„Ohne Transparenz kein Vertrauen.“
Gentechnik-Befürworter in den USA plädieren für eine umfassende Kennzeichnung

25. Oktober 2013 | von:

GMO Label

Am 5. November stimmt die Bevölkerung im US-Bundesstaat Washington über eine Initiative (I-522) zur Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebensmittel ab. Kurz vor der Entscheidung liegen die Befürworter in den Umfragen deutlich vorn, und es wäre eine Überraschung, wenn es den Kennzeichnungs-Gegnern – trotz der mit Spenden aus der Industrie gut gefüllten Kassen – wie vor einem Jahr in Kalifornien im letzen Moment noch gelingen sollte, das Blatt zu wenden. „Der Kampf ist verloren“, provozierte der britische Buchautor Mark Lynas und bekannte Gentechnik-Konvertit seine Zuhörer bei seinem Vortrag auf dem Food Integrity Summit am 15. Oktober in Chicago. Mehr noch: Er plädierte vehement für eine verbindliche, US-weit einheitliche und umfassende Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln.

Damit stellt sich Lynas – wie zuvor schon andere aus dem Umfeld der Modern Greens – gegen die gewohnte Schlachtordnung. Lynas ist spätestens seit seinem Vortrag auf der Oxford Farming Conference Angang 2013 ein prominenter Befürworter der Grünen Gentechnik. Und die sind in den USA normalerweise strikt gegen jede Kennzeichnung – und haben sich bis heute damit politisch durchgesetzt. Seit 15 Jahren nutzen die US-Landwirte vor allem aus wirtschaftlichen Gründen ganz selbstverständlich gentechnisch veränderte Pflanzen. Die Konsumenten in den Städten haben davon kaum etwas erfahren – und es hat sie auch lange Zeit nicht groß gekümmert.

Doch nun verschieben sich die Kräfteverhältnisse. Seit etwa zwei Jahren erhält die Label it-Kampagne immer mehr Zulauf. In dreißig US-Bundesstaaten sind Gesetzesinitiativen eingebracht, die alle eine mehr der weniger weitreichende Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Lebensmittel einführen wollen. Mit ihrer simplen Right to know-Forderung haben die Gentechnik-Gegner – Umwelt- und Verbraucherorganisationen, auch der in den USA wachsende Organic Food-Sektor – immer mehr mediale und gesellschaftliche Resonanz gefunden. Die andere Seite – vor allem die Großen aus der Lebensmittel- und Agrarindustrie, aber auch Landwirte und Wissenschaftler – versucht, in jedem einzelnen Bundesstaat die Einführung einer Kennzeichnungspflicht zu verhindern. Mit viel Geld, aufwändigen Kampagnen und dem offenbar populären Argument, eine Kennzeichnung würde über einen höheren Aufwand für eine Trennung und Überwachung der Warenströme zu deutlich höheren Lebensmittelpreisen führen, ist das bis jetzt auch gelungen.

Aber, so Mark Lynas in Chicago, das ist die falsche Strategie. Nicht nur, weil sie schon in Washington scheitern könnte. Die Kampagnen der Industrie, ihre Weigerung, ihre nach eigenen Aussagen doch so guten, sicheren Produkte zu kennzeichnen, verstärken nur das Misstrauen, das die Pro-Label-Kampagnen der Gentechnik-Gegner gesät haben. „Können Sie sich eine bessere Steilvorlage für die Angstmacher vorstellen als die Frage: Warum will Monsanto nicht, dass wir wissen, was in unseren Lebensmitteln steckt? Was versuchen sie uns zu verbergen?“

Es sei zwar unbestritten, dass für die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler gentechnisch veränderte Lebensmittel  erwiesenermaßen sicher sind. Doch viel wichtiger, so Lynas, sei das Framing, der soziale Kontext, in dem dieses Argument wahrgenommen wird. „Psychologisch ist das doch einleuchtend: Wenn jemand etwas vor anderen zu verbergen versucht, dann ist es unausweichlich, dass das, was verborgen wird, in den Verdacht gerät, irgendwie problematisch oder gefährlich zu sein. Oder anders ausgedrückt: Wenn man als Konsument nicht die Wahl hat, wenn nicht zugestanden wird, ein eigenes Urteil zu bilden, dann glaubt man umso leichter, dass die Experten in den weißen Kitteln uns etwas verschweigen wollen.“

Für Lynas ist es die wohl schlechteste aller denkbaren PR-Strategien: Mit immensem Werbe- und medialem Aufwand werden Kampagnen geführt, deren vorrangiges Ziel es ist, dass die Verbraucher nicht erfahren, in welchen Lebensmitteln die eigenen Produkte verwendet werden. „Das ist das glatte Gegenteil von Werbung.“

Lynas plädiert dafür, dass sich die Unternehmen und Gentechnik-Befürworter an die Spitze der Label it-Kampagne stellen. Er schlägt eine umfassende, US-weit einheitliche Kennzeichnung ohne Ausnahmen vor. Anders als die Gentechnik-Kritiker will Lynas auch die Verwendung von gv-Futtermitteln auf Milch und Fleischprodukten kennzeichnen, ebenso mit gv-Mikroorganismen hergestellte Vitamine und Zusatzstoffe. Nur eine klare, konsequente Kennzeichnung ohne Schlupflöcher und Ausnahmen könne den Ängsten vor alle möglichen Krankheiten und Gefahren entgegenwirken, mit denen die Pro-Label-Aktivisten ihre Kampagnen unterfüttern. Außerdem müsse eine verbindliche Kennzeichnung schnell und in allen Bundesstaaten zugleich eingeführt werden, um jahrelange Auseinandersetzungen und eine weitere Erosion des Verbrauchervertrauens zu vermeiden. In einer aktuellen Umfrage der Huffington Post meinen bereits 35 Prozent der Amerikaner, gentechnisch veränderte Lebensmittel seien nicht sicher, 44 Prozent sind noch unentschieden. Diese Zweifel werden – ähnlich wie in Europa – zunehmen, je länger der Streit dauert.

Label GMO

Ramez Naam: “Ein simples Argument, das kaum zu wiederlegen ist.”

Ähnlich wie Lynas hatte sich zuvor auch der bekannte Buchautor Ramez Naam (The Infinite Ressource: The Power of Ideas on a Finite Planet) im Collide-a-Scape-Blog von Keith Kloor geäußert. Wie Lynas sieht er gentechnische Verfahren als unverzichtbare Werkzeuge, um Pflanzen für eine nachhaltige, weniger Ressourcen verbrauchende Landwirtschaft zu entwickeln. Deshalb müsse verhindert werden, dass die Technologie – wie in Teilen Europa bereits geschehen –  gesellschaftlich pauschal diskreditiert werde.

Wenn wir die Kennzeichnung immer nur verhindern wollen, so Raam, führen wir den Gentechnik-Gegnern immer wieder neue Energie. zu „Wir lösen damit mehr Furcht und Paranoia aus als weniger. Wir drängen die, die noch keine feste Meinung haben, ins Lager der Gegner, weil es einfach irgendetwas zu verbergen geben muss, wenn die Industrie so vehement gegen die Kennzeichnung kämpft.“

Lynas, Raam und einige andere haben zwar ein großes Echo ausgelöst, doch weder in Washington, noch in der US-Bundespolitik hat sich bisher an den Fronten etwas geändert. Kurz vor der Abstimmung am 5. November laufen die Kampagnen auf beiden Seiten jedenfalls wie geschmiert.

(Foto oben: iStockphoto)

Mehr dazu bei Gute Gene, schlechte Gene:

Kommentare

  1. Peter Langelüddeke sagt: 27. Oktober 2013

    Das heißt doch in der Konsequenz: Die Lebensmittelfirmen täten gut daran, laut und deutlich anzukündigen, dass sie von einem bestimmten Zeitpunkt an, noch ehe da irgendein Gesetztes-Vorschlag ausgearbeitet werden kann, alles, aber wirklich alles, was mit Hilfe gentechnischer Verfahren hergestellt wurde, zu kennzeichnen. Also alles, was direkt aus gentechnisch veränderten Pflanzen hergestellt wurde, alle Produkte von Tieren, die GVO zu fressen bekommen haben, und alle Hilfsmittel und Zusatzstoffe, die mit Hilfe transgener Mikroorganismen produziert wurden. Und dass nationwide, nicht nur im Bundesstaat Washington. Das Argument, dass Warenströme dann getrennt werden müssten, zieht nach meinen Verständnis in USA längst nicht mehr, da ich vermute, dass dort mit Ausnahme des Öko-Sektors sowieso fast alle Lebensmittel irgendwo Bestandteile enthalten, die mit Hilfe gentechnischer Verfahren produziert wurden. Und die Diskussion um eine so umfassende Kennzeichnung wäre ehrlicher und einfacher als die verklemmte Diskussion in Europa: Dort wurde bekanntlich lediglich verfügt, dass alles was aus GVO hergestellt wurde, zu kennzeichnen ist. Das gibt der Anti-Gentechnik-Lobby seit Jahren immer Gelegenheit zu stänkern beispielsweise gegen Milch, Fleisch oder Eier von Tieren, die „Gen-Futter“ zu fressen bekommen haben, und Misstrauen zu schüren.
    Wie auch immer die Abstimmung in ausgehen wird, die Antigentechnik-Lobby sthet schon bereit, sich den nächsten Bundesstaat auszusuchen, um die Lebensmittel- und Agrobiotech-Firmen zu pisacken. Und die müssten erneut Millionen für Gegen-Kampagnen aufwenden.

  2. Gerd Spelsberg sagt: 28. Oktober 2013

    Es könnte durchaus sein, dass Mark Lynas mit seinem “Der Kampf ist verloren” doch nicht recht hat, zumindest nicht für die Abstimmung in Washington. Umfragen aus den letzten Tagen zeigen, dass sich die Stimmung deutlich gegen die Kennzeichnung verschiebt.

    Dennoch bleibt der Einwand von Lynas und anderen ja richtig. Auf Dauer wird die Verweigerung der Kennzeichnung zu Vertrauensverlusten führen.

  3. Markus sagt: 1. November 2013

    Kennzeichnungspflicht ist allgemein viel zu lasch. Warum steht auf der Erdbeermarmelade nicht, dass sie aus China kommt? Merkwürdig, auf dem Honig muss es aber stehen. Es wird endlich mal Zeit, dass die Straßen brennen, dort wie hier, es darf nicht sein, dass Verbraucher immer verarscht werden. Alles muss absolut transparent sein. Keine Heucheleien mehr, keine Verarsche der Kunden von allen großen Konzernen. Wobei ich den Konzernen keine Schuld gebe, ist halt Kapitalismus. Nein, die Politik und der Wähler ist schuld. Man muss mehr druck machen für das was man will!

  4. Peter Langelüddeke sagt: 3. November 2013

    Hier geht es nicht um allgemeine Kennzeichnungen, sondern um die Frage, sollen Lebensmittel, die aus gentechnisch veränderten Organismen oder unter Verwendung gentechnischer Verfahren hergestellt wurden, gekennzeichnet werden, und wenn ja: Wie. In der EU gilt seit dem 18. April 2004 die Vorschrift, dass alles, was aus transgenen Organismen hergestellt wurde, zu kennzeichnen ist. Das heißt aber auch, dass selbst dann, wenn im Endprodukt keine gentechnischen Veränderungen nachzuweisen sind, gekennzeichnet werden muss. Beispiel: völlig unverändertes Öl aus gentechnisch optimiertem Raps.

    Kritisiert wird immer wieder, dass Produkte von Tieren, die transgene Pflanzen zu fressen bekommen haben, also Milch, Fleisch oder Eier, nicht in diese Kategorie fallen. Irgendwelche Veränderungen sind an diesen Produkten nicht nachweisbar. Das hat nichts zu tun mit “Verbraucherverarschung”, sondern beruht auf einem einmal festgelegten Schema. Ich fände es ehrlicher, wenn
    - entweder nur dann zu kennzeichnen ist, wenn konkrete gentechnisch bedingte Veränderungen nachweisbar sind, wie in der alten Novel-Food-Verordnung der EU,
    - oder wenn immer dann zu kennzeichnen ist, wenn irgendwo im Produktionsprozess gentechnische Verfahren verwendet wurden, also auch bei Verwendung von Enzymen oder Zusatzstoffen, die mit Hilfe gentechnisch optimierter Mikroorganismen produziert wurden.

    Es ist schon ein Kreuz mit der Gentechnik-Kennzeichnung: Normalerweise werden Lebensmittel gekennzeichnet, die sich durch eine besondere Qualität auszeichnen. Und der Hersteller muss nachweisen, dass sein Produkt tatsächlich das Qualitätssiegel verdient. In dem hier diskutierten Bereich gilt die Kennzeichnung aber eher dazu, Verbraucher abzuschrecken. Kein Hersteller wird sich danach drängen, auf sein Produkt ein Gentechnik-Etikett zu pappen. Das heißt: Der Hersteller muss, wenn er nicht kennzeichnet, nachweisen, dass zur Herstellung seines Produktes keine gentechnischen Verfahren verwendet wurden.

    Wenn schon Gentechnik-Freiheit als besonderes Qualitätsmerkmal gilt, müsste eigentlich ein ehrliches “Ohne-Gentechnik”-Siegel völlig ausreichen.

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