Warum Anhänger des ökologischen Landbaus eigentlich für Grüne Gentechnik sein müssten

26. April 2013 | von:

Gerstenfeld

Was wäre, wenn es eine Landwirtschaft gäbe, die den Regenwald bewahrt, Giftstoffe im Wasser und in den Böden reduziert und uns mit nährstoffreichen, gesünderen Lebensmitteln versorgt? Klingt wie ökologischer Landbau, oder? Ist aber Grüne Gentechnik.

Die Ziele der Öko-Landwirtschaft – weniger Umweltbelastungen und bessere Nahrungsmittel – sind richtig. Aber die Öko-Landwirtschaft schöpft ihr Potenzial nicht aus.

Nehmen wir die Ernährung: Es gibt verschiedene Studien (wie diese hier aus Stanford oder diese aus Großbritannien), die im Kern immer zum gleichen Ergebnis kommen: Bio-Lebensmittel sind insgesamt nicht besser oder schlechter als vergleichbare konventionelle Produkte. In Bezug auf die Umweltauswirkungen, möchte man meinen, ist die Öko-Landwirtschaft dagegen eindeutig überlegen. Und wenn man sich einen Hektar anschaut, der ökologisch bewirtschaftet wird und das mit einem konventionellen vergleicht, ist das auch richtig. Allerdings: Eine an der Universität Oxford durchgeführte Meta-Analyse von 71 wissenschaftlich geprüften (peer reviewed) Studien zeigt, dass die Öko-Landwirtschaft ihren Umweltvorteil verliert – und in mancher Hinsicht sogar problematischer ist als die konventionelle Landwirtschaft – , weil sie mehr Fläche benötigt, um die gleiche Menge an Nahrung zu erzeugen.

Die Bewahrung der Wälder durch mehr Erträge in der Landwirtschaft

Aber selbst darin steckt noch eine Unterschätzung der Umweltauswirkungen der Öko-Landwirtschaft, weil die oben zitierte Studie nicht die größten Folgen der Landwirtschaft berücksichtigt: die Umwandlung von Wald in Ackerflächen. Wir nutzen etwa ein Drittel der globalen Landflächen, um Lebensmittel anzubauen. Das hat zu einer Zerstörung der Hälfte der ursprünglichen Waldflächen geführt. Im globalen Maßstab ist die Landwirtschaft für 80 Prozent der Entwaldung verantwortlich. Die Zerstörung der Wälder ist bei weitem die schlimmste Umweltkatastrophe, mehr als die Auswirkungen von Pestiziden und ein Übermaß an Düngemitteln.

Inzwischen gehen die Prognosen davon aus, dass wir 2050 weltweit 70 Prozent mehr Nahrungsmittel erzeugen müssen als heute. Wenn wir dieses Ziel mit den derzeitigen Erträgen unter Beibehaltung der landwirtschaftlichen Strukturen erreichen wollten, müssten wir 70 Prozent der heute noch vorhandenen Wälder roden. Und wenn wir die Welt allein mit ökologischer Landwirtschaft ernähren wollten, wäre es noch schlimmer, da deren Erträge niedriger sind.

Um wie viel? 2008 befragte die USDA (US-Landwirtschaftsministerium) jeden Öko-Betrieb nach seinen Erträgen. Der Pflanzenpathologe Steve Savage verglich diese mit den Erträgen konventioneller Betriebe im gleichen Jahr. Hier eine Zusammenfassung der Ergebnisse:

In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle liegen die durchschnittlichen Erträge der Öko-Betriebe mäßig bis sehr deutlich unter denen konventioneller Betriebe. Bei Winterweizen erreichen die Öko-Betriebe 60 % der durchschnittlichen nationalen Erträge, bei Mais 71%, bei Sojabohnen 66%, bei Sommerweizen 47% und bei Reis 59%.

Eine andere, an der Universität von Minnesota durchgeführte und in Nature veröffentlichte Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass Öko-Betriebe auf einem Hektar nur zwei Drittel der Menge an Nahrung produzieren wie konventionelle. Oder, anders ausgedrückt: Öko-Lebensmittel benötigen das Eineinhalbfache der Fläche.

Die Ziele des Öko-Landbaus sind respektabel, aber es ist einfach unmöglich, mit so niedrigen Erträgen die Welt zu ernähren, es sei denn, wir sind bereit, nahezu alle noch vorhandenen Wälder zu roden. Die Wälder zu bewahren, bedeutet, mehr Lebensmittel pro Hektar zu erzeugen – und nicht weniger.

Forschungsziele: Mehr Erträge und weniger Kunstdünger

Wie lassen sich die Erträge steigern? Wir könnten es tun, indem wir die Erträge weltweit auf das US-Niveau anheben. Das würde bedeuten, den Farmern in den Entwicklungsländern einen besseren Zugang zu Düngemittel, Pestiziden und Bewässerungstechnik zu verschaffen, also zu all dem, was die Erträge in den USA hoch getrieben haben. Klar, dass die Öko-Anhänger das nicht wollen.

Aber gibt es eine Alternative? Vielleicht – und die Gentechnik könnte dazu der Schlüssel sein. Bisher tragen gentechnisch veränderte (gv-) Pflanzen kaum zu höherenErträgen bei. Aber am Horizont sind einige Ansätze zu erkennen, die einen wirklichen Unterschied ausmachen könnten.

Vergleichen wir die Erträge von Mais (der am meisten angebauten Pflanze in den USA) mit denen von Reis und Weizen (den beiden weltweit wichtigsten Nahrungspflanzen). Mais liefert 70 Prozent mehr Kalorien als Reis und Weizen. Warum? Weil Mais eine „modernere“ Variante der Photosynthese besitzt, die man C4 nennt. Nun versucht ein teilweise von der Gates-Stiftung finanziertes Forschungsprojekt (C4-Rice Project), die dafür verantwortlichen Gene in Reis zu übertragen. Andere Projekte versuchen das gleiche für Weizen. Wenn es gelänge, blieben es weiterhin Reis- und Weizenpflanzen – aber mit einem winzigen Stück aus dem Mais-Genom (etwa 0,1 Prozent) darin. Sie könnten um 50 Prozent höhere Erträge erbringen und noch mehr in Kombination mit anderen Maßnahmen. Auch Wasser und Düngemittel könnten eingespart werden.

Also – mehr Nahrungsmittel, weniger Waldrodungen, weniger Wasser und weniger Kunstdünger. Liegt das nicht auf einer Linie mit den Zielen des ökologischen Landbaus? Und ist es denn wirklich zutiefst unnatürlich, neue Reis- und Weizensorten mit kleinen Anleihen aus dem Mais-Genom zu schaffen?

Andere langfristig angelegte Gentechnik-Projekte beschäftigen sich mit einem weiteren Kritikpunkt, den Öko-Landwirte gegen ihre konventionellen Kollegen ins Feld führen: Den massiven Einsatz von Stickstoff-Düngern, der in die Gewässer gelangt und dort zu „toten Zonen“ führen kann. Schon heute haben gv-Pflanzen (mit Herbizidresistenz) den Einsatz von bodenschonenden Anbauverfahren ermöglicht (no till, pfluglos). Aber inzwischen wird ein weit radikalerer Ansatz verfolgt: Hülsenfrüchte wie Erbsen und Sojabohnen sind nicht auf Stickstoff aus dem Boden angewiesen. Mit Hilfe von Mikroorganismen extrahieren sie den Stickstoff aus der Atmosphäre. Die Luft, die wir atmen, besteht zu 78 Prozent aus Stickstoff. Ein weiteres von der Gates-Stiftung gefördertes Projekt sucht nach Möglichkeiten, dass auch andere Pflanzenarten – etwa Weizen, Mais oder Reis – sich selbst mit Stickstoff aus der Luft düngen können.

Sind das alles keine lohnenden Verbesserungen?

Bessere Versorgung mit Mikronährstoffen

Schließlich gibt es noch die gesundheitlichen Aspekte. Für Öko-Anhänger ist es selbstverständlich, dass ihre Lebensmittel ernährungsphysiologisch besser sind. Und sie sind skeptisch, was die Sicherheit von GVO-Produkten (aus gentechnisch veränderten Organismen) betrifft. Doch der wissenschaftliche Konsens ist, dass für die menschliche Ernährung zugelassen GVO-Lebensmittel wirklich sicher sind. Dieser Konsens ist mindestens genauso stark wie der zum Klimawandel.

Noch wichtiger ist, dass GVO-Produkte nicht nur sicher sind, sondern auch die Ernährung verbessern können. Das Golden Rice-Projekt, bei dem Reis verändert wurde, damit er mehr Vitamin A in den Körnern (und nicht nur in der Schale) bildet, könnte 250 Millionen Kindern helfen, die heute unter Vitamin A-Mangel leiden.  Neben Reis gibt zahlreiche Forschungsprojekte zur Nährstoffanreicherung in Pflanzen.

Angestoßen durch Golden Rice hat eine Gruppe australischer Wissenschaftler eine Reislinie entwickelt, die nicht nur mehr Vitamin A in den Körnern bildet, sondern das Vierfache an Eisen und das Doppelte an Zink. Eine internationale Wissenschaftler-Gruppe verfolgt ähnliche Ideen und überträgt sie auf die in Afrika  für die Grundernährung wichtigste Pflanze: Cassava. Sie hat eine BioCassava entwickelt mit erhöhten Gehalten an Vitamin A, Eisen und wichtigen Proteinen.

Die nächste Generation von gv-Pflanzen kann die Versorgung mit Mikronährstoffen verbessern, zu einem geringeren Verbrauch von Kunstdünger führen und zu höheren Erträgen, die uns ermöglichen, die Welt zu ernähren, ohne die Wälder weiter roden zu müssen. Allerdings: Heute kann man sich gut Öko-Betriebe vorstellen, die keine Pestizide und keinen Kunstdünger verwenden, aber nicht solche, die gv-Saatgut einsetzen.

Umweltfreundlicher, besser für die Wälder, nährstoffreicher und geeignet, die Welt zu ernähren – sind das nicht Ziele, denen sich jeder Öko-Anhänger, jeder Umweltschützer und – verdammt noch mal – jeder Mensch auf der Welt anschließen kann?

Leicht gekürzte Übersetzung eines Textes, der im Blog von Keith Kloor (Collide-a-Scape) auf  der Website des US-Magazines Discover erschienen ist.  Er wurde übernommen aus dem neuen Buch von Ramez Naam: The Infinite Resource: The Power of Ideas on a Finite Planet. Übersetzung: Redaktion Gute Gene, schlechte Gene

Keith Kloor

Keith Kloor ist freier Journalist und außerordentlicher Professor für Journalismus an der New York University. Er schreibt für Zeitschriften und Magazine wie  Slate, Science, Discover, Nature Climate Change, Archaeology, und Audubon Magazine.

 

Ramez Naam

Ramez Naam ist Computer-Wissenschaftler und hat 13 Jahre für Microsoft gearbeitet. Seit einigen Jahren schreibt er Bücher, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. Sein neuestes Buch (The Infinite Ressource: The Power of Ideas) zeigt Wege auf, um den großen Herausforderungen wie Klimawandel, Welternährung, und schwindenden Ressourcen begegnen zu können.

Kommentare

  1. Gerd Spelsberg sagt: 23. Mai 2013

    Auf der (sehr interessanten) Website des Breakthrough Institutes ist gerade ein neuer Beitrag von Ramez Naam zur Gentechnik-Debatte in den USA erschienen:

    Don’t Fight GMO Labels
    http://thebreakthrough.org/index.php/programs/conservation-and-development/dont-fight-gmo-labels/

    Ramez Naam ist für Gentechnik (zumindest für eine sinnvolle, nachhaltige Nutzung gentechnisch veränderter Pflanzen), aber auch für Kennzeichnung von Lebensmitteln. Sein Hauptargument: Gentechnik benötigt das Vertrauen der Öffentlichkeit. Aber das kann nicht entstehen, wenn Politik und Industrie (und auch Teile der Wissenschaft) sich gegen die Kennzeichnung stellen. Auch in den USA hat sich bei Umfragen eine große Mehrheit für Kennzeichnung ausgesprochen.

  2. André de Kathen sagt: 20. Juli 2013

    …das wäre eine gute Idee – aber es scheitert vermutlich an der Frage, was wie zu kennzeichnen ist.
    Alles andere ist nicht wirklich neu, oder?
    Dass die Erträge bei 50-75% liegen sagt auch jeder Agrarbericht schon seit Jahren.
    Dass die ökologischen Gewinne zweifelhaft sind, kann man selbst auf Wikipedia nachlesen.
    Dass die synthetische Biologie noch ganz andere Pfeile im Köcher hat – klar, aber ohne uns.
    Dass die Art des Anbaus und die Struktur der Landschaft größte ökologische Einflussfaktoren sind, ist auch schon seit über 20 Jahren bekannt.
    ….ganz abgesehen von den (Fleisch-)Konsumgewohnheiten und Ansprüchen der Verbraucher.

    Und warum keine Kennzeichnung…wenn ich als Schwarzer bei der Wohnungssuche nur abgelehnt wurde, möchte ich mich auch lieber ohne Bild bewerben. Da kann mir dann jemand etwas vom “Vertrauen” der Mehrheitsbevölkerung erzählen, die anzustreben ist…aber so lange muss ich auf der Straße leben?

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