„Nur Experimentieren im Labor ohne ethische Reflexion – das wäre unverantwortlich.“

14. März 2013 | von:

Schullabor HannoverGen

Das Schulprojekt HannoverGen bestehet nicht nur aus molekularbiologischem Experimentieren im Labor. Die Schüler sollen auch mögliche Produkte und Anwendungen der Gentechnik ethisch bewerten. Gute Gene, schlechte Gene sprach dazu mit Prof. Dr. Corinna Hößle, Biologiedidaktikerin an der Universität Oldenburg und bei HannoverGen verantwortlich für den Projektteil “Bewerten”.

Redaktion Gute Gene, schlechte Gene: Frau Hößle, Sie sind Professorin für Biologiedidaktik an der Universität Oldenburg. Was hat Sie motiviert, bei HannoverGen mitzuarbeiten?

Corinna Hößle: Damals kam eine Anfrage aus dem Landwirtschaftsministerium. Ich hatte schon mehr als zehn Jahre zum Thema Gentechnik gearbeitet und einige Erfahrung bei der Entwicklung von Materialien zur Förderung moralischer Urteilsfähigkeit. Das Interessante an dem Projekt war, die reine Laborarbeit mit der konkreten ethischen Analyse zu verbinden.

GGSG: Sie sind für das Teilprojekt „Bewerten“ innerhalb von HannoverGen verantwortlich. Was kommt davon bei den Schülern an?

Corinna Hößle: Wir wenden bei HannoverGen ein von uns entwickeltes sechsstufiges ethisches Bewertungsmodell an (siehe Kasten unten). Schüler haben häufig die Vorstellung: Wenn etwas technisch funktioniert – warum soll ich es dann nicht durchführen? Schüler dafür zu sensibilisieren, dass solche Technologien eine hohe ethische Implikation haben, das ist unser Ziel.

GGSG: Für die verschiedenen Bewertungsschritte haben Sie Materialien erarbeitet.

Corinna Hößle: Um ein ethisch reflektiertes Werturteil fällen zu können, braucht man gerade bei der Gentechnik sehr viel Hintergrundwissen. Ich muss die Technologie kennen, muss wissen, wie bestimmte Verfahren funktionieren, etwa welche Gene werden wie herausgeschnitten und wie in ein anderes Genom transportiert. Wir suchen uns dazu ein ganz konkretes Beispiel. Dann benötigen wir Hintergrundinformationen über Chancen und Risiken. Wir haben unterschiedliche Studien herangezogen, aus dem Pro- und aus dem Kontrabereich. Viele dieser Materialien sind auch in einem Buch enthalten, herausgegeben vom Kultusministerium. Es ist vor allem eine Handreichung für die Lehrer. Die Verantwortung für die Beiträge liegt bei den einzelnen Autoren und beim Kultusministerium, nicht bei HannoverGen.

GGSG: Und wie läuft dann eine ethische Urteilsbildung ab?

Corinna Hößle: Erst wenn der Schüler die fachlichen Grundlagen und ethisches Basiswissen hat, wenn er Argumente pro und kontra benennen kann und auch die ethischen Werte, die berührt sind – erst dann ist er aufgefordert, ein eigenes Urteil zu fällen. Abschließend – und das ist eigentlich der wichtigste Schritt – muss der Schüler schriftlich ausführen, welche Folgen sein persönliches Urteil haben kann: Für sich selbst, seine direkte Umwelt und die Gesellschaft – nicht nur für sein eigenes Urteil, sondern auch für mögliche andere Urteile. Der Schüler soll eine kritische Distanz entwickeln. Also lernen, andere Positionen zu respektieren und sie nicht immer gleich zu bekämpfen.

GGSG: Wie ist eigentlich der Zusammenhang von Labortagen und ethischer Bewertung ganz konkret? Erst gehen die Schüler ins Labor….

Corinna Hößle: Ja, der Labortag umfasst einige Stunden. Schon während die Versuche laufen, beginnt die ethische Reflexion und wird dann nach dem Labortag fortgesetzt. Wir haben das immer so gehalten: Erst die Laborarbeit und hinterher eine ethische Analyse. Die Lehrer wurden ausgebildet, damit sie dieses Vorgehen beherrschen.

GGSG: Ganz konkret: Experimente im Labor ohne die Pflicht zu ethischer Bewertung gab es nicht.

Corinna Hößle: Nein, das ist genau unser Konzept. Bevor er ins Labor geht, muss der Schüler schon Hintergrundwissen zur Grünen Gentechnik aufgebaut haben, sonst könnte er die Experimente auch gar nicht verstehen. Diese finden schon auf einem hohen Niveau statt. Das Einzigartige an unserem Konzept ist: Die Schüler erlernen Labortechniken, den Umgang mit Pipetten, Materialien und Substanzen. Und anschließen müssen sie das, was sie gerade selbst im Labor durchgeführt haben, ethisch hinterfragen.

GGSG: Hat sich durch diese Kombination von Experimentieren und dem Erlernen von ethischer Bewertung die Bereitschaft erhöht, zu informierten und durchdachten Werturteilen zu kommen?

Corinna Hößle: Auf jeden Fall. Wenn wir nur einen Labortag anbieten würden ohne die ethische Reflexion des eigenen Tuns, wäre das unverantwortlich. Die Arbeiten im Labor klappen immer sehr gut und die Erfolgsquote dabei ist hoch. Naturwissenschaft an sich sieht anders aus: Wenn es in einer Laborsituation gut klappt, muss es, wenn man draußen in einem offenen System mit Gentechnik arbeitet, nicht so funktionieren. Es ist ein Unterschied, ob ich ein Risiko unter Laborbedingungen berechne oder in einem offenen System. Und genau darum geht es ja: Wenn wir im Labor arbeiten, fragen wir uns immer hinterher, welche Anwendungsmöglichkeiten gäbe es in unserer Gesellschaft und welche Risiken wären damit verbunden. Was brauchen wir von dem, was wir im Labor durchführen tatsächlich in unserer Gesellschaft? Was davon wollen wir und was nicht? Das ist ein demokratischer Entscheidungsprozess, der geübt werden muss. Es ist ganz wichtig, dass Schüler lernen und erkennen, dass es Möglichkeiten der Partizipation gibt. HannoverGen ist nun selbst ein Beispiel dafür geworden.

GGSG: Offenbar ist es den Schülern ja alles andere als gleichgültig, ob es ein so anspruchsvolles Schulprojekt wie HannoverGen gibt oder nicht.

Corinna Hößle: Die Schüler nehmen ja jetzt selber an dem Diskussionsprozess in der Gesellschaft teil. Wäre das nicht passiert, hätte man sang- und klanglos die Labore geschlossen. Bisher hat sich aber nicht ein Schüler gefunden, der gesagt hat, er wäre manipuliert und in seiner Meinungsbildung beeinflusst worden. Die Schüler haben erreicht, dass das Projekt eine ganz andere Wahrnehmung in der Politik und der Gesellschaft erfährt.

 

Corinna Hößle, Uni OldenburgProf. Dr. Corinna Hößle, Didaktik der Biologie, Institut für Biologie und Umweltwissenschaften an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg. Bei HannoverGen leitet sie das Teilprojekt „Bewerten”.

 

 

 

Sechs Schritte zur moralischen Urteilsfindung:

  1. Definieren des ethischen Konfliktfeldes
  2. Nennen von Handlungsoptionen
  3. Nennen von Pro- und Contra-Argumenten
  4. Aufzählen ethischer Werte, die durch die jeweiligen Handlungsoptionen berührt werden
  5. Begründete Urteilsfällung und Reflexion andersartiger Urteile
  6. Aufzählen von Konsequenzen, die das eigene und andere Urteil nach sich zieht

Die Methode folgt dem Grundsatz, Schüler nicht zu bevormunden, sondern sie zu befähigen, eigenständig reflektierte Bewertungen und Entscheidungen zu treffen, sich eigene und andere Wertehaltungen bewusst zu machen, sich in Empathie, Perspektivwechsel und Toleranz zu üben und das eigene Urteil rational und argumentativ zu begründen sowie kritisch zu reflektieren.

Kommentare

  1. Klaus Ammann sagt: 15. März 2013

    Liebe Frau Hössle, das ist ein prima Interview und überzeugt. Ich frage mich, ob auf der Gegnerseite soviel Ethik in Betracht gezogen wird, es geht doch diesen Leuten nur ums niederreisen, das Gespräch wird kaum gesucht. Die Erklärung wäre vielleicht jene, dass dort mit dem sogenannten “moral self-licensing” gearbeitet wird, eine interessante Publikation dazu:

    Merritt Anna C., Daniel A. Effron and Benoît Monin (2010), Moral Self-Licensing: When Being Good Frees Us to Be Bad Social and Personality Psychology Compass, 4, 5, pp. 344-357, http://dx.doi.org/10.1111/j.1751-9004.2010.00263.x AND
    http://www.ask-force.org/web/Fundamentalists/Merritt-Moral-Self-Licensing-2010.pdf

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