Cisgene Kartoffeln im Freilandversuch: Neue Technologie, verstaubte Einwände

22. April 2015 | von:

Kartoffelblüte

In den nächsten Tagen werden in Reckenholz in der Nähe von Zürich gentechnisch veränderte Kartoffeln ausgepflanzt. Gerade hat das in der Schweiz zuständige Bundesamt für Umwelt (BAFU) einen Freilandversuch über fünf Jahre genehmigt. Die Kartoffeln, entwickelt an der niederländischen Agraruniversität Wageningen, nutzen einen ganz neuen Ansatz gegen die Kraut- und Knollenfäule, eine weltweit verbreitete Pflanzenkrankheit. Mit der klassischen Gentechnik, wie sie vor 30 Jahren aufkam, haben diese Kartoffeln nur noch wenig zu tun. Dennoch lehnen die Gentechnik-Gegner den Versuch in Reckenholz reflexartig ab. Ihre Vorbehalte sind seit Jahren dieselben – und inzwischen wirken sie ziemlich verstaubt. Mit dem zunehmenden Wissen in der Molekularbiologie verändern sich auch die Verfahren in der Pflanzenforschung. Doch die Gentechnik-Opposition hat davon offenbar nicht viel mitbekommen.

Zum Beispiel diese Kartoffel, die nun auch in den Schweizer Boden kommt: Das Ziel der Wissenschaftler in Wageningen war es, eine qualitativ hochwertige Kartoffel mit guten Anbau- und Produkteigenschaften zu entwickeln, die endlich dauerhaft resistent ist gegen Phytophthora infestans, den erstaunlich anpassungsfähigen Erreger der Kraut- und Knollenfäule. Seit er Mitte des 19. Jahrhunderts die legendäre Hungerkatastrophe in Irland auslöste, ist er Landwirten und Kartoffelzüchtern immer einen Schritt voraus. Nie hat der Phytophthora-Erreger lange gebraucht, um neue, widerstandsfähigere Sorten  zu knacken. Ohne wiederholtes Spritzen ist heute kaum noch Kartoffelanbau möglich – die konventionellen Landwirte mit  chemischen Fungiziden, die Öko-Landwirte mit nicht gerade umweltfreundlichen Kupferpräparaten. (Dass die Öko-Bauern bei Kartoffeln 40 – 70 Prozent weniger Ertrag in Kauf nehmen müssen als ihre konventionellen Kollegen, liegt allein an den unzureichenden Mitteln gegen Phytophthora.)

Wirklich resistente Sorten wären überall interessant, wo Kartoffeln angebaut werden: Weniger Pflanzenschutzmittel, weniger Spritzgänge, geringere Verluste, gesunde Kartoffeln– wenn es gelänge, wäre das ganz sicher ein Schritt in Richtung einer nachhaltigen, ressourcenschonenden  Landwirtschaft.

Bei den jetzt in Reckenholz ausgepflanzten Kartoffeln wurden keine „artfremden“ Gene und Genkonstrukte übertragen, sondern ausschließlich Resistenzgene aus verschiedenen Wildkartoffel-Arten. Selbst Promotoren und Terminatoren – DNA-Schalter, die das Ablesen dieser Gene regulieren –  sind „nativ“, kommen also ebenfalls aus Kartoffeln. Markergene, für die oft Antibiotikaresiszengene verwendet werden, gibt es bei ihnen  nicht. (Solche „Gentechnik mit arteigenen Genen“ wird auch als Cisgenetik bezeichnet.)

Nach den aktuellen Gesetzen – in der EU wie in der Schweiz – gelten diese Kartoffeln zwar als „gentechnisch verändert“ und unterliegen allen einschlägigen Vorschriften. Doch das, was „im Labor“ gemacht wurde, wäre auch in der Natur oder in traditioneller Kreuzungszüchtung möglich. Allerdings vermischen sich dabei die Gene der beiden Elternlinien zufällig und unkontrolliert, und es kostet viel, viel Zeit, aus den Nachkommen die nicht erwünschten Eigenschaften wieder herauszukreuzen. Sowohl in Deutschland wie auch in den Niederlanden  gibt es große, staatlich geförderte  Forschungsprojekte für konventionelle Neuzüchtungen resistenter Kartoffeln (in Wageningen übrigens auf dem gleichen Versuchsgelände wie die cisgenen Kartoffeln). Ob sie Erfolg haben, ist noch offen. Im besten Fall wird es noch etliche Jahre dauern, bis marktgängige und zugleich resistente Sorten auf die Äcker kommen.

Die Kartoffellinien des aktuellen Versuchs in der Schweiz leiten sich aus zwei gut eingeführten Kultursorten (Desirée und Atlantic) ab. Sie enthalten bis zu drei unterschiedlich wirkende Resistenz-Gene aus mehreren Wildkartoffel-Arten. Welche Kombination zu einer möglichst dauerhaften Resistenz führt, soll nun auch wie zuvor schon bei ähnlichen Versuchsreihen in den Niederlanden, Belgien und Irland unter Schweizer Bedingungen untersucht werden.

Seit das eidgenössische Agrarforschungsinstitut Agroscope im Herbst den Bewilligungsantrag beim zuständigen Bundesamt für Umwelt (BAFU) eingereicht hat, laufen sich die gentechnik-kritischen Parteien und Organisationen warm. Dass sie den Versuch grundsätzlich ablehnen, überrascht nicht. Doch die Einwände, die sie vorbringen, sind seit 25 Jahren immer die gleichen, ganz egal, um welches konkrete Projekt es dabei geht.

„Wo das Gen im Erbgut eingebaut wird, kann man nicht steuern“. Dieser Satz – hier von Greenpeace – darf in keinem kritischen Beitrag zu den aktuellen Kartoffel-Versuchen fehlen. Das könne „zu unerwarteten Effekten bei den neuen Genen selbst sowie auch bei den benachbarten Genomregionen führen.“ Deswegen sei Gentechnik per se unkontrollierbar, meinen auch die Schweizer Arbeitsgruppe Gentechnik (SAG), der Basler Apell, die Grünen oder die Verbände der Bio-Bauern. „Die Folgen der Cisgenese sind daher so wenig einschätzbar wie bei der Transgenese.“ „Einmal freigesetzt, sind Gentech-Pflanzen nicht mehr rückholbar.“ Damit lässt sich zwar gut diffuses Unbehagen schüren,  aber eigentlich ist es eine banale Standardfloskel, die so allgemein formuliert auf jede Kartoffel und jede Pflanze zutrifft. Die Frage, die in jedem Einzelfall zu beantworten wäre, ist: Was wäre das Problem?

Wenn in den Kartoffeln nur kartoffeleigene Gene übertragen worden sind: Wo ist der große, eine grundsätzliche Ablehnung rechtfertigende Unterschied zur konventionellen Züchtung, bei der zufällig und unkontrollierbar jede Menge Gene aus beiden Elternlinien vermischt werden? Dass bei solchen „natürlichen“ Kreuzungen auch unerwünschte Nebenwirkungen bis hin zu gesundheitlichen Gefahren möglich sind, ist ja keine bloße Theorie – wie das Beispiel der in den 1960er Jahren gezüchteten Lenape-Kartoffeln zeigt. Ungewollt, ganz nebenbei stieg der Gehalt an giftigem Solanin in den Knollen um ein Mehrfaches an. „Das Risiko und die Ungewissheit ist in der konventionellen Züchtung größer als bei der gentechnischen Veränderung“, so die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Maggi Koerth Baker. Das liegt daran, dass man es bei der Gentechnik nur mit einem einzelnen Gen oder einigen wenigen Genen zu tun hat. Bei konventioneller Züchtung sind viel mehr Gene im Spiel und es gibt viel mehr Möglichkeiten für überraschende genetische Wechselwirkungen.“ (Den ganze Beitrag von ihr hier im Blog.) „Im Hinblick auf mögliche unbeabsichtigte Effekte oder Risiken unterscheiden sich cisgene Pflanzen nicht von konventionell gezüchteten,“ so auch eine wissenschaftliche Stellungnahme der Europäischen Behörde für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (EFSA).

Mit ihrer undifferenzierten Rhetorik haften die Gegner auch dieser Kartoffel den Makel der Gentechnik an: riskant, nutzlos und mehrheitlich unerwünscht. In der Tat haben die Schweizer Bürger 2005 den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen und Tieren in einem Volksentscheid verboten. Zwei Mal – nun  bis Ende 2017 – wurde dieses Moratorium verlängert. Dennoch ist dort Forschung mit und an gv-Pflanzen – auch im Freiland – erlaubt. Mehr noch: politisch sogar erwünscht. Anders als in Deutschland, wo trotz aller politischen Bekenntnisse zur Forschung seit Jahren kein Freilandversuch mit gv- Pflanzen mehr stattfindet, meinen die Schweizer das wirklich ernst.

Nach einem Beschluss der eidgenössischen Räte wurde 2014 auf dem Gelände von Agroscope in Reckenholz eine Protected Site eingerichtet, ein drei Hektar großes Gelände, umzäunt, bewacht und gesichert gegen den auch in der Schweiz bekannten Vandalismus radikaler Gentechnik-Gegner. Die Kosten für Bewachung, Betreuung und wissenschaftliche Koordination der Protected Site belaufen sich jährlich auf 750.000 Schweizer Franken, beglichen aus dem Bundeshaushalt. Damit soll eine Grundlagen- und anwendungsorientierte Forschung mit gentechnisch veränderten Pflanzen im Feld ermöglicht werden. Nach einem Freilandversuch mit Mehltau-resistentem gv-Weizen 2014 kommen nun die cisgenen Kartoffen auf eine Parzelle innerhalb der Protected Site.

Und das ist denn auch das letzte Argument, das die Gentechnik-Gegner ziehen: Zu teuer.

Mehr zum Thema bei Gute Gene, schlechte Gene:

 

Kommentare

  1. Reinhard Szibor sagt: 30. April 2015

    Auch ein guter Ansatz (oder vielleicht noch besser) aber ohne Chance in Deutschland. (Pfui, Gentechnik1)

    http://www.agroprotect.com/mediapool/53/531329/data/Laborjournal-April-2015.pdf

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