Wo ist die Grenze?

5. August 2010 | von:

Ein Hauptargument der Gentechkritiker ist schon seit Anbeginn der Diskussion der so genannte „Eingriff in die Schöpfung“. Gentechbefürworter kontern darauf mit der stereotypen Antwort, dass der Mensch bereits seit Jahrtausenden selektierend und kombinierend eingreift und Geschöpfe wie Blumenkohl, Pudel oder Triticale sicher nicht von selbst entstanden wären. Logisch denkenden Menschen ist dieses Argument einleuchtend, daher werden von Seiten der Kritiker Hilfskonstrukte wie Artgrenzen oder natürliche Kreuzbarkeit bemüht, um die scheinbar klare Linie zu bewahren.

Auch diese Grenzsetzung ist natürlich willkürlich, denn gegen die Gattungshybriden Triticale oder Tritordeum hat man noch nie einen Aufruf zur Feld“befreiung“ gehört. Genauso wenig sind aktuelle Braugerstensorten, die sich noch zum großen Teil aus strahlungs- oder chemikalienmutierten Ahnen ableiten, Gegenstand der Diskussion. Wobei – der Ökoverband Naturland hat nun bekannt gegeben, dass die Nutzung von cytoplasmatisch-männlich-sterilen (CMS) Pflanzensorten, die aus Proto- oder Cytoplastenfusion hervorgegangen sind (vom Verband als „kleine Gentechnik“ bezeichnet), bei ihm (und anderen Verbänden) nicht zugelassen sind, und fordert, dieses Verbot auf den gesamten Ökolandbau auszudehnen (http://www.naturland.de/presse.html). Hauptargumente sind einmal wieder die vermeintliche Artgrenze und die fehlende Möglichkeit von Eigennachbau durch den Landwirt. Hmmm – trifft das nicht auch bereits auf Triticale zu, und ist Eigennachbau nicht auch schon bei konventionellen Hybriden so sinnfrei, dass selbst Ökobauern die Finger davon lassen? Was ist mit konventionell erzeugten CMS-Sorten? Ich komme da leider nicht mehr mit, aber vielleicht kann mir ja ein Vertreter der Ökoverbände erklären, wo für ihn die Grenze zwischen gut und böse verläuft? Ich habe da jedenfalls einen Verdacht – wenn Geld verdient, vorzugsweise von einem Konzern, ein Aufregungspotenzial vermutet wird, und andererseits die Praktikabilität der Forderung gewährleistet ist (gegen Hybride im Allgemeinen Stimmung zu machen, wäre töricht, denn man würde viele Sorten ausklammern, auf die auch Ökobauern schwören), dann werden entsprechende Pressemitteilungen lanciert, die mal wieder die Welt in gut und böse teilen, ein Prinzip, das uns anscheinend schon immer im Blut liegt und das seit dem Bedeutungsverlust der Kirchen hierzulande auch in anderen Sektoren immer wichtiger zu werden scheint.

Kommentare

  1. Stefan Rauschen sagt: 6. August 2010

    Die guten alten Artgrenzen. Wenn man sich ansieht, wieviel Übereinstimmungen im Genom zwischen beispielsweise Menschen und Schimpansen bestehen (http://www.nature.com/nature/journal/v437/n7055/full/nature04072.html), oder auch zwischen Menschen und Hunden (und Kürbissen: http://news.bbc.co.uk/2/hi/science/nature/386516.stm), oder überhaupt zwischen allen lebenden Organismen, die sich ja von gemeinsamen Vorfahren ableiten, muss man sich die Frage stellen, warum diesem Null-Argument nicht entsprechend begegnet wird.

    Im Endeffekt sind die genomischen Übereinstimmungen zwischen den Spezies teilweise so weitreichend, dass wir gar nicht wissen, wo die klaren Unterschiede im Verhalten und Aussehen eigentlich herkommen.
    Und dann wird ein großer Unterschied gemacht zwischen Genen aus zwei verschiedenen Pflanzenarten?

    Da haben offensichtlich die Vertreter des Ökoverbandes sich noch nicht tiefgehend genug mit dem Konzept der Arten auseinander gesetzt (welches ja ein vom Menschen geschaffenes Konzept ist).

  2. barbara.elers sagt: 7. August 2010

    und jeder mensch so individuell, dass sowohl fingerabdruck nicht austauschbar als auch immunsuppressiva nötig nach organtransplantation. jedem menschen sein indivuelles eiweiss.
    und: warum ist es nötig, bei den genkonstrukten z.b. den herbizidresistenten zuckerrüben den arteigenen promoter einbauen zu müssen, damit das gen überhaupt abgelesen wird?
    warum scheut sich die gentechnikindustrie überall draufzuschreiben: da ist gentechnik drin, wenn es so unschädlich und super ist?

  3. Stefan Rauschen sagt: 8. August 2010

    Man muss den art-eigenen Promotor nicht unbedingt einbauen, viele Pflanzen leben mit dem P35S Promotor aus dem Blumenkohlmosaikvirus und es funktioniert hervorragend.

    Immunsuppressiva sind auch nicht immer im gleichen Maße nötig, es hängt immer von der Verträglichkeit zwischen Spender und Empfänger ab. Und dass es möglich ist, Menschen Organe vom Schwein zu implantieren (oder Teile davon), macht die Interpretation auch nicht einfacher.

    Aber genau das ist ja der Punkt: wir Menschen sind äusserlich sehr unterschiedlich, dennoch ist die genetische Variabilität nicht unbedingt so immens. Bei Hunden ist das ganze noch schlimmer: die sind genetisch noch weniger unterschiedlich, was man beim Ansehen von Schäferhund und Mopps nicht recht glauben mag.
    Wenn wir mit den Schimpansen (oder den Kürbissen) über 90% (oder immerhin noch über 70%) an genetischer Information gemein haben, was genau ist denn dan ein “Schimpansen-” oder ein “Kürbisgen”?

    “Rattengene” sind schnell als Begriff benutzt, der ekelerregende Assoziationen weckt. Aber was steckt eigentlich hinter dem Begriff? Zu großer Wahrscheinlichkeit ein Gen, das so oder in sehr ähnlicher Form auch im Menschen vorkommt.

  4. barbara.elers sagt: 8. August 2010

    für einen wissenschaftler müsste es doch an der stelle interessant werden, an der etwas anderes erscheint als erwartet. also z.b. die pflanzen, die ohne eigenen promotor nicht wollen.
    es geht auch nicht um einfachheit, sondern u. a. darum, dass mensch trotz hoher genetischer identität individuelles eiweiss besitzt, was sagt das über die genetische identität bzw das eigentlich die bildung der verschiedenen eiweisse? und was ist mit der genetischen variabilität auf der ebene der SNPS, mit deren hilfe vaterschaftstest u.a. möglich sind. also doch nicht alles so gleich, wie die relativität es erscheinen lässt?

  5. Stefan Rauschen sagt: 9. August 2010

    Ich habe mal recherchiert und mal geschaut, welche Promotoren in den aktuell zugelassenen GV Zuckerrüben drin sind.
    In der einschlägigen Datenbank des Center for Environmental Risk Assessment finde ich drei Rüben:

    T12-7 von Bayer (http://cera-gmc.org/index.php?action=gm_crop_database&mode=ShowProd&data=T120-7)
    GTSB77 von Novartis/Monsanto (http://cera-gmc.org/index.php?action=gm_crop_database&mode=ShowProd&data=GTSB77)
    H7-1 von KWS/Monsanto (http://cera-gmc.org/index.php?action=gm_crop_database&mode=ShowProd&data=H7-1)

    Die tragen allesamt einen 35S Promotor aus einem Virus (entweder CamV oder FMV). Daher frage ich mich zunächst einmal, wo die Info herkommt, die Rüben könnten ohne eigenen Promotor nicht.

    Die andere Frage, die sich mir stellt: was ist “individuelles Eiweiss”?
    Ein Körper muss sich von anderen Organismen unterscheiden können. Wenn unser Immunsystem nicht klar Zellen des eigenen Organismus von anderen (Bakterien des Darmes; Bakterien, die über Wunden eindringen) unterscheiden könnte, hätten wir ein großes Problem. Sind solche Eiweisse gemeint?
    Die machen einen Teil der genetischen Variabilität klar aus. Ist das verwunderlich? Und die SNPs sind klar da und damit lassen sich Menschen differenzieren. Das ändert aber nichts daran, dass wir Menschen immer noch über 90% unserer Erbinformationen mit den Schimpansen “teilen”!

    Bleibt damit immer noch die Frage unbeantwortet im Raum stehen, was denn nun “Kürbisgene”, “Schimpansengene”, “Rattengene” oder “Menschengene” sein sollen…

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