Kuh-Gene im Weizen. Von Monstern und Mischwesen

11. Juni 2012 | von:

Kuh-Gene im Weizen

Ein Mischwesen aus Kuh und Brot – das ist das Markenzeichen der Kampagne der englischen Anti-Gentech-Gruppe Take the flour back gegen den Freilandversuch mit gentechnisch verändertem Weizen am Rothamsted Research Institut. In den Weizen wurde ein Gen aus Minze eingeführt, das für einen „natürlichen“ Duftstoff zur Abwehr von Läusen codiert. Doch nicht etwa die Minze wird im Logo der Kritiker mit Weizen vermischt, sondern eine Kuh mit dem Grundnahrungsmittel Brot. Kuh-Gene im Weizen – das lässt schaudern und spricht mehr als alle Argumente das diffuse emotionale Unbehagen an, das offenbar viele gegenüber der Gentechnik empfinden.

Im Fall des Rothamsted-Weizens berufen sich die Kritiker auf ein zusätzlich eingeführtes synthetisch hergestelltes Gen für ein Enzym, das den Duftstoff „verstärken“ soll. Dieses Gen kommt in fast allen Organismen vor. Die in den Weizen eingebrachte Variante ähnelt wohl eher zufällig am meisten der von Rindern – das reicht aus, um mit dem Kuh-Weizen-Mischwesen als markantem Symbol in den Kampf um die öffentliche Meinung zu ziehen.

Frankenfood

Schlangen-Gene, Menschen-Gene: In den USA sind die Gentechnik-Gegner noch weniger zimperlich als in Europa.

Originell ist das nicht. Fast jede Greenpeace-Ortsgruppe zitiert auf ihren Webseiten und Flugblättern „Ratten-Gene im Salat“, „Motten-Gen im Apfel“, „Kuh-Gen in Sojabohnen“. Auch „Spinnen-Gene in Kartoffeln“ ,„Schlangen-Gene in Broccoli (in den USA) oder „natürliches Aroma aus Fischgewebe“ sollen illustrieren, „was die Gentechnik uns auftischt“. Bis vor ein paar Jahren verzichtete kaum ein „kritisches“ Flugblatt auf „Flunder-Gene in Erdbeeren“, und noch heute arbeiten sich Kabarettisten daran ab und bestätigen ihr Publikum in seiner Weltsicht.

Merkwürdigerweise sind es immer Tiere – zudem nicht gerade die niedlichen, sondern böse, angstbeladene  wie Ratten, Spinnen, Schlangen oder stinkende Fische –, deren Gene in unsere natürlichen Lebensmittel gepanscht werden, nicht etwa die von Bakterien und anderen Pflanzen wie in der Praxis üblich. Tier-Gene in Nahrungspflanzen: Ganz gleich, ob so etwas überhaupt wirtschaftlich sinnvoll und technisch möglich ist – es ist unappetitlich, unnatürlich, unethisch. Und ein Ausdruck für die Hybris der Wissenschaft, die sich über den natürlichen (oder göttlichen) Schöpfungsplan hinwegsetzt.

Hieronymus Bosch, Das jüngste Gericht

Hieronymus Bosch, Das jüngste Gericht (Ausschnitt).

Schon im Mittelalter waren monströse Mischwesen Symbole des Bösen. Auf den Gemälden von Hieronymus Bosch (ca. 1450-1516) – etwa im „jüngsten Gericht“ oder „Garten der Lüste“ – wimmelt es von den absonderlichsten Gnomen und Dämonen: Mischwesen aus Mensch und Tier, Figuren mit Fisch- oder Vogelköpfen, raubtierähnliche Kreaturen, menschliche Gesichter mit Frosch- oder Insektenbeinen. Es sind böse, bedrückende Figuren, sie quälen die Menschen und „führen sie der Verdammnis zu“. Doch nur die Hölle ist von solchen Mischwesen bevölkert, im Paradies – auch das hat Bosch in seinen Bildern dargestellt – gibt es sie mit Ausnahme der beflügelten Engel nicht.

Gut und Böse, Gott und Teufel – solche schroffen Gegensätze haben die Kultur des christlichen Abendlandes tief geprägt. Dazu gehört auch das Paradies mit dem göttlichen Schöpfungsplan, in dem jede Tier- und Pflanzenart den ihr zugedachten Platz hat, und die dämonische Gegenwelt der Hölle, in der die Schöpfung mit ihrer Ordnung der Arten außer Kraft gesetzt ist.

Ob Kuh-Gene im Weizen oder Ratten-Gene im Salat – die „Botschaften“ der modernen Mischwesen sind ähnlich wie die ihrer mittelalterlichen Vorläufer. Es ist ein ethisches Tabu – oder eben eine Sünde gegen den Schöpfungsplan -, wenn sich die moderne Gentechnologie über die höhere Ordnung der Arten hinwegsetzt. Es sind alte, in unserer Kultur tief verwurzelte Ängste, welche die Gentechnik-Gegner ansprechen.

Aber dieses böse Spiel mit den Mischwesen funktioniert nur, wenn die heute bekannten Tier- und Pflanzenarten als unabänderlich und vorgegeben aufgefasst werden. Doch spätestens seit Darwin ist das ebenso falsch und überholt wie die Vorstellung, dass jede Art ihre eigenen Gene besitzt und diese ihre Identität, ihre „Würde“ definieren. Wenn die Entwicklung des Lebens eine evolutionäre ist, dann repräsentieren Gene und Genome eben diese Geschichte. Das zeigen zahlreiche Proteine (und damit Gene), die Schlüsselfunktionen in vielen Organismen erfüllen. Die betreffenden Gene kommen dann in Bakterien, Insekten oder Affen vor. Die menschliche DNA stimmt zu 99,6 Prozent mit den Menschenaffen überein und selbst mit der gemeinen Bäckerhefe teilen wir zahlreiche Gene. Es gibt keine menschlichen Gene, so der Titel eine Buches des Schweizer Allergologen Beda Stadler – und auch keine Schlangen- oder Ratten-Gene.

Impfung mit Kuhpocken

Edward Jenner impft gegen Pocken mit Kuhpocken. Die Menschen befürchteten, sie könnten damit Kühen ähnlicher werden.

Wenn in den Weizen ein Genkonstrukt eingeführt wurde, das mehr oder weniger dem eines Rindes gleicht, dann verschiebt es eben nicht die Identität des Weizens hin zum Rind. (Das erinnert an die erste Impfung gegen Pocken durch den Arzt Edward Jenner. Damals befürchteten die Menschen, dass mit den Kuhpocken auch etwas vom Wesen der Rinder auf Menschen übertragen würde.)

Jüngst hat ein Priester in Ghana gentechnisch veränderte Lebensmittel verdammt. Sie verstießen gegen den göttlichen Schöpfungsplan, deshalb seien sie eine große Gefahr für Natur und Gesundheit. So weit entfernt von diesem erzkonservativen, kreationistischen Priester sind unsere ach so aufgeklärten Gentechnik-Gegner in Europa und USA nicht.

Kommentare

  1. Amflora sagt: 12. Juni 2012

    Ich war neulich auf einem Markt. Fast nur “Bio”-Zeugs. Der Kohl hatte erhebliche Fraßschäden, Schneckenspuren und jede Menge Raupenkacke. Wer das mit Überzeugung als “naturbelassen” ißt, wie kann der dann was gegen “Tiergene” haben?

    Ja ja, wird er vielleicht sagen, das ist ja nur äußerlich. Dabei weiß jedes Kind, daß über die Schadstellen auch Schimmelpilze eindringen.

    Und man kann den “Bio”-Salat noch so gut waschen, es bleiben trotzdem Abermillionen Bodenbakterien wie das bt dran hängen. Der geschulte Naturkostesserbauch kann natürlich sehr genau zwischen diesen Genen und jenen, welche z.B. der Mais selbst produziert, unterscheiden…

  2. Sarah sagt: 24. Juni 2012

    Ich fand den oben stehenden Artikel sehr beängstigend. Was uns heutzutage alles untergejubelt wird finde ich hammer.
    Wenn ich könnte würde ich mich komplett selbst versorgen. Dies funktioniert aber leider nicht. Daher achte ich darauf, dass ich Dinge kaufe, von denen ich weiß, wo sie her kommen.

  3. Ines sagt: 2. Juli 2012

    Der Artikel ist schon unglaublich. Kaum zu glauben, was heutzutage alles gemacht wird. Wie hier schon erwähnt, sehr erschreckend.

  4. Elke J. sagt: 24. Juli 2012

    Man kann zur Gentechnik ja gern stehen, wie man will.
    Aber sie sollte – wenn überhaupt – dann so angewendet werden, dass sie die Pflanzen, die ich essen will, nicht durch gv-Pollen schädigt.
    Also, liebe Gentechnik-Begeisterte: Esst ihr nur euren Kram, wenn es euch glücklich macht, ich aber will keine gv-Pflanzen in meinem Essen.
    Zwangsbeglückung durch gv-Pflanzen lehne ich ab.

  5. mamimba sagt: 21. April 2015

    Was ist das hier eigentlich für ein widerlicher Artikel? Das ist hier wohl ein pro Gentechnik-Blog der Propaganda für Monsanto betreibt, denn der Artikel behauptet ja “alle die gentechnisch veränderte Lebensmittel nicht haben möchten sind krank, denn sie verstehen nichts von Biologie und Genen”.
    Es interessiert mich null – das Geseiere von der “Wussenschaft die sich über den göttlichen Plan hinweg setzt”. Ich bin nicht religiös.
    Wohl aber weiss ich, daß das Herumpanschen mit Genmaterial, besonders die Vermischung von Pflanzen- und Tiergenen, weder natürlich ist, noch gesund sein kann. Jeder Mensch mit einem noch funktionierenden Gehirn und einer gewissen Intelligenz weiß das – instinktiv! Dazu braucht man keine Religon. Genauso wie Fleischburger aus Scheisse widernatürlich sind und es eine Lüge ist, daß die Menschen ohne diesen ganzen Mist verhungern würden wg. der sog. Überbevölkerung – wieder ein Lüge um aus Scheisse das ganz große Geld zu machen.
    Aber wer von dem ganzen Mist profitiert, genau wie von der Lüge vom Klimawandel und daß wir in Zukunft statt lecker Fleisch Insekten fressen sollen, weil die angeblich umweltfreundlicher zu vermehren sind, wer ist das wohl?
    Wir wissen es alle. Es sind die an einer Hand abzählbaren globalen Lebensmittel-Hersteller zusammen mit dem menschenverachtenden Monsanto-Verein.
    Die kriegen alle den Hals noch nicht voll genug und wollen noch mehr Profit aus uns allen rausquetschen. Deshalb sollen wir wie die Sklaven schuften und Dreck fressen.
    Ich will weder Spinnen, Käfer, Maden, Würmer oder andere Krabbeltierchen essen oder als Zusatz in meinen Lebensmitteln verarbeitet wissen. Und es interessiert mich auch einen feuchten Kehricht ob die Amazonas-Indianer sowas schon seit tausenden von Jahren machen. Ich lebe in einer anderen Kultur und diese Kultur ist hochzivilisiert und frisst keine Insekten, basta und diese unsere Kultur muß nicht mittlelalterliche Ernährungsmethoden anwenden abgeguckt aus zurückgebliebenen 4.Welt-Ländern die solche Dinge aus der Not heraus essen.

    Und ich möchte auch keine Insektengene in meinem pflanzlichen Lebensmitteln finden. Es ist widernatürlich und es ist eklig und erinnert an miese Horrorfilme die niemand wirklich durchleben möchte.
    Diese ganze Herumexperimentiererei mit Genen ist abartig und ist ein Risenfeldversuch am Menschen – ein absolut ekliger und widerlicher dazu. So einen Scheiß werde ich garantiert nicht essen. Dann sammle ich lieber Wildpfanzen und schlachte Meerschweinchen im Keller – ich weiß ist verboten aber das ist mir wurscht.
    Wenn das alles nicht mehr geht sage ich dieser Welt lieber tschüs und das sollten alle Menschen so machen. Dann können widerliche Unternehmen wie Kraft, Mondelez, Nestle u.v.a. ihren Scheiß selbst produzieren und verspeisen und daran zu Grunde gehen.
    Das alles ist so pervers, daß einem kotzübel wird. Zeit, daß man aktiv wird – 1 Minute vor 12.

Kommentieren

Bitteregistrieren