Open Source und verrückte Ideen: Die Faszination der synthetischen Biologie

17. Oktober 2014 | von:

Biobrick iGEM

In ein paar Tagen ist es wieder so weit: Vom 30. Oktober bis zum 3. November wetteifern Studententeams aus aller Welt um einen goldenen, überdimensionierten Legostein, eine selbstironische Anspielung auf das, was ihnen oft vorgehalten wird: Naives Herumbasteln an Lebewesen. Mit über 2500 Teilnehmern aus 32 Ländern ist das Giant Jamboree in Boston das größte Meeting der synthetischen Biologie. In diesem Jahr sind 245 Teams dabei, davon allein 13 aus Deutschland, so viel wie noch nie.

Nun schon im zehnten Jahr wird der iGEM-Wettbewerb ausgetragen. International Genetically Engineered Machines – da müsste die hyperkritische europäische Öffentlichkeit aufhorchen: Ist „Gentechnik“ nicht gleichbedeutend mit unbeherrschbaren Risiken und dem Machtanspruch der internationalen Agrarkonzerne, die damit die Kontrolle über die Nahrung gewinnen wollen? Konstruieren da nicht junge Molekularbiologen wie Ingenieure zweckmäßige „Maschinen“, ohne Ehrfurcht vor „dem Leben“? Kein Wunder, wenn NGOs und Aktionsgruppen in Europa und Nordamerika die synthetische Biologie längst als „extreme Gentechnik“ ins Visier genommen haben.

Umso erstaunlicher, dass iGEM Jahr für Jahr mehr Zulauf bekommt. Und das obwohl eine Teilnahme ja nicht etwas ist, was so einfach nebenbei zu erledigen wäre, erst recht, wenn man es gar bis zur Endrunde nach Boston schaffen will. Schon im Winter haben die Teams – Studenten der Biologie, Biotechnologie, Bioinformatik und benachbarte Disziplinen – sich ihre Aufgabe gesucht. Meist ist es ein Problem, an dem sie zeigen wollen, dass mit den Mitteln der synthetischen Biologie neue oder bessere Lösungen möglich sind. Den ganzen Sommer verbringen sie im Labor, versuchen, eine anfangs vage Idee Schritt für Schritt zu realisieren, in dem sie neue oder modifizierte Stoffwechselwege „konstruieren“ und sie in ein geeignetes biologisches System übertragen. Das bedeutet – Molekularbiologen wissen das – viel, viel Arbeit, endlose Versuchsreihen und nicht immer funktioniert es wie anfangs gedacht. Nebenbei müssen sich die Teams um Sponsoren kümmern, um die nicht ganz billige Reise nach Boston zu finanzieren, und ihr Projekt auf einer Webseite präsentieren. Und: Es gehört zum Spirit dieses Wettbewerbs, dass die Teams offensiv mit der Öffentlichkeit kommunizieren, etwa Schulklassen in ihre Labore einladen oder zu Diskussionsrunden einladen.

Bei ihren Projekten greifen die Teams auf „Biobricks“ zurück, miteinander kombinierbare Bausteine aus standardisierten biologischen Elemente. In der großen, allgemein zugänglichen Datenbank sind mehrere tausend dieser Biobricks in Form von DNA-Sequenzen gespeichert. Mit jedem iGEM-Wettbewerb wächst deren Zahl weiter an. Allein im 2013-Wettbewerb hat sich der Bestand an Biobricks um 1500 vergrößert. Dieses Prinzip von Get & Give ist ein Kerngedanke des iGEM-Wettbewerbs. Über die Jahre haben Studententeams aus aller Welt eine einzigartige Datenbank anwachsen lassen, ein riesiger Wissensschatz der synthetischen Biologie, nicht eingeschränkt durch Schutz- und Exklusivrechte, sondern offen für alle.

Doch Open Source ist es nicht allein, was die Faszination von iGEM ausmacht. Die Studenten treibt die alte, inzwischen etwas verschüttete Idee einer offenen, demokratischen Wissenschaft, die Probleme lösen will. Nicht weil sich damit Geld verdienen ließe, sondern weil Wissenschaft es kann und darin ihren Sinn findet. Die iGEM-Teams wollen zeigen, dass mit den Möglichkeiten der synthetischen Biologie – richtig genutzt – die Welt ein wenig besser werden könnte. Das mag etwas naiv sein, aber die Themen, die sich die Teams gesucht haben, zeigen, dass eben das sie motiviert.

iGEM 2013

Endrunde des iGEM-Wettbewerbs 2013. In den letzten Jahren durften nur die besten Teams aus den kontinentalen Vorausscheidungen zur Jamboree nach Boston. In diesem Jahr ist es anders: iGEM feiert sein 10-jähriges Bestehen und deswegen sind diesmal alle Teams in Boston dabei. (Foto: iGEM-Foundation / Justin Knight CC-BY-2.0)

Da will das Team aus Hannover einen Biosensor entwickeln, um einfacher als bisher Arsen in Gewässer bestimmen zu können, nützlich besonders für Länder wie Bangladesh. Eine Gruppe aus Hongkong hat einen neuen Weg gefunden, Phosphat aus Abwasser zu entfernen, die Studenten vom Imperial College in London haben gezeigt, dass es möglich ist, bisher nicht recycelbare Plastikabfälle in biologisch abbaubare umzuwandeln. Andere probieren an neuen Ansätzen, um multiresistente Keime zu bekämpfen oder Tuberkulose. Viele Projekte beziehen sich auf Klimawandel und Bioenergie. So hat sich das Bielefelder Team in diesem Jahr vorgenommen, ein Bakterium zu entwickeln, das aus überschüssigem Strom einen speicherbaren Kraftstoff produziert.

Nicht immer gelingt es bis zum Abgabeschluss zu zeigen, dass die eigene Idee tatsächlich funktioniert. Oft ist die Zeit zu knapp und Schwierigkeiten werden notorisch unterschätzt. Nur ganz selten gelangt ein in einem iGEM-Projekt entwickeltes Verfahren auch nur an die Schwelle einer wirklichen Anwendung. Aber darauf kommt es nicht an: Der IGEM-Wettbewerb will an praktischen Projekten veranschaulichen, was mit der synthetischen Biologie und ihren konstruierten „Maschinen“ möglich sein könnte. Selbst im Team etwas Sinnvolles zu entwickeln, als Teil einer kreativen, enthusiastischen Community dazu beizutragen, das riesige Potential dieser noch jungen „biologischen Ingenieurswissenschaft“ zu erschließen – dafür sind Studenten überall auf der Welt zu begeistern. Diese optimistische, selbstbewusst gezeigte Begeisterung ist stärker und überzeugender als all die satte Bedenkenträgerei, die sich durch unsere Gesellschaft zieht.

Auch deswegen beteiligen sich immer mehr junge Teams aus Deutschland und Europa an iGEM, ganz gegen den Zeitgeist.

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Ach ja, ehe ich es noch vergesse: Wenn ein iGEM-Team mit oder an gentechnisch veränderten Organismen arbeitet, dann geschieht das natürlich nach den in Deutschland und der EU geltenden Vorschriften. Dafür ist ein zugelassenes Labor mit den entsprechenden Sicherheitsstandards erforderlich. Und der andere, meist diffuse Vorwurf, an „Lebewesen herumzubasteln“? Das wäre sicherlich einen eigenen Blogbeitrag wert. Aber was ist es für eine instrumentelles Verhältnis zu Lebewesen, wenn endlose Palmölplantagen im Regenwald angelegt werden? Ist es denn prinzipiell ethisch anders zu bewerten, wenn mit Hilfe der synthetischen Biologie „konstruierte“ Algen Palmölersatz produzieren?

Mehr bei Gute Gene, schlechte Gene:

Kommentare

  1. Gerd Spelsberg sagt: 31. Oktober 2014

    Biotechnologie.de stellt alle deutschen iGEM-Teams und ihre Projekte vor. http://www.biotechnologie.de/BIO/Navigation/DE/root,did=176734.html?listBlId=74462&

  2. Gerd Spelsberg sagt: 3. November 2014

    Die deutschen iGEM-Teams haben beim GiantJamboree in Boston super abgeschnitten : 9x Gold, 2x Silber, 2x Bronze; 9 Sonderpreise und 2 Teams als Finalisten ganz vorn.

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