Natur fremd ist.

Mark Lynas zeigte sich „überwältigt“ von dem großen Interesse an seiner Rede. Obwohl die etablierten Medien kaum darüber berichtet haben, sei seine Website mit dem Text der Rede unter dem Ansturm zusammengebrochen. Mehr als 130.000 mal in vier Tagen sei der Redetext aufgerufen worden. (Inzwischen hat NovoArgumente eine deutsche Übersetzung des Textes veröffentlicht. Martin Ballaschk hat in seinem Detritus-Blog das Wichtigste zusammengefasst und in die deutsche Debatte eingeordnet.)

Doch nicht erst in Oxford ist Lynas vom Gentechnik-Gegner zum Befürworter geworden. Schon im Oktober 2011 gab er der Zeitschrift environmental 360 ein Interview. „Die meisten der Bedenken, die wir vor zehn Jahren hinsichtlich Umwelt und Gesundheit hatten, waren offensichtlich überzogen. … Selbst wenn man die Forcierung von Monokulturen durch die gegenwärtig angebauten herbizid- und insektentoleranten Pflanzen berücksichtigt, haben GVO einen Nutzen für die Umwelt. Und wenn es gelingt, gentechnisch veränderte Pflanzen zu entwickeln, die trockentolerant sind und weniger Stickstoffdünger benötigen, wird trotz höherer Erträge der Verbrauch an Ackerland zurückgehen.“

Das damalige Interview mit Mark Lynas hatte Keith Kloor geführt, ein in Brooklyn lebender Umwelt- und Wissenschaftsjournalist, der eine Reihe von Artikeln und Blogposts veröffentlicht hat, die sich mit einer besonderen Strömung in der amerikanischen Umwelt-  und Naturschutzbewegung beschäftigt: den, wie Kloor sie nennt, “Öko-Pragmatikern” oder Modern Greens. Diese kritisieren die romantische Verklärung der unberührten Natur (Wildnis), die gegen die menschliche Zivilisation mit ihrem Flächenverbrauch und neue technologische Entwicklungen verteidigt werden muss.

Längst sind die Menschen die dominierende ökologische Kraft auf der Erde, deren Einfluss auf „jedem Quadratzentimeter“ zu erkennen ist. Der niederländische Atmosphärenchemiker Paul Crutzen, der „Entdecker“ des Ozonlochs, hat daher vorgeschlagen, die gegenwärtige erdgeschichtliche Epoche als Anthropozän zu bezeichnen, eben das Zeitalter des Menschen. Die unberührte, ursprüngliche Natur gibt es längst nicht mehr – und es ist eine Illusion, ihre Bewahrung als Ziel auszugeben. Natur und menschliche Zivilisation sind dann keine strikten, unversöhnlichen Gegensätze mehr. Vielmehr werden Wissenschaft und neue Technologien als Mittel angesehen, um Natur und Biodiversität zu bewahren.

Eine der Leitfiguren der Öko-Pragmatiker ist Peter Kareiva, der wissenschaftliche Leiter der US-amerikanischen Organisation Natur Conservancy und ein „Gigant“ unter den im Naturschutz aktiven Biologen. Zusammen mit Michelle Marvier und Robert Lalasz hat er einen viel beachteten Text über „Naturschutz im Anthropozän“ geschrieben. Der Naturschutz müsse mit den technologischen Entwicklungen zusammenarbeiten und sie nicht als etwas verdammen, was zum „Ende der Natur“ führe.

Die alten Strategien, Natur zu schützen, müssten grundlegend überdacht werden, fordert auch Emma Marris, Biologin und Autorin (u.a. für Nature), die gerade das Buch „Der wilde Garten” (Rambunctious Garden – Saving Nature in a post-wild world) herausgebracht hat. Für Kloor ist Marris eine Vorreiterin der Modern Greens . Dieser Tage ist sie in Berlin zu sehen und zu hören, im Rahmen des Anthropozän-Projekts im Haus der Kulturen in Berlin (am 13.01.2013). Sie plädiert für ein verändertes Bild von Natur, in dem diese nicht als durchweg schwach und gefährdet angesehen wird, sondern als robust und anpassungsfähig. Natur gibt es für Marris nicht nur in geschützten Reservaten, sondern auch mitten in New York oder Berlin. (Das über zwei Jahre laufende Antropozän-Projekt in Berlin wird am 10.01.2013 eröffnet.)

Auch Mark Lynas ist ein profilierter Vertreter dieser Strömung. Er – und mit ihm weitere Vordenker der Naturschutzbewegung – sieht in der Gentechnik nicht nur einen „Feind“ der Natur, sondern – richtig genutzt – eine Technologie, die dazu beitragen kann, bestimmte Naturräume vor einem weiteren Nutzungsdruck durch den Flächenhunger der Landwirtschaft zu bewahren. Die von Norman Borlaug eingeleitete Grüne Revolution, so Lynas in Oxford, hat zu erheblichen Ertragssteigerungen in der Landwirtschaft geführt. „Ohne diese würde es heute keinen Amazonas-Regenwald mehr geben. Es gäbe auch keine Tiger mehr in Indien oder Orang-Utans in Indonesien.“

Das ist – zugegeben – sicher etwas zugespitzt und emotional ausgedrückt. Aber im Kern ist es richtig: Jede Technologie, die zu erhöhten landwirtschaftlichen Erträgen führt ohne mehr Ressourcen zu verbrauchen, ist nützlich – auch um Naturräume und Artenvielfalt zu erhalten. Und zu diesen Technologien gehört eben auch die Gentechnik.

07 Mark Lynas from Oxford Farming Conference on Vimeo.

(Foto oben: Markus Belde)

 

Kommentare

  1. Kalle Kogel sagt: 8. Januar 2013

    Dank an Gerd Spelzberg für dieses Statement zum neuen Aufbruch und der optimistischen Einschätzung, dass endlich weltweit ein Umdenken in Sachen Ökologisierung der Landwirtschaft stattfindet.

    Die wissenschaftsbasierten Evidenzen für die ökologischen Vorteile einer neuen Generation von gentechnisch bearbeiteten Kulturpflanzen sind momentan geradezu überwältigend, übrigens einhergehend mit der wachsenden Erkenntnis, dass eine zunächst hochgeschätzte “BIO” Produktion (organic farming) durch den enormen Flächenverbrauch und den immer stärkeren Einsatz von Kupferschwermetallen erhebliche Seiteneffekte verzeichnet.

    Modern Green – ja, eine neue ökologische Denkweise ist dringend notwendig!

  2. Prof. Dr. Nazimi Acikgoz sagt: 9. Januar 2013

    In case we were able to show the other side of medallion to biotechnology opponents, scientific advancements would not be hindered in some countries.

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