Wir machen alles außer Gentechnik

22. September 2014 | von:

Paprika

Mit dem Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen wird es wohl vorerst nichts. Dass ein mehr oder weniger flächendeckendes Verbot in Deutschland kommt, scheint außer Frage. In erster Linie zielt es gegen „Gen-Mais“, aber auch andere „Gen-Pflanzen“ der großen Agrarkonzerne, falls sie in der EU eine Anbauzulassung erhalten sollten. Jedes Verbot bestätigt und bestärkt das Negativ-Image, das Grüne Gentechnik in der Öffentlichkeit hat. Doch: Welche Pflanzen und welche Züchtungsverfahren fallen eigentlich darunter? Das ist keine theoretische Frage. Daran entscheidet sich, was überhaupt eine Chance hat.

Zwischen gentechnisch veränderten Pflanzen und allen übrigen, automatisch als „natürlich“ oder „herkömmlich gezüchtet“ wahrgenommen, besteht eine schroffe Demarkationslinie. Drüben das Misstrauen gegen moderne Wissenschaft, gegen große Unternehmen und die Supermacht USA, hier das Vertrauen in Natur oder gar „Schöpfung“. Dort die Angst vor unkontrollierbaren Risiken, hier das wohlige Bauchgefühl, alles ist gut, weil natürlich.

Und – aus der Sicht von Wissenschaftlern und Unternehmen: Drüben eingezäunte, bewachte Freilandversuche, millionenteure Tests und Zulassungsverfahren, hier eigentlich nichts besonders, nichts was auffällt, keine eigens dafür eingerichteten Behörden, nur die allgemeinen Regeln und Gesetze. Gentechnisch verändert – das bedeutet: Ein Vielfaches an Zeit, Aufwand und Kosten, bis eine neue Sorte auf den Markt kommt. Zudem ist in Europa eine besondere Kennzeichnung vorgeschrieben, die die allermeisten Verbraucher als Warnhinweis verstehen.

Ob eine neue Pflanzensorte, eine Pflanze diesseits der Grenze wächst – wo sich allenfalls Fachleuten dafür interessieren – oder jenseits, wo sie im Scheinwerfer einer über die Maßen besorgten Öffentlichkeit steht – hängt allein davon ab, ob sie im Sinne der Gesetze als „gentechnisch verändert“ gilt oder nicht. Was ein GVO ist, steht seit 25 Jahren nahezu unverändert im Gentechnik-Gesetz (und ähnlich auch in den europäischen Regularien), nämlich ein „Organismus, dessen genetisches Material in einer Weise verändert worden ist, wie es unter natürlichen Bedingungen durch Kreuzung oder natürliche Rekombination nicht vorkommt.“ (§3)

Anders als die scharfe Grenzziehung im Gesetz verläuft der Übergang zwischen „gentechnischen“ und „konventionellen“ Züchtungsverfahren in der Praxis jedoch längst fließend. Die dynamische Entwicklung der Molekularbiologie hat die schöne Unterscheidung zwischen „natürlichen“ (nicht regulierten) und „nicht-natürlichen“ (hoch regulierten) Verfahren  gehörig durcheinander gebracht.

Züchter der alten Schule brauchen Glück – oder unendlich viel Zeit – , um nach dem Kreuzen verschiedener Mutter- und Vaterlinien unter Millionen von Nachkommen die eine Pflanze mit der „richtigen“ Kombination von Genen zu finden und anschließend die mitvererbten unerwünschten Eigenschaften wieder zu entfernen. Die Gentechnik verhieß, Gene für ein Merkmal gezielt übertragen zu können. Doch inzwischen gibt es neue molekularbiologische Verfahren, mit denen die Züchter ähnliches erreichen können – ohne den ganzen politischen und rechtlichen Ballast der Gentechnik. Heute ist es möglich, in relativ kurzer Zeit Pflanzen mit Eigenschaften zu züchten, die vor einigen Jahren noch zwingend die Gentechnik erforderten. Dazu haben vor allem das enorm angewachsene Wissen um den genetischen Hintergrund von Pflanzeneigenschaften beigetragen, aber auch Hochleistungssequenzierautomaten, mit denen Millionen von Nachkommen in kürzester Zeit auf bestimmte Genkombinationen gescreent werden können.

Ob Löwenzahn, der Kautschuk für Autoreifen produziert, herbizidresistente Zuckerrüben, überschwemmungstoleranter Reis oder optisch und geschmacklich aufgepepptes Gemüse –  solche neuen Pflanzen gelten nach den geltenden Gesetzen als „herkömmlich“. Und das bedeutet: Sie müssen weder gekennzeichnet noch zugelassen werden, und niemand sorgt sich, wenn auf einem Versuchsfeld in der Nachbarschaft solchen Pflanzen getestet werden.

Gerade kommen weitere neue Verfahren hinzu. Viele davon nutzen natürliche zelleigene Mechanismen und Reparatursysteme als „Werkzeuge“, um DNA zu editieren, etwa um einzelne Basenpaare oder Genabschnitte abzuschalten oder punktgenau Mutationen auszulösen. Was unter natürlichen Bedingungen zufällig und ungerichtet abläuft, geschieht in der modernen Pflanzenzüchtung präzise und gezielt. Theoretisch könnte das, was nun im Labor gemacht wird, auch in der Natur passieren. Das Ergebnis – die Pflanze – unterscheidet sich nicht. Und auseinanderhalten, ob eine bestimmte Mutation technisch oder natürlich entstanden ist, lässt sich selbst mit den leistungsfähigsten PCR-Verfahren nicht.

Die GVO-Definition des Gentechnik-Gesetzes ist entstanden, weit bevor diese „naturnahen“ molekularbiologischen Präzisionsverfahren in der Pflanzenzüchtung vorstellbar waren. Dennoch entscheidet sich anhand dieser Definition, welche der neuen Verfahren hinter die GVO-Demarkationslinie führen werden und welche davor bleiben dürfen. Und das ist alles andere als eine akademische Frage: Sie bestimmt, ob eine Technologie – eine neue Pflanze und die daraus hergestellten Produkte –  überhaupt eine Chance hat. Gilt sie nach der gesetzlichen Definition als GVO, wird sie wohl nicht über Labor und abgesichertes Gewächshaus hinaus kommen. Oder, anders ausgedrückt: Nur solche Züchtungsverfahren haben eine Zukunft, die nicht als GVO eingestufte Pflanzen hervorbringen und damit unterhalb der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle bleiben.

Inzwischen haben verschiedene wissenschaftliche Kommissionen (z.B. ZKBS, JRC ) dazu Berichte vorgelegt und Vorschläge gemacht, welches der neuen Verfahren zu einem GVO führt und welches nicht. Aber es geht eben nicht nur um fachliche Fragen, sondern um wirtschaftliche Interessen, um Märkte ebenso wie ums Image. Doch kaum jemand aus der Branche wagt eine offene Diskussion über das, was angesichts der wissenschaftlichen Fortschritte in Zukunft als GVO gelten soll und welches Maß an Regulierung überhaupt sinnvoll ist. Und vor allem: Ob eine an einem fragwürdigen Natürlichkeitsbegriff ausgerichtete Einstufung von Züchtungsverfahren nicht endlich überdacht werden muss. Die Züchter nicht, weil sie fürchten müssen, dass die Gentechnik-Phobie auch auf neue Züchtungsverfahren überschwappt, sobald diese von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Aber auch die NGOs, die „Zivilgesellschaft“ nicht, weil daran ihre inneren, bisher von der gemeinsamen Gentechnik-Ablehnung übertünchten Konflikte aufbrechen könnten.

So gelten für Greenpeace oder die Grünen alle nicht zu GVO führenden Verfahren als „herkömmlich“. Sie schwärmen von den neuen Möglichkeiten von Smart breeding, Tilling oder TALEN. Andere dagegen wollen das Bild der bösen, unkontrollierbaren Gentechnik weiter nutzen, um damit auch andere Verfahren zu attackieren. Da werden Hybridsorten zu hidden GMO oder die synthetische Biologie zu „extremer Gentechnik“. Neue Munition, um den Grosskonflikt bäuerliche Öko-Landwirtschaft gegen Agroindustrie weiter anzufeuern.

Aber für die Verbände des ökologischen Landbaus ist es eine schmale Gratwanderung. Sie müssen auf der Hut sein, dass einige der neuere Züchtungsverfahren, die für sie nützlich sind und die sie auch bereits einsetzen, nicht das bisher so makellose Bild trüben. Der “Skandal” um CMS-Hybride bei Öko-Chicorée und -Broccoli hat gezeigt, dass jede öffentliche Diskussion um neue, wissenschaftsbasierte Züchtungsverfahren zu einem Vertrauensverlust gegenüber der Bio-Branche führt. Bei den CMS-Hybriden blieb den deutschen Öko-Verbänden kaum anderes übrig, als ihre Lieferanten zum Verzicht auf CMS-Sorten zu verdonnern. Die bisher nur intern geführte Debatte, welche der neuen Züchtungstechniken denn im Öko-Landbau erlaubt sein sollen, könnte zu einer Spaltung der Öko-Branche führen, in einen wirtschaftlich auf Wachstum orientierten Teil (Öko-Landbau 3.0) und einen, der an der „reinen Lehre“ festhält und in der Nische bleiben möchte.

Aber so notwendig auch eine offene, quer zu den erstarrten Fronten geführte Debatte über diese Themen sein mag, realistische Chancen dafür sind derzeit kaum zu erkennen.

Gute Gene, Schlechte Gene möchte sich mit dem Thema neue Züchtungstechnologien und GVO-Definition auch künftig weiter beschäftigen. Beiträge, auch von Gastautoren, sind willkommen.

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Foto: iStockphoto

Kommentare

  1. Dance sagt: 23. September 2014

    Schön hier wieder was zu lesen; guter und interessanter Artikel!

  2. Dance sagt: 25. September 2014

    Hm, Flattr-Button kaputt?

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