Wie der öffentlich-rechtliche WDR so tickt

1. April 2011 | von:

vor etwa sechs Wochen wurde hier im transgen-Forum über eine Sendung des WDR-Wirtschaftsmagazins plusminus diskutiert, in der das Schicksal eines behinderten Mädchens in Argentinien ausgeschlachtet wurde, um eines der am häufigsten verwendeten Herbizide madig zu machen. Auch wurden zahlreiche, nämlich zwei, „Experten“ befragt, die das angebliche Potenzial körperlicher Schädigungen aufgrund ihrer Untersuchungen an Amphibien- und Hühnerembryonen bzw. an Zellkulturen belegen könnten. Mit diesen Studien hatten wir uns im transgen-Forum auch schon auseinandergesetzt.

Auf die Idee, eine der Genehmigungsbehörden oder etwa ausgewiesene Toxikologen zu diesen Befunden zu befragen, kamen die Autoren der Sendung offenbar nicht.

Aber eine Antwort auf meine Beschwerde zu dem einseitig und schlecht recherchierten Beitrag durch den verantwortlichen Bereichsleiter kam dann doch noch:

Sehr geehrter Herr Hoffmeister,

vielen Dank für Ihr Schreiben vom 16. Februar 2011 an die GVK. Ihre Kritik wurde zuständigkeitshalber an die Intendantin des WDR, Monika Piel, weiter geleitet, die mich gebeten hat, Ihnen zu antworten.
In Ihrem Schreiben kritisieren Sie die Berichterstattung in der  Sendung „Plusminus“ vom 8. Februar 2011 zum Thema „Sojaanbau in Argentinien“. Darin bemängeln Sie, der dargestellte Zusammenhang zwischen den Behinderungen des gezeigten Kindes und dem Einsatz des Wirkstoffes Glyphosat entbehre jeder Grundlage, die Redaktion sei „Propagandaorganisationen wie Greenpeace“ aufgesessen.
Sie fügen an, die Nachfrage bei Monsanto hätten sich die Autoren sparen können und fragen überdies, warum nicht auch anerkannte Toxikologen und Genehmigungsbehörden befragt worden seien. So habe man bei der österreichischen Behörde AGES fündig werden können.

Neben anderer Kritik sehen Sie im Beitrag eine „einseitige Berichterstattung“.

Dazu darf ich Folgendes feststellen:
Greenpeace fand im Beitrag gar keine Erwähnung. Die beschriebenen Zusammenhänge basierten dagegen auf einer umfassenden Recherche vor Ort und einer Vielzahl studien-unabhängiger Wissenschaftler (sic!), die die behördlichen Einschätzungen zur Toxizität von Glyphosat weltweit in Frage stellen. Nur zwei von ihnen haben die Autoren zitiert.
Der Hinweis auf die AGES und deren Mitarbeiterin Dr. Bettina Hrdina-Zödl ist dabei im Übrigen nicht zwingend: Weder die AGES noch Hrdina-Zödl sind jenseits dieser Kritik an einer Studie des von den Autoren interviewten Prof. Séralini mit Arbeiten zur Toxizität von Glyphosat aufgefallen. Auch ihr Kommentar, der die von Séralini angewandte Methodik in Teilen kritisiert, hat in Fachkreisen nicht reüssiert, letztlich also dessen Ergebnisse nicht in Frage stellen können. Schließlich hat nicht einmal das Unternehmen Monsanto, das von der Redaktion ausdrücklich auf die Arbeiten von Séralini angesprochen wurde, mit einem Verweis auf die AGES reagiert.
In diesem Zusammenhang ist zudem schwer erklärlich, warum Hrdina-Zödl in ihrer Kritik nicht die Arbeit von Martinez/Reyes/Reyes erwähnt – und sich mit deren Methodik auseinandersetzt. Diese waren schon 2007 wie Séralini et alia zu dem Schluss gekommen, dass sowohl Glyphosat wie glyphosathaltige Produkte auf menschliche Zellen toxisch wirken.
Hinzu kommt: Die Kritik von Hrdina-Zödl bezieht sich lediglich auf eine Veröffentlichung von Séralini et alia aus 2009. Tatsächlich hat Séralini seit 2005 acht Veröffentlichungen zur Toxizität von Glyphosat bzw. Roundup publiziert, die jüngste aus 2010. Alle diese Studien werden unter Experten ungeachtet der Kritik von Hrdina-Zödl nach wie vor breit zitiert.
Es ist auch nicht so, dass die Autoren bei den Recherchen behördliche Erkenntnisse unbeachtet gelassen hätten. Das bundesdeutsche Institut für Risikobewertung (BfR) revidierte 2007 seine (schon damals für eine hohe Toxizität von Glyphosat sprechende) Sicht, „dass bisher lediglich nach oraler Aufnahme…bereits sehr geringe Mengen aus(reichen), um lebensbedrohliche Gesundheitsstörungen zu verursachen.“ Vielmehr müsse auch „deutlicher vor ernsten Lungenschäden durch den Kontakt mit dem Sprühnebel…gewarnt werden.“
Die Autoren prüften auch die EU-Richtlinie 91/414/EEC. Allerdings stammen die für die Bewertung herangezogenen Studien von vor 2002, dies konzediert im Übrigen auch Hrdina-Zödl. Was sie nicht schreibt: Das entsprechende Dokument der EU-Kommission zieht fast ausschließlich Studien heran, die als Quelle Monsanto benennen.
Ihrem Hinweis, die Anfrage an Monsanto „habe man sich sparen können“, ist zu entgegnen, dass es zu unseren journalistischen Grundsätzen gehört, betroffene Unternehmen zum Sachverhalt zu befragen. In diesem Falle ist Monsanto explizit zu den von den Autoren aufgegriffenen und dargestellten Zusammenhängen und Studien befragt worden. Das Unternehmen antwortete, nahm aber auf die konkreten Fragen keinen Bezug.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas Nell

Der Beitrag basiert also auf einer „umfassenden Recherche vor Ort und einer Vielzahl studien-unabhängiger Wissenschaftler, die die behördlichen Einschätzungen zur Toxizität von Glyphosat weltweit in Frage stellen“. Nur zwei davon wurden zitiert. Mehr haben die Autoren wohl auch nicht finden können. Der Fauxpas „studien-unabhängige Wissenschaftler“ passt da ganz gut ins Bild. Denn die zwei zitierten Autoren lassen sich in ihren Schlussfolgerungen auch nicht von der Vielzahl für die Zulassung angefertigter Studien beirren. Sie sind also unabhängig von den Erkenntnissen ihrer Kollegen als auch von der Industrie – was hier wohl gemeint war: „Das entsprechende Dokument der EU-Kommission zieht fast ausschließlich Studien heran, die als Quelle Monsanto benennen“. Wenn die Autoren wüssten, dass für die Zulassung von Arzneimitteln ausschließlich nur Studien der Genehmigungsinhaber herangezogen werden, wie würde dann wohl ein Beitrag von plusminus aussehen?

Köstlich auch diese Argumentation: Der Hinweis auf die Bewertung von AGES und deren Autorin sei nicht zwingend, weil die Arbeiten von Seralini in Fachkreisen nicht reüssiert seien und „alle seine Studien unter Experten ungeachtet der Kritik von Hrdina-Zödl nach wie vor breit zitiert“ werden. Welche „Experten“ da wohl gemeint sind? Also doch Greenpeace aufgesessen, auch wenn man sich vor einer ausdrücklichen Bezugnahme verwahrt. Selbst wikipedia hält die „neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse“ von Seralini nicht mal für erwähnenswert.

Ich weis nicht aus welcher BfR-Stellungnahme hier zitiert wurde und ob es da nicht vielleicht in erster Linie um die bei Pflanzenschutzmitteln verwendeten Formulierungshilfsstoffe ging, aber dann müssen die Angaben in sämtlichen verfügbaren Datenbanken zu dem Wirkstoff wohl falsch sein: Wie z.B. die hier

oder diese.  Allen fehlende Aktualität vorzuwerfen, ist schon starker Tobak.

Deutsche und Österreichische Äcker gelten ab sofort gesperrt und die Erde als Sondermüll behandelt, denn allein in unserem so ökologisch korrekten Nachbarland wurden z.B. 1999 112.000 kg des Wirkstoffes ausgebracht.

Martin Ballaschk hat ganz aktuell mal eine Übersicht zu den Aktivitäten von Seralini gegeben und seine „Unabhängigkeit“ beleuchtet: http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/detritus/molekularbiologie/2011-03-30/gerichtsurteile-und-die-unabh-ngigkeit-von-gentech-studien

Kommentare

  1. pulegon sagt: 1. April 2011

    Hey, ich glaube man bezieht sich hier auf folgendes Dokument
    http://www.bfr.bund.de/cm/350/aerztliche_mitteilungen_bei_vergiftungen_2007.pdf

    Auf Seite 44 bzw. 46 des Dokuments wird eine Vergiftung erwähnt.

  2. pulegon sagt: 1. April 2011

    PS: Ums mal kurz zu zitieren:

    “Da nach den bisherigen Erkenntnissen von dem Wirkstoff Glyphosat nur eine geringe Toxizität ausgeht, muss für die beobachtete toxische Wirkung die Gesamtrezeptur, insbesondere die Kombination des hier enthaltenen oberflächenaktiven Netzmittels Tallowamin („Surfactant“) mit dem Wirkstoff Glyphosat, als Ursache angenommen werden. Netzmittel erleichtern allgemein die Aufnahme von Wirkstoffen in das pflanzliche Gewebe. Dasselbe Phänomen könnte auch eine eventuell toxische Wirkung beim Menschen nach erheblicher Inhalation dieses Pflanzenschutzmittels erklären. Nach der Auswertung der uns gemeldeten Fälle, insbesondere des aktuellen Falles, muss deutlicher vor ernsten Lungenschäden durch den Kontakt mit dem Sprühnebel dieser Pflanzenschutzmittel gewarnt werden. Von verantwortlicher Stelle wurde bereits auf die möglicherweise toxizitätsverstärkende Wirkung von Tallowaminen in Kombination mit Glyphosat hingewiesen. Das BfR hält es deshalb für erforderlich, dass alle glyphosat- und tallowaminhaltigen Pflanzenschutzmittel aus Gründen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes zusätzlich mit entsprechenden Sicherheitshinweisen gekennzeichnet werden, die sich auf eine mögliche Gesundheitsschädigung der Atmungsorgane beziehen. “

  3. Amflora sagt: 2. April 2011

    Es gibt kein “Tallowamin”. Es gibt nur den englischen Begriff tallow amine, zu deutsch richtig “Talgamin”. Allgemein “Fettamine” (kann ja auch aus anderen Fetten hergestellt werden). Das wird z.B. auch in Weichspülern verwendet und ist völlig ungefährlich, vorausgesetzt – und das gilt ja wohl immer – es wird bestimmungsgemäß eingesetzt. Einatmen gehört halt nicht dazu. Und auch Herbizide dürfen nicht eingeatmet werden, das versteht sich ja eigentlich von selbst und es steht auch auf jeder Packung drauf. So wie man eben auch nicht Weichspüler versprüht und einatmet. Oder wie man keine Keimzellen in Spüli badet, außer man heißt Seralini.

  4. pulegon sagt: 2. April 2011

    Hatte gestern wenig Zeit und deshalb nur schnell diese von mir gefundene Stelle gepostet, damit man sich das mal angucken kann.
    Imho passt es sehr gut, zur angesprochenen Situation:
    “Das bundesdeutsche Institut für Risikobewertung (BfR) revidierte 2007 seine (schon damals für eine hohe Toxizität von Glyphosat sprechende) Sicht, „dass bisher lediglich nach oraler Aufnahme…bereits sehr geringe Mengen aus(reichen), um lebensbedrohliche Gesundheitsstörungen zu verursachen.“ Vielmehr müsse auch „deutlicher vor ernsten Lungenschäden durch den Kontakt mit dem Sprühnebel…gewarnt werden.”

    Andererseits sieht man auch eindeutig, wie hier selektiv zitiert wurde, um die Zusammenhänge zu verdrehen.

    Das BfR schreibt auch eindeutig, wieviele Vergiftungsfälle überhaupt bekannt geworden sind:
    “Dem BfR wurden im Zeitraum 1990 bis 2007 insgesamt 60 Fälle mit Gesundheitsstörungen nach der Exposition gegenüber glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln gemeldet. Dabei handelte es sich bisher auch nach Inhalation (20 Fälle) lediglich um leichte Atemstörungen. Bei der Exposition über die Haut (25 Fälle) wurden die Gesundheitsstörungen in vier Fällen als mittelschwer eingestuft. Es zeigten sich hier zum Beispiel Blasenbildungen im Sinne einer allergischen Hautreaktion. Bei der Angabe des Aufnahmeweges waren Mehrfachnennungen möglich. In 22 Fällen wurden Augenreizungen beschrieben. In acht Fällen handelte es sich um einen oralen Aufnahmemodus, wobei nur in einem Fall lebensbedrohliche Vergiftungserscheinungen wie oben beschrieben auftraten: ein 33-jähriger psychisch kranker Mann hatte in suizidaler Absicht 200 ml eines glyphosathaltigen Pflanzenschutzmittels getrunken.”

    60 Fälle in 17 Jahren… hoch toxisch… na klar.
    Der beschriebene Fall handelt von einem Landwirt, der 3 Stunden(!) eine Glyphosatzubereitung versprüht hat; ohne Atemschutz.

    Im Zusammenhang mit dem behinderten Mädchen ist es wohl das übliche: Es kann akut toxische Symptome verursachen, es ist bestimmt auch erbgutschädigend.
    Das ist die allgemeine suggestive Masche.

    Tallowamin wird schon gelegentlich im deutschen Sprachgebrauch verwendet, Literatur ist halt 99% auf englisch, da wird das übernommen, Bedeutung ist ja klar, ein gesättigter Kohlenwasserstoff C16/18 mit Amin dran.

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