Sojabohnen am Oberrhein. Die selbst verschuldete Eiweißlücke

9. März 2012 | von:

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Deutschland – und ähnlich auch Europa – hat eine Eiweißlücke. Es gibt zu wenig eiweißreiche Futtermittel und deswegen müssen große Mengen Sojabohnen aus Nord- und Südamerika eingeführt werden.

Diese Eiweißlücke ist in den letzten 10 – 20 Jahren immer größer geworden. Da es dafür keine Subventionen gab, lohnten sich die eiweißreichen heimischen Futterpflanzen wie Erbsen, Lupinen oder Bohnen nicht mehr und die Landwirte haben lieber Mais, Weizen oder Raps auf ihren Feldern ausgebracht. Zudem wurde nach der BSE-Krise die Verfütterung von – eiweißreichem! – Tiermehl verboten. Es war einfach eine billige und bequeme Lösung, die Produktion riesiger Mengen von Futtermitteln nach Süd- und Nordamerika auszulagern. Auch wenn wie etwa in Brasilien dafür Regenwald drauf ging, hat sich bei uns kaum jemand daran gestört – bis die Gentechnik ins Spiel kam.

Zwischen 75 und 95 Prozent der Sojaproduktion in Brasilien, Argentinien und USA ist heute gentechnisch verändert. 35 Millionen Tonnen wandern jährlich in die europäischen Futtertröge, knapp 5 Millionen in die deutschen. Und da ja der besorgte Verbraucher nicht will, dass seine Milchkühe und Brathähnchen „Gentechnik“ fressen, hat die Politik nun ein neues Problem, an dem sie Tatkraft und Handlungsfähigkeit demonstrieren kann.

Da fliegt der bayerische Agrarminister Helmut Brunner (CSU) auf der Suche nach dem angeblich „immer seltener werdenden gentechnikfreien Sojafutter“ nach Brasilien. Er will die „Wahlfreiheit für die bayerischen Landwirte erhalten“ und „ausloten“, ob dort Lieferverträge möglich wären, „ohne dass die Preise exorbitant in die Höhe schießen“. Dabei wäre Brunners Einsatz gar nicht nötig. Denn beim Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG) hätte er erfahren können, dass das Angebot „gentechnik-freier“ Sojabohnen derzeit größer ist als die Nachfrage in Europa.

Ob mit oder ohne Gentechnik – besser wäre es, Sojabohnen gleich in Deutschland anzubauen. Die Idee ist nicht neu: Schon die Nazis haben es versucht und sind daran gescheitert. Denn so warm und feucht, wie es Sojabohnen mögen, um gute Erträge zu liefern, ist es in Deutschland nicht. Aber inzwischen stehen die Chancen dafür besser: Nicht nur, dass die Züchter neue Sojabohnensorten herausgebracht haben, die mit dem heimischen Klima besser zurechtkommen, jetzt hat es sich die Politik zum Anliegen gemacht, „unabhängig von genmanipulierten Importen“ zu werden. Seine Regierung werde die Entwicklung einer nationalen „Eiweiß-Strategie“ vorantreiben, sagte Wolfgang Reimer, Ministerialdirektor in der grünen Landesregierung Baden-Württembergs auf einer Tagung des Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg (LTZ) in Karlsruhe. Dazu gehört auch: Mehr Sojabohnen im Ländle. In den letzten zwei, drei Jahren haben sich die Soja-Flächen in seinem Bundesland verdreifacht, so Reimer. Sie sind von 300 auf 1000 Hektar gestiegen, und in Bayern sind es schon 3000 Hektar. Großartig – das wären schon 2 Promillie der Fläche, die benötigt würden, wenn alle Sojaimporte nach Deutschland durch heimischen Sojaanbau ersetzt werden sollten. Und die Flächen dafür würden sich noch einmal verdoppeln, wenn statt Sojabohnen Erbsen, Bohnen oder Lupinen verwendet würden.

Jede Eiweiß-Strategie, nach der die Politiker nun rufen, muss erklären, wo die zusätzlich benötigten 1,5-5 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Flächen herkommen sollen – und wie die dadurch hervorgerufenen Flächenkonflikte gelöst werden sollen. Aber das scheint derzeit kaum einen zu interessieren. „Keine Gentechnik“ geht vor.
Sicher, weniger Fleisch zu essen, wäre nicht schlecht. Aber gerade in Bayern und Baden-Württemberg gibt es da doch einige kulturelle Widerstände. Vielleicht wäre es eine zusätzliche Möglichkeit, mit dem Anbau von Sojabohnen nach ins klimatisch besser geeignete Rumänien auszuweichen. Bis 2007 wuchsen sie dort auf 200.000 ha – allerdings überwiegend gentechnisch veränderte. Mit den herbizidresistenten gv-Sorten konnten die Landwirte endlich die hartnäckigen Unkräuter in Schach halten, die sich dort als Folge einer über Jahre vernachlässigten Bekämpfung hatten ausbreiten können. Doch mit dem EU-Beitritt Rumäniens war es mit den gv-Sojabohnen vorbei: In der EU sind sie nur als Futter- und Lebensmittel zugelassen, nicht aber auf dem Acker. Seitdem ist der Sojanabau in Rumänien drastisch zurückgegangen. Die Unkrautregulierung mit herkömmlichen Mittel ist viel zu teuer, um mit dem Importsoja aus Brasilien, Argentinien und USA konkurrieren zu können.

Kommentare

  1. Matthias sagt: 12. März 2012

    Mich würde interessieren, ob für einen Anbau von Soja in Deutschland Umweltverträglichkeitsstudien durchgeführt wurden und werden. Schließlich ist das Einführen einer neuen Nutzpflanze in die deutsche Agrobiosphäre ja mit nicht absehbaren möglichen Schäden verbunden. Man denke nur an die Auskreuzung – vor allem in Naturschutzgebiete – und die nicht-Rückholbarkeit der abertausend Gene, die hier freigesetzt werden…
    Besonders von Interesse ist natürlich auch die Auswirkung der zahlreichen Phytoöstrogene auf Herbivore (und Herbivoren-fressende Carnivoren). Drohen hier unabsehbare Folgen auch in kommenden Generationen (Stichwort: “Impotent durch Soja-Anbau”)?
    Fragen über Fragen …

  2. Tupper sagt: 22. März 2012

    Tja, ne Sojallergie hab ich schon … teils vertrage ich Milch nicht und Östrogene halten sich ewig auf dem Acker …

  3. André de Kathen sagt: 3. April 2012

    Tja, vielleicht muss man dann dem Verbraucher eben reinen Wein einschenken.
    Wer das Brathändl für 5 Euro will, der muss sich darüber im Klaren sein, dass der Chinese oder der Inder das auch wollen darf…und dann geht es ohne Produktivitätssteigerung nicht.

    Die landwirtschaftliche Produktion in der EU (mit die effizienteste auf der Welt) liegt schon mit einer Ackerfläche, die der Agrarproduktionsfläche Deutschlands entspricht, schon im Ausland.
    Die FAO geht davon aus, dass sich die Fleischproduktion bis 2050 auf über 450 Millionen Tonnen erhöhen wir….70% davon in den heutigen Entwicklungsländern. Die Bayern -wir alle- können gern Vegetarier werden, es wird nicht viel nützen.
    Vermutlich muss man das über eine Ökosteuer regeln. Warum keine hohe Wurst- und Fleischsteuer? Warum keine Ampel für Nahrungsmittel? Warum kein Ökolabel A bis F wie für Kühlschränke etc.?
    Wenn dieser Ansatz nicht greift, so fürchte ich, werden die Preise für pflanzliche Grundnahrungsmittel für die Milliarden, die mit 1-2 Dollar am Tag auskommen müssen, nicht mehr tragbar sein.

    Und der Regenwald in Brasilien wird nicht in erster Linie für Soja abgebaut, soweit ich es verstehe….sondern in erster Linie für die Viehwirtschaft…http://pt.mongabay.com/brazil-pt.html
    Das mag sich mit der steigenden Nachfrage geändert haben, aber soweit ich weiß ist das Fleischvieh das größte Problem – wegen des Methans und wegen des kargen Bodens, der nach der Abholzung übrig bleibt…viel Fläche, wenig Fleisch.

    Lücken sind wie Schulden – wenn das Angebot die Nachfrage nicht deckt, muss man auch über die Nachfrage nachdenken…und Öko ist da keine Lösung, weil damit m.E. bisher nur das Angebot verknappt wird.

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