Es kann nicht sein, was nicht sein darf

11. Juli 2012 | von:

Bt-Baumwolle_Maharashtra_3x2

Unwahr, irreführend, Bestandteil einer bezahlten Monsanto-Kampagne – es sind massive Vorwürfe, mit denen sich Wissenschaftler der Universität Göttingen konfrontiert sehen. Die Vorwürfe werden fleißig verbreitet, denn ein liebgewordenes Feindbild ist in Gefahr. Es kann und darf einfach nicht wahr sein, dass indische Bauern vielleicht doch vom Anbau gentechnisch veränderter Baumwolle profitiert haben könnten.

Aber nochmal von vorn: Für eine Studie, die Anfang Juli in der Zeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht wurde, hat die Arbeitsgruppe von Matin Qaim über sieben Jahre hinweg insgesamt 533 bäuerliche Kleinbetriebe untersucht, und zwar in den vier indischen Bundesstaaten, in denen mit die größten Baumwollanbaugebiete des Landes liegen. Seit 2002 werden in Indien gentechnisch veränderte Baumwollpflanzen angebaut. Sie produzieren so genannte Bt-Proteine, die die wichtigsten Baumwollschädlinge töten. Nach dem „Herausrechnen“ anderer Einflussfaktoren kamen Jonas Kathage und Matin Qaim zu dem Ergebnis, dass Bt-Baumwolle gegenüber konventioneller Baumwolle 24 Prozent höhere Erträge und 50 Prozent höheren Gewinn erbringt.

Die Nachricht machte schnell die Runde, wurde in Deutschland unter anderem von Spiegel Online und der Süddeutschen aufgegriffen. Und es dauerte gerade mal zwei Tage, da war ein vermeintlicher Kronzeuge für den Beweis des Gegenteils gefunden: Kishor Tiwari, Vorsitzender einer Initiative, die für die Rechte und Interessen von Kleinbauern kämpft, aus der Region Vidarbha im Bundesstaat Maharashtra. In Vidarbha sind die Lebensbedingungen für Bauern deutlich schlechter als in Indien insgesamt: Armut, Fehl- und Mangelernährung sind weit verbreitet, die Zahl der Selbstmorde von Kleinbauern besonders hoch. Die Region unterscheidet sich historisch und kulturell vom übrigen Maharashtra und wird von der Regierung des Bundesstaates seit langem benachteiligt und vernachlässigt.

Kishor Tiwari hält es für unmöglich, von 533 bäuerlichen Betrieben auf ganz Zentral- und Südindien zu schließen. Dazu ist zu sagen: Das ist sehr wohl möglich, wenn man die Stichprobe richtig zieht. Umgekehrt ist es aber nicht einfach möglich, von einer Region, die flächenmäßig knapp 11 Prozent und bevölkerungsmäßig etwa 7 Prozent des Untersuchungsgebietes ausmacht, auf die übrigen 89 bzw. 93 Prozent zu schließen. Es soll hier überhaupt nicht bestritten werden, dass die Situation der Bauern in Vidarbha äußerst kritisch ist, aber das stellt nicht automatisch das Gesamtergebnis der Göttinger Wissenschaftler in Frage.

Für Tiwari jedoch ist die Bt-Baumwolle der Hauptgrund für die hohe Anzahl der Bauernselbstmorde in den letzten Jahren. Wie viele andere Gentechnikkritiker liefert aber auch er keine Erklärung dafür, wie Bt-Baumwolle, die erst seit 2002 angebaut wird, ursächlich sein soll für die Selbstmorde, die schon seit Jahrzehnten zu beklagen sind. Stattdessen verweist er auf ein neues Projekt in Vidarbha, bei dem wieder Baumwolle angebaut wird, die nicht gentechnisch verändert ist und das unter anderem vom staatlichen indischen Central Institute for Cotton Research (CICR) initiiert wurde. Das Projekt soll angeblich zeigen, dass die indischen Politiker und Behörden von Bt-Baumwolle abrücken und die Nutzlosigkeit und Schädlichkeit der Technologie erkannt haben. Vielleicht zeigt es aber auch nur, dass auf regionale Probleme eingegangen wird?

Mit dem CICR sind wir beim zweiten vermeintlichen Kronzeugen gegen die Göttinger Studie: In einem aktuellen Bericht des Instituts ist zu lesen, dass die indischen Baumwollerträge in den letzten Jahren nicht gestiegen sind. Also: Alles Lüge mit den Ertragszuwächsen durch die Bt-Technologie?! Nein, denn inzwischen sind 90% der indischen Baumwollbauern auf Bt-Baumwolle umgestiegen, sie haben die Zuwächse also bereits „eingestrichen“. Es ist nicht verwunderlich, dass die Erträge danach wieder stagnieren (auf höherem Niveau als früher), wenn es keine weiteren Verbesserungen in der Züchtung oder bei den Anbautechniken gibt. Auch die Erträge von Bt-Baumwolle wachsen nicht immer weiter ins Unendliche.

Weiterhin ist in dem CICR-Bericht zu lesen, dass jetzt vermehrt Insektizide gegen so genannte Sekundärschädlinge gespritzt werden müssen, die vom Verschwinden der Hauptschädlinge profitieren. Bei den Hauptschädlingen wiederum sind lokal erste Resistenzen gegen das Bt-Protein aufgetreten. Diese Probleme werden allerdings auch in der Publikation der Göttinger Wissenschaftler deutlich angesprochen. Das CICR spricht sich übrigens trotz allem für die weitere Nutzung von Bt-Baumwolle aus. (Die müssen alle von Monsanto gekauft sein…)

Jonas Kathage und Matin Qaim haben nicht behauptet, dass Bt-Baumwolle die alleinseligmachende Lösung für alle Probleme der indischen Landwirtschaft ist. Sie waren vor Ort und haben über 500 Kleinbauern befragt, anstatt sich nur auf mehr oder weniger genaue Indien-weite Statistiken zu verlassen, die von anderen erstellt wurden. Und sie haben für den Zeitraum von 2002 bis 2008 gezeigt, dass es durch den Anbau von Bt-Baumwolle Ertragszuwächse gegeben hat, die den Kleinbauern zugutekommen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Aber es kann einfach nicht sein, was nicht sein darf.

 

P.S.: Noch etwas zum Thema Unwahrheiten: Kishor Tiwari will den Kontakt zu Jonas Kathage und Matin Qaim gesucht haben. Auf Nachfrage stellt sich heraus, dass beide keinen Kishor Tiwari kennen, geschweige denn von ihm eingeladen wurden. Und die Studie ist ausschließlich mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft finanziert worden (aber es findet sich bestimmt irgendeine Seilschaften-Theorie, die „beweist“, dass die DGF und die DLG mit Monsanto unter einer Decke stecken…).

 

Kommentare

  1. Martin B. sagt: 11. Juli 2012

    Es ist natürlich sehr unfair, den Kritikern hier mit Empirie zu kommen. Wo kämen wir denn hin, wenn wir jede Behauptung wissenschaftlich untersuchen würden? Indische Kleinbauern bringen sich nur wegen GMO-Baumwolle um, das ist so und damit basta.

    ;)

  2. Gerd Spelsberg sagt: 12. Juli 2012

    Ein besonders krasses Beispiel, wie die Geschichte mit den Selbstmorden und der Bt-Baumwolle in Indien immer weiter gestrickt werden, ist “Schrot und Korn”: “Eine Pro-Gentechnik-Studie der Uni Göttingen vernachlässigt Tausende Selbstmorde von indischen Bauern.” wird diese Meldung angetextet:
    http://www.schrotundkorn.de/wp/2012/07/11/heftige-kritik-an-studie-zu-gentechnik-baumwolle/
    Irgendwann wird die auch Ökobranche erfahren, was die konventionellen Lebensmittelhersteller schmerzlich gelernt haben: Glaubwürdigkeit und Vertrauen kann man sehr schnell verspielen.

  3. A. Schmidt sagt: 13. Juli 2012

    Die bt-cotton-has-failed-story ist eine “persistent narrative”. Da wundert sich Ron Herring schon seit Jahren drüber (http://goo.gl/uOUEn).

  4. Elke J. sagt: 24. Juli 2012

    Bt-Baumwolle mag möglicherweise sogar ein Erfolg sein. Wir werden sehen, wie sich das weiter entwickelt.
    Auf jeden Fall aber werden die Bauern abhängig von einem Riesenkonzern, denn es ist ihnen verboten, Saat von ihren Baumwollpflanzen zu nehmen. Sie sind also gezwungen, jedes Jahr erneut das Saatgut einzukaufen.
    Ich finde das sehr problematisch.
    Weiterhin könnte es sein, dass alte Baumwollsorten, die besonders gut an die regionalen Verhältnisse (Boden, Klima) angepasst sind, durch die weite Verbreitung von gv-Pflanzen verschwinden.
    Ich plädiere außerdem dafür, dass die Saatguthersteller wie Monsanto & Co. für die Verunreinigung und dadurch entstandenen Schäden haften müssten, die durch die Übertragung von gv-Pollen auf andere Pflanzen entstehen. Ein Biobauer kann nämlich seine Produkte nicht mehr vermarkten, wenn sie Gene von gv-Pflanzen enthalten.
    Schließlich spreche ich mich vehement dagegen aus, dass weltweit agierende Firmen Patente auf Pflanzen erhalten.

  5. Ch. Happach-Kasan sagt: 25. Juli 2012

    Bt-Baumwolle mindert die Armut bei Kleinbauern in Indien und vermindert den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Das hilft den Menschen und der Natur. Das mag nicht nur ein Erfolg sein, das ist ein Erfolg.

    Indien ist die größte Demokratie, ist zwar IT-Land, aber 60% der Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft. Indien gehört zu den 36 Ländern weltweit, deren Welthungerindex mehr als 20 Punkte beträgt, das heißt die Hungersituation in diesem Land ist sehr ernst. Der Alphabetisierungsgrad in Indien beträgt ungefähr 70%.

    Einerseits wird den indischen Bauern zugetraut, dass sie gute Baumwoll-Landsorten entwickelt haben, andererseits wird ihnen nicht zugetraut, dass sie die Qualität von Baumwollsorten erkennen. Wie passt das zusammen? Kann es nicht doch sein, dass indische Bauern sehr gut erkennen, welche Sorten ihnen sichere Erträge liefern und dass sie deshalb den modernen Bt-Sorten den Vorzug gegeben haben? Die alten Baumwollsorten in Indien sind offensichtlich für den Landwirt nicht besser als moderne Sorten. Anders ist nicht zu erklären, dass in Indien auf 90% der Fläche Bt-Baumwolle angebaut wird. Weltweit wird auf 75% der Anbaufläche Bt-Baumwolle angebaut.

    Für Landwirte ist der erste Risikofaktor das Wetter. In Indien gab es erst 2009 eine Dürre, die viele Ernten vernichtet hat. Der nächste Risikofaktor ist der Befall mit Schadinsekten. Deswegen werden beim Baumwollanbau sehr viele Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Durch den Anbau von Bt-Baumwolle gelingt es, den Pflanzenschutzmitteleinsatz um etwa die Hälfte zu vermindern bei gleicher Ertragssicherheit.

    Hybridsorten nutzen den Heterosiseffekt. Der Züchter züchtet reinerbige Ausgangslinien, die dann gekreuzt werden. Die so erzeugte Tochtergeneration ist deutlich ertragreicher als die Ausgangslinien. Dieser Heterosiseffekt wird nicht nur bei der Züchtung von Baumwolle genutzt sondern auch beim Mais, Raps, Reis und verschiedenen Gemüsesorten. Der Landwirt kann theoretisch auch mit diesen Sorten Nachbau betreiben. Aber er tut es nicht, weil er weiß, dass die nächste Generation deutlich geringere Erträge bringen wird. Deswegen kauft er neues Saatgut.

    Im Vergleich zur dramatischen Hungersituation in Indien, die durch den Anbau von Bt-Baumwolle spürbar gelindert wird, ist doch das Auskreuzen von gv-Pflanzen auf Nicht-gv-Pflanzen ein sehr kleines Problem. Es ist außerdem ein Problem des Bewusstseins. Das Auskreuzen von gv-Pflanzen mindert nicht substantiell die Qualität anderer Pflanzen.

    Angesichts der Vorteile der insektenresistenten gv-Pflanzen wie Bt-Baumwolle oder Bt-Mais für die Natur ist doch außerdem zu fragen, ob diese nicht die eigentlichen „Bio-Pflanzen“ sind.

  6. Peter Langelüddeke sagt: 28. Juli 2012

    Zu Frau Elke J.: Noch einmal zum Thema Abhängigkeit: Die indischen Kleinbauern sind nicht primär abhängig von dem einem großen und natürlich überaus bösen Konzern Monsanto, sondern von ihrem lokalen Händler. Und der deckt sich, wenn er klug ist, nach Möglichkeit mit Saatgut ein, das die Bauern haben wollen. So ist es leicht zu erklären, dass kaum noch Saatgut von Nicht-gv-Sorten verfügbar ist. Und kein Monsanto verbietet den Bauern, eigens Saatgut zu verwenden. Das wäre bei Hybriden völlig blödsinnig.

    So ganz nebenbei: Nach einer Aufstellung des indischen Cotton Advisory Board lagen die Erträge bis zur Saison 2002-2003 im Bereich um die 300 kg/ha, danach – d. h. nach Einführung der Bt-Sorten – stiegen sie kontinuierlich auf 400 bis 500 kg/ha an. Das ist kein normaler züchterischer Fortschritt, sondern liegt vor allem daran, dass Ertragsausfälle infolge des Befalls mit Bollworm verhindert wurden. Kein Wunder, dass die Bauern das bemerkt und ihre Folgerungen daraus gezogen haben.

    Nach einer anderen Aufstellung (Bt-Cotton in India – A Country Profile http://www.isaaa.org/resources/publications/biotech_crop_profiles/bt_cotton_in_india-a_country_profile/download/Bt_Cotton_in_India-A_Country_Profile.pdf) gab es 2010 in den Anbau-Zonen Nord/Mitte/Süd 164 bzw. 296 bzw. 294 Bt-Hybriden, daran waren 26 bzw. 35 bzw. 35 verschiedene Saatzucht-Unternehmen beteiligt.

    Mit Standard-Einwänden gegen Gentechnik, die auf die Situation vor Ort überhaupt nicht passen, und mit Romantisierungen kommt man in der Diskussion nicht weiter.

  7. André sagt: 30. Juli 2012

    “Ein Biobauer kann nämlich seine Produkte nicht mehr vermarkten, wenn sie Gene von gv-Pflanzen enthalten.”

    Das scheint wohl so zu sein. Aber wer ist den eigentlich dafür verantwortlich? Wer legt denn eine Nulltoleranz für seine Produkte fest? Und auf welcher sachlichen Grundlage?
    Halten Sie es denn für gerecht, dass eine kleine, für weniger als 5% der landwirtschaftlichen Produktion (knapp 1% weltweit) verantwortliche Produktionsweise, den restlichen 99% in der Welt vorschreiben darf, auf welche Ergebnisse modernen Pflanzenzüchtung sie verzichten müssen?
    Ist es nicht auch denkbar, dass die Biobauern, deren Produkte in der Regel höhere Preise bei niedrigerem Ertrag erzielen, ihre Zertifizierung selbst finanzieren, wenn sie schon ihre Profite selbst einstecken?
    Ich halte eigentlich nicht viel davon, Produktionskosten zu sozialisieren, damit die privaten Profite größer werden.

  8. André sagt: 1. August 2012

    Nur so nebenbei. Ich bin dem Schrot-und-Korn Eintrag nachgegangen und habe in meinem Kommentar links auf den Orginalartikel in PNAS sowie die Berichte im Spiegel und der Süddeutschen gesetzt. Damit man sich umfassender informieren kann.
    Und wie schon so oft: Kommentare, die nicht ins Bild passen erscheinen nicht.
    Da dies auf sehr vielen gentechnikkritischen Seiten (also alle, bei denen ich es bisher versucht habe) offenbar üblich ist, folgen auf einseitige Berichte, einseitige Kommentare.
    Schön, dass das bei GGSG und Transgen anders ist….musste mal gesagt werden.

  9. Jens Katzek sagt: 8. August 2012

    Zu Andre (1.8.12): Ich habe gerade die Schrot & Korn Seite geöffent – Ihr Kommentar ist jetzt aufgenommen. Das nur als kurzes follow-up.

  10. Christoph sagt: 8. August 2012

    Ach ja, übrigens. Finanziert wird dieser Verein hier übrigens hauptsächlich durch Spenden von folgenden Firmen:

    Bayer CropScience, BASF, Dow Agro Sciences, Monsanto Agrar, Du Pont / Pioneer Hi-Bred International, Syngenta Agro

    Soviel zu dem Thema unvoreingenommene Berichterstattung.

  11. Hoffmeister sagt: 8. August 2012

    Christoph: Das ist jetzt aber langweilig und wenig kreativ, weil immer dieselbe Masche. Wenn man argumentativ am Ende ist, versucht man es mit Delegitimation ala bestochen oder gekauft. Das ist zu billig !

  12. sven sagt: 8. August 2012

    … das bisschen Doping, das tut doch niemand weh. Unbegrenztes Wachstum – steigende Erträge auch für die indischen Bauern, wer hat da was dagegen? Vortreten bitte. Und zur Not gibts die Gendatenbank in Gatersleben. Also, des wird schon. Kloppt euch doch nicht um die paar Peanuts. Peace Freunde ;)

  13. André de Kathen sagt: 21. August 2012

    Hallo Jens – ich danke für den Hinweis. Hat offenbar etwas länger gedauert. Freut mich aber sehr – dafür gibt es ein Sternchen für Schrot&Korn. :-)

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