Monsanto gibt die Gentechnik in Europa auf: Das Gute hat gesiegt – und nun?

7. Juni 2013 | von:

Frankenfood

Eine wirkliche Überraschung war es eigentlich nicht, aber dennoch griffen es fast alle Medien auf und bei Twitter lief es rauf und runter: Monsanto gibt „den Kampf für gentechnisch verändertes Saatgut in Europa auf“ (taz). Keine Lobbyarbeit mehr, keine Anträge für neue Anbauzulassungen gentechnisch veränderter Pflanzen, auch keine Freilandversuche. „Widerstand lohnt sich“, feiern sich die Gentechnik-Gegner. „Ein Triumph der Unvernunft“, kommentierte auf der anderen Seite Hartmut Wewetzer in der Zeit. Doch, so merkwürdig das klingt: Der Rückzug könnte auch Chancen eröffnen, endlich nüchtern und ohne den ganzen Monsanto-Ballast über Pflanzenforschung und die Relevanz gentechnischer Verfahren zu diskutieren.

Seit 1996 die ersten Schiffe mit gentechnisch veränderten Sojabohnen in Hamburg ankamen, seit der erfolgreichen Selbstinszenierung des pfiffigen kanadischen Rapsbauern Percy Schmeiser als unschuldiges Opfer, seit Marie-Monique Robins Film „Monsanto – mit Gift und Genen“ steht Monsanto für die Gentechnik. Die zahlreichen, immer wieder kolportierten Mythen – und natürlich auch die Fehler, Ungeschicklichkeiten und eine oft aggressiv-amerikanische Unternehmenspolitik – haben Monsanto zu einem weltweit verhassten Unternehmen (Monsatan) gemacht. Das schlechte Firmenimage ist so dominant, dass es auf die gesamte Grüne Gentechnik abfärbt. In der öffentlichen Wahrnehmung verschmelzen ein – zugegeben marktbeherrschendes – Unternehmen und ein bestimmtes molekularbiologisches Verfahren, Gene zu übertragen, zu einem „bösen“ und mächtigen Komplex. Monsanto ist Gentechnik und damit ist sie schlecht.

Jeder differenzierten Abwägung, die nicht gleich pauschal alle gentechnisch veränderten Pflanzen verdammt, folgt reflexartig die große Keule des Monsanto-Vorwurfs. (Besonders aufschlussreich sind die Kommentare unter den Gentechnik-Artikeln der großen Online-Medien.) Jeder Wissenschaftler, der an und mit gv-Pflanzen forscht, jede wissenschaftliche Studie, die nicht einfach die vermeintlichen Gefahren bestätigt, wird verdächtigt, von Monsanto gekauft zu sein (Als ob deren Macht grenzenlos sei.)

Wer wie ich an öffentlichen Veranstaltungen zur Grünen Gentechnik teilnimmt, wird sich schon oft darüber geärgert haben, durch Einwürfe aus dem Publikum immer wieder gezwungen zu werden, sich zu Produkten und Praktiken von Monsanto zu äußern. Wie oft habe ich mir gewünscht, Monsanto würde sich in Luft auflösen und wir könnten endlich zu den wirklich interessanten Themen kommen.

Und jetzt ist das Monster plötzlich nicht mehr da. „Wir haben verstanden,“ sagt kleinlaut Ursula Lüttmer-Ouazane; Sprecherin von Monsanto Deutschland. „Es ist kontraproduktiv, gegen Windmühlen zu kämpfen.“ (Fast) alle jubeln: Das Gute hat also gesiegt, der berechtigte Widerstand der Vielen – Landwirte, qualitäts- und umweltbewusste Verbraucher, Globalisierungskritiker, Naturschützer, investigative Journalisten – haben den großen Konzern vertrieben. Das ganze Geld, die Macht der Lobbyisten, die hörigen Politiker haben nichts ausrichten können.

Monsanto verzieht sich wie zuvor schon die anderen Agro-Biotech-Konzerne in die aus Sicht Europas hinteren Reihen, vor allem nach Nord- und Südamerika. Das Böse hat seine Projektionsfläche verloren. Und damit hätte sich auch „die“ Grüne Gentechnik zumindest als Thema mit erheblichem Skandalisierungspotenzial erst einmal erledigt. Auf Jahre hinaus kein Landwirt mehr, der in der Nähe gv-Pflanzen anbauen will, kaum noch Freilandversuche und keine Regierungen mehr, die endlos taktieren, wenn in der EU über neue Anbauzulassungen für gv-Pflanzen zu entscheiden ist. Deutschland kann sich endlich als gentechnik-freie Zone fühlen.

Zwar kommen weiterhin große Mengen gentechnisch veränderter Agrarrohstoffe und Futtermittel über den Atlantik und die asynchrone Zulassungspraxis – immer mehr Zulassungen von gv-Pflanzen in Nord- und Südamerika, immer weniger in der EU – wird wohl auch weiterhin zu Handels- und anderen Konflikten führen. Auch Monsanto selbst hat inzwischen den großen Jubel der Gentechnik-Kritiker gedämpft. Schon seit Jahren verkaufe das Unternehmen seine gv-Sorten dort, „wo…breite Unterstützung auf landwirtschaftlicher und politischer Ebene für die Technologie vorhanden ist.“ In Europa sind das vor allem Spanien und Portugal.

Aber dennoch: Wenn Monsanto sich nun klein macht, ist die große Aufregung vermutlich erst einmal vorbei. Es kann gut sein, dass die Grüne Gentechnik  – vielleicht hier und da unterbrochen durch das mediale Grollen ferner Skandale – auf der Skala der öffentlichen Aufmerksamkeit weit nach hinten rutscht. NGOs, Umwelt- und Verbraucherverbände, die damit ihre Spendenkonten füllen konnten, suchen sich andere symbolisch aufgeladene Kristallisationspunkte für ihre Kritik an der Landwirtschaft, etwa Massentierhaltung, Bienensterben, Bioenergie oder – der gefürchtete radikale Anti-Gentechnik-Aktivist Jörg Bergstedt hat es in der taz angedeutet – etwas ganz anderes wie etwa Fracking.

Vielleicht könnte das Verschwinden des Feindbilds Monsanto den Blick frei machen auf die wirklich wichtigen Fragen und einen längst überfälligen Perspektivenwechsel ermöglichen: Weg von der blinden, verkrampften Fixierung auf die Gentechnik, hin zu den großen Herausforderungen einer nachhaltigen Landwirtschaft: Wie kann eine weiter wachsende Weltbevölkerung ernährt werden – trotz knapper werdender Ressourcen, trotz Klimawandel und ohne die bereits heute überbeanspruchten sozialen und ökologischen Systeme weiter zu belasten. In einer solchen Auseinandersetzung könnte Gentechnik endlich auf eine angemessene, aber auch weitaus bescheidenere Rolle zurückgestuft werden: Vom Selbstzweck zu einem von mehreren wissenschaftlich-technischen Verfahren in der Pflanzenforschung und –züchtung. Mal mehr, mal wenig gut geeignet, um die identifizierten Ziele zu erreichen. Fehlschläge eingeschlossen.

Aber ein solcher Diskurs kommt nicht von selbst. Wissenschaftler, Politiker und vor allem die Zivilgesellschaft müssen ihn wollen.

Kommentare

  1. GeneGegenDenkvorschriften sagt: 7. Juni 2013

    Von Monsanto kommt aber weiterhin jeder vierte oder gar dritte Salat in Europa, was den Leute ja auch egal ist. :-)

  2. Jens Katzek sagt: 7. Juni 2013

    Und wieder einmal zeigt sich, das Gerd Spelberg seinem Ruf gerecht wird, in der Lage zu sein, über den Tellerrand zu schauen!!

  3. Wolfgang Nellen sagt: 7. Juni 2013

    Es wird sehr spannend werden, womit die NGOs jetzt ihr Geld verdienen werden.
    Ich habe gewisse Zweifel, dass der gedämpfte Optimismus von Gerd Spelsberg Realität wird. Die Abschaffung von Forschung, die Abschaffung von Bildung auf dem Gebiet der Gentechnik (s. HannoverGen) ist noch immer Programm.

  4. Gerd Spelsberg sagt: 7. Juni 2013

    Mein Eindruck ist: Das öffentliche Interesse am Thema Grüne Gentechnik nimmt ab. Darauf deuten nicht nur die Reaktionen nach dem (Teil-) Rückzug von Monsanto, sondern auch das abnehmende Interesse im Internet (etwa gemessen an der Häufigkeit des Suchbegriffs Gentechnik bei google).
    Ich sehe darin eine Chance, die Debatte neu und ohne den Ballast von 20 Jahren neu zu beginnen.

  5. Gerd Spelsberg sagt: 8. Juni 2013

    Bei der taz sind sie ja doch ziemlich stolz auf sich: Der Bericht “Monsanto gibt Europa auf – Sieg für Anti-Gentech-Bewegung” (31.05.) ist um die ganze Welt gegangen, meldet nun das taz-Blog:
    http://blogs.taz.de/hausblog/2013/06/07/uber-monsanto-wie-ein-taz-bericht-um-die-welt-ging/

    Das ist wohl auch die zentrale Botschaft, die in der Öffentlichkeit angekommen ist: Monsanto ist besiegt. Verständlich, wenn das der harte Kern der Gentechnik-Gegner ganz anders sieht und beschwört, den “Kampf” unvermindert fortzuführen. Die sind auf das Feindbild Monsanto angewiesen.

  6. Inge Broer sagt: 12. Juni 2013

    ich kann Gerd nur zustimmen, es könnte einen Chance sein und es ist bereits seit einiger Zeit zu merken das die Stimmung etwas entspannter wird weil die Gentechnik einfach nicht mehr so spannend ist. Das heißt das man mit der Anti-Debatte auch nicht mehr soviel Lorbeeren gewinnen kann. Wenn uns das zu einem sachlichen Diskurs über Sinn und Zweck von grüner Gentechnik für eine nachhaltige Landwirtschaft führt, dann bin ich froh über diese Entwicklung.

  7. André de Kathen sagt: 14. Juli 2013

    Liebe Mitdiskutanten, ich finde den hier geäußerten Optimismus beachtenswert – die Leiche HannoverGen ist noch warm. Natürlich ist die Debatte weniger lebhaft. Wo kein Feld mehr zu befreien ist, da gibt es auch keine Verurteilungen, keine Presseberichte, keinen Streit.
    Wie andere hier, verfolge ich die Diskussion seit fast 15 Jahren. Sie ist in dieser Zeit nicht intelligenter geworden, nicht ideologiefreier, nicht sachlicher. Viele Protagonisten haben das Feld verlassen, die BASF ist abgewandert, Monsanto bricht die Zelte ab, HannoverGen ist tot, Hessen wird auch noch gentechnikfrei.
    Natürlich kann man auch mit Kreationisten 20 Jahre über Evolution diskutieren – aber mehr als ein Zeitvertreib ist das nicht. Monsanto ist nur ein Vehikel, die Ablehnung der Gentechnik bleibt – siehe die Wahlprüfsteine des VBIO-LV Hessen und die Antwort der Grünen: gentechnikfreie Region Hessen, Ablehnung der AgroGentechnik aber Forschung hinsichtlich der Gefahren vorantreiben (nur nicht auf dem Feld, da lassen sich schädliche Effekte eben auch schlechter nachweisen). Was das bedeutet? Mit Steuermitteln wird man weiter versuchen, Gefahren aufzuzeigen – wieso sollte sich an dieser Methode etwas ändern?
    Mit den Grünen war die Gentechnik in der Entwicklungszusammenarbeit tot. Gutachten, die politisch nicht auszuschlachten waren, wurden unterschlagen. Mitarbeiter der Anti-GVO e.V. wurden verbeamtet und versorgen ihre früheren Arbeitgeber mit “Forschungsprojekten” – und was passierte in Niedersachsen, kaum dass die Grünen mitregieren?
    Ist das (und vieles andere mehr) der Ballast von 20 Jahren, ohne den der Diskurs weitergehen soll? Einfach ignorieren? Seht ihr wirklich Chancen, mit einem Christian Meyer nun über Grüne Gentechnik für nachhaltige Landwirtschaft zu debattieren – immerhin kein dümmlich-ignoranter Holzkopf -oder?- der ist Minister eines Flächenlands, da stehen wir nun, nach 15 Jahren Debatte.
    Was ist falsch gelaufen, wo doch Wissenschaft und Verantwortung nicht gegen Grüne Gentechnik sprechen? Ja, Monsanto hat in den Debatten abgelenkt, aber das hat doch an der Sachebene rein gar nichts geändert. Deshalb wird HannoverGen nicht wieder lebendig. Deshalb werden die Felder trotzdem “befreit” und sicher wird Üplingen nächstes Jahr nicht wieder geöffnet, oder?

  8. Gerd Spelsberg sagt: 14. Juli 2013

    Hm, Optimismus? Gentechnisch veränderte Pflanzen im Freiland wird es in Deutschland wohl auf Jahre hinaus nicht geben: Kein Anbau, praktisch keine Freisetzungsversuche, Deutschland ist gentechnikfrei und die Grünen – voran ihre Landwirtschaftsminister in den Bundesländern – werden sich dafür feiern lassen (“Nulltoleranz für Gentechnik“). Aber –und darauf wollte ich hinweisen –, die gesellschaftliche Debatte ist damit doch nur dann zu Ende, wenn sie ausschließlich als eine technologiebezogene verstanden wird. Aber genau diese Fixierung auf die Technologie gilt es doch zu überwinden. Und wenn sich jetzt Monsanto verzieht und wenn „die Gentechnik“ aus Deutschland vertreiben scheint, dann steckt darin eben auch die Chance, die Debatte um Landwirtschaft, Nachhaltigkeit und Welternährung endlich problemorientiert zu führen.
    Das wird nicht von heute auf morgen gelingen. Aber manchmal hat es den Anschein, dass man der platten, selbstgewissen Phrasen überdrüssig wird. In letzter Zeit habe ich an einigen Veranstaltungen vor allem mit Schülern und Studenten teilgenommen und dabei offene, interessierte und weniger ideologische Diskussionen erlebt. (Und André, ich sehe HannoverGen keineswegs als Niederlage.)

  9. Nico sagt: 18. Juli 2013

    Was soll dieser Kampf eigentlich? Wenn die Leute keine Gentechnik wollen, dann sollte man es akzeptieren.
    Das nächste Ziel: KEINE saaten von Großen Firmen wie Monsanto, Bayer etc kaufen ;D
    Wenn wir da geschafft haben, können wir weiter jubeln :) )))

  10. torben hoffmeister sagt: 18. Juli 2013

    Wie groß darf denn eine Firma sein, damit sie nicht unter den Nico-Bann fällt ?
    Und wenn wir das geschafft haben, alle Nico-gebannten Firmen zu vertreiben, nehmen wir uns die vor, die partout nicht von der Hybridsaatenherstellung die Finger lassen können und dann alle Pflanzenschutzmittelhersteller, und dann alle Bauern mit Massentierhaltung, und dann alle Hersteller synthetischer Dünger, und … Wenn dann alles Übel dieser Welt besiegt ist und in Europa die Dreifelderwirtschaft wieder eingeführt wurde, dann jubilieren wir und wundern uns, dass trotz paradiesischer Verhältnisse das Essen und der restliche Wohlstand nicht mehr für alle reicht.

  11. Thomas sagt: 19. Juli 2013

    Neue Feindbilder wurden doch schon gefunden, direkt geht es jetzt gegen Pflanzenschutzmittel. Neonicotionide und ganz besonders Glyphosate, die ja noch immer der Teufel (Monsanto) direkt zu brauen scheint.
    Nico, wenn man ganz harter Demokrat ist, muss man natürlich das Volk entscheiden lassen. Nur, wer klärt das Volk auf und ist das ein objektiver Prozess? Wohl kaum.

  12. André de Kathen sagt: 20. Juli 2013

    Wenn HannoverGen keine Niederlage ist – was dann? Ich kenne die Projektbeteiligten ja auch ein wenig – welche Pillen muss man schlucken, um das nicht als Niederlage zu empfinden. Und es ist doch kein isoliertes Ereignis, das geht jetzt schon 15 Jahre so – und selbst die billigste Bierplörre wird mit dem Label “gentechnikfrei” aufgewertet. Und warum müssen eigentlich erst transnationale, forschende Unternehmen aus Deutschland verschwinden, damit eine sachorientierte Debatte geführt werden kann?
    Ja Gerd, ich erlebe auch jeden Tag Jugendliche, die der ganzen Sache ideologiefrei begegnen und ich freue mich immer wieder…aber das sind auch häufig die, die Interesse an einem naturwissenschaftlichen Profil haben und typische Tugenden wie Selbstkritik, Präzision, Reflexion, Sachlichkeit und analytisches Denken ausüben…

    Um an den Diskurs anzuschließen: ich habe Nico eher ironisch verstanden – ich hoffe, ich habe mich nicht geirrt. Es ist völlig ok, wenn man keine Gentechnik will und wenn man kein Saatgut bei Monsanto kaufen will…aber bei der KWS vielleicht noch? Die Frage ist aber: warum bekommt man keine Gentechnik, wenn man sie möchte und warum sollte man sein Saatgut nicht bei Bayer kaufen können?
    Keine Wahlfreiheit. Wer aber die Freiheit einschränkt, sollte in einer Demokratie stichhaltige Argumente haben. Die sind aber bis heute nicht auf dem Tisch. Weder gesundheitliche noch ökologische Risiken sind nachgewiesen – “die ganze Richtung passt uns nicht”, das kann der Kaiser sagen, aber der hat ja 1918 abgedankt.

  13. Clemens Maier sagt: 27. Juli 2013

    Angstabwehr, Kontrollbeduerfnis, Reflexhaftes die sind die Bösen, wir sind die Guten, ohne Nachzudenken. Sandkastenspiele.

  14. max sagt: 21. August 2014

    Interessant, die SZ sah das damals aber anders – Rückzug oder nur Marketing-Gag.

    Ein paar Anmeldungen zurückziehen und alles andere Durchbringen, was unter dem Radar fliegt – das ist klassische PR Arbeit!

    “Damit sei allerdings nicht gesagt, dass das Unternehmen auch die Lobbyarbeit in Europa einstelle. Zudem ist die umstrittenste Pflanze, der genmanipulierte Mais Smartstax, praktisch schon zugelassen, die EU-Kommission wird dem wohl zustimmen. Soll also das Argument von der “fehlenden kommerziellen Perspektive” nur Beruhigungs-PR für Monsantos Gegner sein?”

    http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/gentechnik-monsanto-gibt-europa-ein-bisschen-auf-1.1724384

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