Ökolandbau und Gentechnik: Auf immer natürliche Feinde?

18. November 2012 | von:

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Ökolandbau und Gentechnik – das ist wie Feuer und Wasser. Das eine schließt das andere kategorisch aus – und daran wird sich zumindest in Deutschland auch erst einmal nichts ändern. Für die ökologische Lebensmittelwirtschaft lebt es sich gut und erfolgreich in der scharfen Abgrenzung zur Gentechnik. Es gibt keinen Grund, daran zu rütteln, denn das gesetzliche Verbot von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) ist für die Öko-Lebensmittelwirtschaft ein starkes Alleinstellungsmerkmal. Doch hier und da bröckelt es an der Grenzmauer.

Gentechnik – das ist ein eingängiges Symbol für die industrialisierte, gegen „die Natur“ gerichtete Landwirtschaft, herbizidresistente Soja-Monokulturen in Südamerika oder die „Vermaisung“ der Landschaft. Dass sie eben das nicht will und eine andere Landwirtschaft praktiziert, gehört zum Markenkern der Öko-Bauern und ihrer Verbandsfunktionäre. Aber so wenig „die“ Gentechnik „Monsanto“ ist – populäre Chiffre für die großen Agro-Konzerne -, so wenig ist Öko-Landwirtschaft der kleine, hart wirtschaftende Familienbetrieb, der lieber auf Ertrag verzichtet als auf die okkulten Methoden des Anthroposophen-Gurus Rudolf Steiner. Solche Zerrbilder sind zwar nützlich, um die Kämpfer in den ideologischen Schützengräben zu munitionieren, doch sie stimmen schon lange nicht mehr.

Ich habe es nicht nur einmal erlebt: Beim dritten Glas Biowein räumt so mancher Öko-Bauer ein, dass er gar nicht so grundsätzlich gegen jede Gentechnik in der Pflanzenzüchtung ist. Vor allem Phytophthora, der Erreger der Kraut- und Knollenfäule bei Kartoffeln, würde gerade Öko-Landwirten wie ihm große Probleme bereiten, gesteht er beim nächsten Glas. Manchmal, in niederschlagsreichen Jahren mit starkem Befall, müsse er große Verluste hinnehmen. Und beim Versprühen der Kupferpräparate, die im Öko-Landbau noch immer gegen eine Reihe von Pilzkrankheiten erlaubt sind, habe er schon ein schlechtes Umwelt- Gewissen. (Nach langem Zögern will die EU die Verwendung von Kupferpräparaten einschränken. In Deutschland wird dazu eine Minimierungsstrategie entwickelt.)

Auch Prof. Friedhelm Taube, Leiter der Abteilung Grünland/Ökologischer Landbau der Universität Kiel sieht in der gentechnisch induzierten Resistenz gegen die Kraut- und Knollenfäule bei der Kartoffel einen „vielversprechenden Ansatz“. Er könnte „eine vollkommen neue Debatte über die Grüne Gentechnik entzünden, da die derzeitigen Bekämpfungsmethoden der Kraut- und Knollenfäule sowohl im konventionellen als auch im ökologischen Anbau als äußerst problematisch einzustufen sind.“ (ZEIT, 07.03.2012)

Doch: So schnell werden Ökolandwirte wohl kaum gentechnisch veränderte phytophthora-resistente Kartoffeln auspflanzen können (ohnehin ist eine solche Kartoffel auch nicht auf dem Markt, BASF hat die weitere Entwicklung eingestellt). Was als GVO gilt, ist im Ökolandbau verboten, und es erscheint politisch kaum vorstellbar, dass sich daran etwas ändert. Bewegung  kommt eher von der wissenschaftlichen Seite: Die molekularbiologischen Methoden in der Pflanzenforschung entwickeln sich derzeit rasch weiter – und unterlaufen so die eigentlich längst überholte gesetzliche GVO-Definition. Damit werden Pflanzensorten mit neuen Eigenschaften möglich, an denen die herkömmliche, „natürliche“ Pflanzenzüchtung  bisher gescheitert ist und die allenfalls mit der Gentechnik – dem Einführen „artfremder“ Gene und Genkonstrukte – erreichbar waren.

Die neuen Methoden werden die Möglichkeiten in der Pflanzenzüchtung enorm erweitern, aber die daraus hervorgegangene Pflanzen bleiben unterhalb der GVO-Schwelle:  Sie benötigen weder besondere Zulassungen und Sicherheitsnachweise, noch geraten sie in den Fokus einer gentechnik-kritischen Öffentlichkeit. Und auch im Öko-Landbau sind sie erlaubt wie jede andere konventionelle Sorte auch. Das gilt für etwa Smart Breeding (Markergestütze Selektion), Tilling (Mutagenese) oder demnächst vielleicht TALEN, eine völlig neue, revolutionäre Methode, mit der sich das Genom quasi DNA-Bausteingenau umschreiben lässt. Man braucht keine Gene mehr zu isolieren und einzuführen. Natur und Konstrukt lassen sich nicht mehr unterscheiden. „Naturidentische Gentechnik“, so Andreas Sentker in der ZEIT.

Die neuen Verfahren gelten als „natürlich“ und werden von Umwelt- und Ökoverbänden als moderne Alternative zur Gentechnik gefeiert. Ein sonst um keine Übertreibung verlegener Gentechnik-Gegner wie der Grüne Bundestagsabgeordnete Harald Ebner begrüßt „die Beschleunigung der konventionellen Züchtung durch gentechnikfreie moderne Hilfsmethoden (Smart Breeding, markergestützte Selektion).“ Für Greenpeace kann die Pflanzenzüchtung mit Smart Breeding „die Gentechnik überholen“.

Moderne molekularbiologische Pflanzenforschung und der Ökolandbau sind da offenbar keine Gegensätze mehr. Das ist doch schon mal was.

 

Vom Öko-Landbau umweltschonende, nachhaltige Anbauverfahren, von der Gentechnik die Züchtung angepasster,  gegen Krankheiten und Schädlinge widerstandsfähiger Sorten: Dass beide Seiten etwas zu den großen Herausforderungen der Landwirtschaft beitragen können,  wird in den USA von der Pflanzengenetikerin Pamela Ronald und ihrem Ehemann, dem Organic Farmer Raoul Adamchak vorgelebt.  GMOrganic: A Botanical Love Story from News21 Berkeley 2011 on Vimeo.

Kommentare

  1. Daniel sagt: 19. November 2012

    Ja, das wäre doch schon mal etwas.
    Am Umdenken bei den NGO´s habe ich aber meine Zweifel. Sie haben ja mehrere Kampflinien aufgebaut. Diese Organisationen haben nicht nur aus allen Rohren gegen die Gentechnik geschossen, sondern auch gegen die Züchter und Monsanto als das Sinnbild allen Bösen in der Agroindustrie hochstilisiert. Von diesem Roß müssten sie dann auch herunter. Denn der böse Monsantokonzern würde weiter im Spiel bleiben. Wer soll die neue Züchtungsmethode anwenden. Es wären doch nur die großen Züchter und nicht der Demeterbauer auf seiner Scholle.
    So wie in der letzten Zeit aus dieser Richtung auch gegen Hybridsaatgut polemisiert wurde, da beim Hybridsaatgut die armen Bauern gezwungen seinen jedes Jahr neues Saatgut von den global agierenden Großkonzeren zu kaufen, habe ich Bedenken, dass die NGO´s diese Linie verlassen würden.
    Es käme reichlich Arbeit auf die NGO´s zu den Leuten das zu erklären und selber dabei glaubwürdig zu bleiben.
    Aber hoffen wir mal.

  2. Sambi sagt: 25. November 2012

    Ich verstehe nicht: Bist du nicht informiert über Monsanto und seine gewaltsamen Methoden oder bist du ein Mitarbeiter dieser Firma?
    Monsanto – ein Riesenkonzern, versucht, den Markt zu beherrschen und die Leute in seine Richtung zu zwingen mit Methoden, die man nur als brutal bezeichnen kann. Monsanto IST böse!
    Die NGOs – verschiedene kleine bis etwas größere Orgas, die auf Mitgliederbeiträge und Spenden angewiesen sind, versuchen, sich gegen die Marktmacht Monsantos anzukommen.

    Ich bin sehr froh, dass es überhaupt jemanden gibt, der diese Art der Landwirtschaft in Frage stellt.

  3. Gerd Spelsberg sagt: 26. November 2012

    Ist das denn so schwer zu verstehen: Gentechnik ist nicht Monsanto, sondern ein molekularbiologisches Werkzeug in der Pflanzenzüchtung. Was damit bisher an Produkten herausgekommen ist, darüber kann man sich streiten. Aber alles und sogar jedes Forschungsprojekt ohne sich näher damit auseinanderzusetzen mit dem platten Monsanto-Argument vom Tisch zu wischen, ist das nicht ein bisschen billig? Oder, @Sambi?

  4. Klaus Ammann sagt: 3. Dezember 2012

    Meine beiden frühen Beiträge zum Thema

    Ammann, K. (2008)
    Feature: Integrated farming: Why organic farmers should use transgenic crops. New Biotechnology, 25, 2, pp 101 – 107
    http://www.botanischergarten.ch/NewBiotech/Ammann-Integrated-Farming-Organic-2008.publ.pdf

    Ammann, K. (2009)
    Feature: Why farming with high tech methods should integrate elements of organic agriculture. New Biotechnology, 25, 6, pp 378-388
    http://www.botanischergarten.ch/Organic/Ammann-High-Tech-and-Organic-2009.pdf

    bald dazu mehr, die Argumente (jenseits von Ideologie, Marketing und Handels-Protektion) haben sich seit 2009 vervielfacht

    Klaus Ammann, Neuchâtel, Schweiz

  5. Gerhart Ryffel sagt: 28. Januar 2013

    Aus meiner Sicht sind die Anliegen der biologischen Landwirtschaft mit einer sorgfältigen Anwendung der Gentechnik vereinbar. Hierbei geht es darum, die Ängste der Konsumenten möglich ernst zu nehmen und die neuesten Verfahren der Gentechnik einzusetzen, um alle denkbaren Risiken zu minimieren.
    Ich habe daher kürzlich vorgeschlagen, biogene Pflanzen zu entwickeln, die mit den Anliegen der biologischen Landwirtschaft im Einklang sind (Ryffel, 2012a). Insbesondere enthalten biogene Pflanzen weder Antibiotika noch Herbizidresistenzgene, welche den Einsatz von Chemikalien in der Landwirtschaft bedingen. Sie zeichnen sich ausserdem dadurch aus, dass eine Auskreuzung transgener Eigenschaften mit Kulturpflanzen oder den entsprechenden Wildformen ausgeschlossen ist. Eine etwas ausführlichere Darstellung (orgenic plants) liegt auch in Englischer Sprache vor (Ryffel, 2012b).
    Ryffel,G.U. (2012a). Biogene Pflanzen: gentechnisch veränderte Pflanzen für die biologische Landwirtschaft. In Nutzen und Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen: Programmsynthese des Nationalen Forschungsprogramms 59, Leitungsgruppe des NFP 59, ed., pp. 176-179. http://www.vdf.ethz.ch/service/3483/3484_Nutzen-und-Risiken-der-Freisetzung-gentechnisch-veraenderter-Pflanzen_OA.pdf
    Ryffel,G.U. (2012b). Orgenic plants: Gene-manipulated plants compatible with organic farming. Biotechnol. J 7, 1328-1331.

  6. torben hoffmeister sagt: 29. Januar 2013

    Ein lobenswerter Ansatz, aber ob der die ideologischen Gräben oder besser den unerschütterlichen Glauben der Ökoanbauvertreter überwinden kann, ist sehr fraglich. Die „biogenen“ Pflanzen existieren ja bereits: MON810 mit Fraßinsektentoleranz (ohne Antibiotika- oder Herbizidresistenzgene) oder die Phytophthora-tolerante Kartoffel oder der Blattlaus-vergrämende Weizen von Rothamsted Research. http://www.senseaboutscience.org/pages/rothamsted-appeal.html
    Alles Entwicklungen, die die Einsparung oder gar den Verzicht von Pflanzenschutzmitteln ermöglichen und von einer „Gefahr“ der Auskreuzung kann aus fachlicher Sicht bei diesen Kulturen auch keine Rede sein. Aber was passiert ? MON810 wurde insbesondere auch auf das Betreiben von Ökoanbauverbänden und der ihnen ausnahmslos nahestehenden NGO`s mit fadenscheinigen Gründen in D verboten. Die Phytophthora-tolerante Kartoffel wird durch den Weggang der BASF nicht weiter entwickelt, ein ähnlicher Ansatz in Irland (!!!) bekämpft und der Rothamsted Research – Weizen entging nur durch große Medienoffensive der Zerstörung. Nein, hier geht es nicht mehr um irgendwelche Ängste, hier wird wider besseren Wissens gehandelt, weil es um handfeste Ideologie und partikularpolitische bzw. geschäftliche Interessen geht.

  7. Gerd Spelsberg sagt: 29. Januar 2013

    Sicher, die gesellschaftliche Debatte ist in Deutschland (und in vielen Ländern Europas) ziemlich festgefahren. Man hat sich in den Schützengräben (Entschuldigung für die militärische Terminologie) bequem eingerichtet. Aber um so wichtiger, dass wir dennoch diese Debatte um Gentechnik/Ökolandbau führen. Und nach meinem Eindruck gibt es gerade unter den jüngeren Wissenschaftlern viele, die diese Polarisierung und Diskursunfähigkeit leid sind.

    Dazu auch diese kleine Artikel von Pamela Ronald, heute erschienen in der deutschen WIRED-Ausgabe :
    http://www.wired.de/2013/01/29/think-gentechnik-wird-grun-2/

  8. Gerhart Ryffel sagt: 29. Januar 2013

    Zu dem Kommentar von Torben Hoffmeister möchte ich hinweisen, dass eine wesentliche Eigenschaft der von mir vorgeschlagenen biogenen Pflanzen darin besteht, dass sie kein Transgen, d. h. eine DNA, die in der Pflanze natürlicherweise nicht vorkommt, auf eine andere Pflanze übertragen können.
    Bei der Phytophthora-toleranten Kartoffel ist dies kein Problem, da die Resistenzgene aus Kartoffel-verwandten Pflanzen entnommen werden können (Cisgene), die natürlicherweise mit Kartoffeln Gene austauschen können.
    Beim MON810 Mais und bei dem Blattlaus-vergrämenden Weizen sind aber artfremde Gene eingebaut, die normalerweise nicht in diese Pflanzen gelangen können. Um mit dem Konzept der biogenen Pflanzen im Einklang zu sein, sollte steriler Mais und Weizen verwendet werden (keine Pollenbildung). Da man aber bei diesen Pflanzen ja an den Samen als Nahrungsquelle interessiert ist, müssen sogenannte apomiktische Pflanzen eingesetzt werden, bei denen die Samenbildung klonal erfolgt, so dass Samen eine exakte Kopie des Genoms der Mutterpflanze enthalten. Einige apomiktische Pflanzen sind bekannt (zum Beispiel die Orange), aber bei den meisten Nahrungspflanzen, das gilt auch für Mais und Weizen, müssen die entsprechen Varietäten noch hergestellt werden. Dies ist ein erheblicher Aufwand, der sich langfristig auszahlt, da ein unkontrolliertes Auskreuzen von Transgenen verhindert werden kann.

  9. torben hoffmeister sagt: 29. Januar 2013

    Ich denke, dass sich ein “unkontrolliertes” Auskreuzen von Transgenen auch durch einfache Maßnahmen verhindern lässt. Bei den umfänglichen Anbauvorhaben in Ostdeutschland vor dem Verbot des MON810 in 2009 ist kein Fall bekannt geworden, in dem es zu solchen Ereignissen gekommen ist, trotz Beobachtung durch „superkritische“ NGO`s und die Ökolandwirtschaft. Nicht mal von den zahlreichen Freisetzungsversuchen mit der „problematischeren“ Pflanze Raps in den 90iger Jahren sind solche Berichte bekannt. Und schlussendlich konnten 00-Linien und Industrieraps bisher ganz hervorragend koexistieren. Und dabei geht es um richtige Sicherheitsprobleme und nicht um gefühlte wie die analytisch nachweisbare Anwesenheit eines Transgens in 1 von 3.000 Samen.
    Warum also einen „Handstand und Verrenkungen“ wenn es gar kein Problem gibt ? Nur um den unwissenschaftlichen Ansichten der Ökolandwirtschaft entgegen zu kommen ?
    Die Unterscheidung von cisgen und transgen ist auch nicht zielführend: Wie kartoffelverwandt darf denn eine Pflanze sein, damit es noch als cisgen durchgeht ? Reicht die Gattung Solanum oder darf es auch aus der Familie der Solanaceae sein ? Was ist dann eigentlich Triticale ? Eine cisgenomische oder transgenomische Pflanze ? Eines steht fest, die Kreuzung von Roggen und Weizen war nur im Labor möglich, weshalb die hardcore – Biolandwirte von Demeter das auch ablehnen. Aber warum sie das ablehnen, aber nicht den durch Bestrahlung entstandenen Durum-Weizen oder die Braugerstesorten, die auf die ebenfalls durch Bestrahlung erzeugte Sorte „Diamant“ zurückgehen, bleibt ihr Geheimnis. Wissenschaftlich zu rechtfertigende Gründe sind es jedenfalls nicht.
    Zudem: Apomiktischer Mais ist in der modernen Landwirtschaft undenkbar, da die heutigen Sorten fast ausnahmslos Hybriden sind. Und selbst wenn die Hybriden dazu gebracht werden, apomiktisch Samen zu bilden (hier fehlt mir die Phantasie), die Hybriden müssen ja auch erzeugt werden und dass ist so ziemlich das gegensätzlichste Konzept zur Apomixie. Auch bei Weizen sind solche Bestrebungen vorhanden und nach Anbau der bereits existierenden Sorten von Hybrid-Roggen habe ich schon begeisterte Berichte von Landwirten gehört. Ach ja, ich vergaß, Hybriden lehnt die Biolandwirtschaft auch ab.

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